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Josef Müller liebte den Luxus. Champagner-Müller nannte ihn die Boulevardpresse. Limousine, Drogen und leichte Mädchen finanzierte er aus hoch riskanten Geschäften als Steuer- und Anlageberater. Bald handelte ihn die Münchner Schickeria als Geheimtipp für schnelle Geldvermehrung. Besonderen Charme strahlte er aus, weil er trotz Querschnittlähmung den Weg nach oben geschafft hatte. Im Rollstuhl auf der Überholspur, gelang ihm sogar der Aufstieg in Diplomatenkreise. Doch Müller verspekulierte sich, wurde zum Betrüger und landete nach langem Katz- und Mausspiel mit den Behörden schließlich im Knast. "Ziemlich bester Schurke" heißt die Biografie, die der Millionen-Betrüger nun veröffentlich hat. Neben einer filmreifen Lebensgeschichte bietet das Buch, ganz nebenbei, auch praktische Hinweise, wie sich Karriere machen lässt – und wie besser nicht.

Schurkenstück: Ein Lebensstil der Gier

Von ziemlich besten Schurken will man gerne wissen, wann und auf welche Weise genau er in Sünde gefallen ist. Sei es, um Anregungen für eigene Geschäftstätigkeiten zu bekommen, sei es, um vor juristischen Fallstricken gewarnt zu sein, oder sei es, um schlicht Abscheu zu empfinden.

Hier erzählt Josef Müller selbst, wie es ihm erging...

Zum ersten Mal rechtskräftig verurteilt wurde ich im Mai 1992, wegen unterlassener Konkursantragstellung und Bankrott in drei Fällen, außerdem wegen Betrug, Kreditbetrug und Untreue in drei Fällen, sowie falscher Verdächtigung und Steuerhinterziehung. Das Urteil lautete: Zwei Jahre mit Bewährung und 44.000 DM Geldstrafe.

Ich nahm diese Warnung nicht ernst genug. Was mir mein Gewissen sagte, wurde übertäubt von den Realien. Plötzlich fehlte es mir nämlich hinten und vorne an Mitteln, um meinen luxuriösen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Ich hatte mich an das Leben in Saus und Braus gewöhnt:

  • einen eigenen Chauffeur zu haben,
  • in den feinsten Restaurants zu speisen,
  • das Edle und Beste, was die Welt bot, zu genießen,
  • und dass in regelmäßigen Abständen von maximal einem Jahr diverse Neuwagen fällig waren.
  • Und Motoryachten bezahlten sich auch nicht von selbst.

Es war meine Gier nach diesem Luxus, die mich dazu antrieb über meinen Verhältnissen zu leben und weiter zu betrügen. Letztendlich brachte mich diese Lebenseinstellung für Jahre hinter Gitter.

Millionen-Beträge verzockt

Richtig viel Geld verdiente ich später mit riskanten Finanzspekulationen an der Börse. Investoren aus ganz Europa setzten auf mein Anlagetalent und überwiesen mir hohe Geldbeträge – teilweise sogar ohne vertragliche Absicherung.

Meine Kunden waren – wie ich selbst – von einer unbändigen Gier getrieben.

Diese Gier brachte meine Investoren dazu, das Risiko auszublenden und stattdessen bereits zu träumen, welches Boot oder welche Nobelkarosse sie sich vom Gewinn als nächstes leisten würden.

Es gab eine Zeit, da hat man meine Telefonnummer am Golfplatz unter der Hand weitergegeben, mit dem Hinweis, dass man beim Steuerberater Müller Geld anlegen kann und er es wundersam vermehrt. Für viele Investoren ging der Schuss dann nach hinten los – um meinen teuren Lebensstil zu finanzieren, habe ihr Geld an mich selbst ausgeliehen und es verzockt.

Heute habe ich zehn Millionen Euro Schulden und bereue zutiefst, wohin mich meine Gier gebracht hat.

Vom Schurken lernen

Trotz der vielen Schurkenstücke und Eskapaden während meines Berufslebens möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich lange Jahre in meiner Haupttätigkeit als redlicher Steuerberater meine Brötchen mit harter, gewissenhafter, kompetenter Arbeit verdient habe. In dieser Zeit habe ich Erfolgsfaktoren kennengelernt, an denen ich – bei aller Reue über meine Betrügereien – nichts Verwerfliches finden kann:

  1. Disziplin und Einsatzwillen

    Ich begann als kleiner fleißiger Steuerberater, der nie vor 22 Uhr aus dem Büro kam und morgens stets als Erster wieder da war. Und mit der Zeit wuchs meine Kanzlei. Wer meint, man käme allein mit einigen guten Beziehungen und dank ein paar glücklichen Umständen weit nach oben, der täuscht sich. Hinter so einem Weg stehen enorm viel Aufwand und Einsatz. Oder anders gesagt: Von nichts – kommt nichts. Ohne mein großes Engagement als Steuerberater wäre ich nie zu Ansehen und Würde gekommen; zu jenen wichtigen Aspekten also, die mir erst die Basis für all die notwendigen Kontakte und die künftigen – zugegeben, teilweise ziemlich krummen – Geschäfte gebaut haben.

