Der Durchschnittsmensch trifft jeden Tag etwa 100.000 Entscheidungen – die meisten davon natürlich unbewusst und unterbewusst. Treffen wir eine bewusste Entscheidung, so ist dieser Prozess meist ein Abwägen von Gründen, Handlungsschritten und Konsequenzen. Daher sind wir in der Lage, Entscheidungen zu begründen und uns zu rechtfertigen.

Nehmen wir nun an, sie könnten sich zwischen zwei potenziellen Partnern entscheiden. Nach Ihrer Wahl seien Sie jedoch plötzlich mit demjenigen Partner verbandelt, den Sie sich nicht ausgesucht hatten. Würden Sie das merken? Sicher würden Sie das! Doch ein Experiment aus Skandinavien (pdf) zeigt, dass uns der Unterschied bei etwas abstrakterer Durchführung häufig nicht auffällt – und wir die vermeintlich falsche Partnerwahl plötzlich für goldrichtig halten.

Das Experiment

Die Psychologen Lars Hall und Petter Johansson von der Universität Lund in Schweden fanden heraus, dass wir auch nach dem Treffen einer Entscheidung durchaus dazu fähig sind, die vermeintlich ungewollte Alternative als richtig zu empfinden. Dieser Erkenntnis lag folgendes Experiment zugrunde: Männliche und weibliche Probanden wurden gebeten, aus zwei Gesichtern auf Fotos das attraktivere auszuwählen. Anschließend sollten sie die Gründe für “ihre” Entscheidung darlegen.

Was sie nicht wussten: Mit einem einfachen Zaubertrick hatten die Forscher kurzerhand die Fotos vertauscht. Die Probandin oder der Proband hielt nun das vorher abgelehnte Gesicht in den Händen.

Das Ergebnis

Das Erstaunliche: Nur 13 Prozent der Hereingelegten bemerkten überhaupt, dass die Gesichter vertauscht worden waren. Der Rest hielt das eigentlich ausgesiebte Foto für die eigene Wahl und erfand fröhlich Argumente dafür, warum gerade diese Person besonders attraktiv war.
Beispielsweise gab ein Proband an, Frauen mit Ohrringen zu bevorzugen – dabei trug nur die von ihm abgelehnte Dame Ohrschmuck. Eine andere Person gab ein Lächeln auf dem Foto als ausschlaggebendes Argument an. Auf dem Bild in seiner Hand war jedoch kein lächelndes Gesicht zu erkennen – lediglich das ursprünglich gewählte Gesicht zeigte sich freundlich.

Hall und Johansson gaben dem Phänomen die Bezeichnung Choice blindness; im Deutschen wird der Begriff Wahlblindheit verwendet. Das folgende BBC-Video erklärt neben dem Versuchsaufbau übrigens auch den (simplen) Kartentrick.

Die Interpretation

Das Ergebnis des Experimentes lässt verschiedene psychologische Interpretationen zu. Der naheliegendste Denkvorgang der Teilnehmer ist, dass ein Fehler in der Entscheidung schlicht für unmöglich gehalten wurde und das gezeigte Gesicht daher sicher gewollt war.

    1. Treffen wir eine Entscheidung aus Überzeugung, so verteidigen wir eher ein ungewolltes Ergebnis, als einen Fehler in Betracht zu ziehen.

Eine weitere Rolle könnte die Zeit der Entscheidungsfindung spielen. Die Auswahl zwischen den Gesichtern erfolgte schließlich eher spontan und nicht nach stundenlanger Abwägung.

    2. Messen wir einer Entscheidung zu wenig Zeit bei, so sind wir anfälliger dafür, ungewünschte Konsequenzen schlicht zu ignorieren.

Die dritte Dimension des Experimentes geht in eine ähnliche Richtung und betrifft die Intensität des Auswahlvorgangs.

    3. Formulieren wir keine genauen Kriterien für ein gewünschtes Ergebnis, so kommen wir leicht am falschen Ziel an – und merken dies vielleicht nicht einmal.

Natürlich sind das nur Interpretationen eines neurowissenschaftlichen Vorgangs, dessen Gründe durch jahrelange Forschung ausgearbeitet werden müssten. Die Beschäftigung mit dem Phänomen der Wahlblindheit ist aber in jedem Fall interessant, denn dahinter steckt die Frage, ob unsere Entscheidungen in der Vergangenheit das gewünschte Ergebnis mit sich gebracht haben. So oder so – überprüfen Sie doch mal wieder, ob Ihr Partner noch der gleiche Mensch wie gestern ist!