  2. Optimierungspotenzial entdecken

    Schon in meiner Jugend checkte ich, wo immer ich hinkam, die Lage und die Läden. Ich sah ihnen meist auf den ersten Blick Erfolg oder Misserfolg an. Einmal besuchte ich eine Disco, blieb aber an der Küche hängen. Wie kompliziert die da die Schnitzel zubereiteten! Das ist ja total irrational! Ich fragte mich nach dem Geschäftsführer durch und wies ihn auf die ineffizienten Arbeitsabläufe hin. Mann, so konnte man doch kein Geld verdienen... Der Gute schaute mich an wie ein Auto.

  3. Die Nische finden

    Ich betrieb immer mehrere Firmen und Projekte gleichzeitig. Mit keiner meiner Unternehmungen suchte ich den Verdrängungswettbewerb. Eine solche Unternehmensstrategie ist aufwändig und riskant. Ich forschte immer nach der Marktnische, fragte mich: Was übersehen die Großen, was machen die falsch?

  4. Sich nicht von den Umständen bestimmen lassen

    Ich wurde mit 17 Jahren durch einen grausamen Unfall in den Rollstuhl gezwungen; ein Geschick, das für einen Vitalitätsbolzen und geborenen Unternehmer wie mich einfach nicht passte. Ich akzeptierte von da an keine Limitationen, auch nicht solche vom Schicksal, vom Himmel oder von weiß Gott woher. Ich wollte nicht nur das gleiche volle, satte, runde Leben wie alle anderen. Ich wollte mehr davon, deutlich mehr. Durch den Rollstuhl mutierte ich erst richtig zu dem Energiebündel, das ich heute bin.

Über den Autor und sein Buch

Fürstenfeldbruck,22.2.2013.Josef Müller.Foto:Daniel BiskupDer Münchner Finanzjongleur Josef Müller bewegte sich Jahrzehnte lang in den Kreisen der Superreichen. Er gründete mehrere Steuer- und Wirtschaftsprüfungskanzleien mit insgesamt 50 Mitarbeitern, bis er zum Gauner mutierte und im Gefängnis landete.

In seinem Buch "Ziemlich bester Schurke" erzählt der Autor wie er vom angesehenen Steuerberater zum Betrüger wurde – und wie ein Gefängnisaufenthalt sein Leben für immer veränderte. Heute lebt Josef Müller in Fürstenfeldbruck. Er hat zehn Millionen Euro Schulden.

Bonus: Drei Fragen an einen geläuterten Ex-Schurken

Herr Müller, Sie haben in Ihrem Leben einige krumme Dinger gedreht: Kreditbetrug, Steuerhinterziehung, Geldwäsche. Warum ging das so leicht?

Ich habe ich mir das Vertrauen vieler Leute erschlichen. Ich habe ihnen vor Augen gemalt, wie ein Leben in Saus und Braus aussieht: ein Maybach als Limousine, schnelle Yachten, große Villen, wilde Partys, Drogen und viel Sex. Dann machte ich mir ihre Habgier zu eigen und zeigte ihnen Wege, ihr Vermögen bei mir zu vermehren. Phasenweise bekam ich das Geld regelrecht hinterhergeworfen. Ich merkte schnell: Wenn man den Leuten eine plausible Geschichte erzählen kann, investieren sie. Die hohen Renditen, die ich anpries, konnte ich anfangs ja tatsächlich erzielen. Dieser Teil war keine Show. Auf die Gier der Menschen konnte ich mich verlassen. Sie brachte meine Investoren dazu, das Risiko auszublenden und stattdessen bereits zu träumen, welches Boot oder welche Nobelkarosse sie sich vom Gewinn als nächstes leisten würden. Diese Form der Manipulation war im Rückblick wohl meine größte Schurkerei.

Zum Betrüger zu werden, war aber wohl nicht Ihr Plan?

Nein. Das Ganze ging nicht von heute auf morgen. Ich war anfangs ein fleißiger, ehrgeiziger und ziemlich erfolgreicher Steuerberater. Bald bewegte ich mich im Milieu der Münchner Schickeria, wo man mit dem Geld nur so um sich warf. Bei den Reichen habe ich gesehen, dass sie – sagen wir mal salopp – ihre Yachten wechseln, wie die Unterwäsche. In diesen Kreisen konnte man mit großen Autos, schnellen Booten, Klamotten, Schmuck und einem ausschweifenden Partyleben Eindruck schinden. Und das wollte ich. Mir ging es weniger um das Geld als um den Einfluss, den ich damit ausüben konnte. So wurde ich mit den Jahren zu einem echten Protz, der für die große Show nicht einmal mehr davor zurückschreckte, das Geld seiner Mandanten zu veruntreuen.

Haben Sie heute Gewissensbisse?

Ja klar. Viele Menschen, die mir vertrauten, haben durch mich ihr Geld verloren. Das trifft mich immer noch sehr und ich habe Schuldgefühle, die ich auch nicht mit meinem Haftaufenthalt von fünf Jahren und vier Monaten wettmachen konnte. Der finanzielle Schaden bleibt ja. Ich bin pleite und habe zehn Millionen Euro Schulden. Im Spiegel kann ich mich nur deshalb noch anschauen, weil ich im Gefängnis zum Glauben gefunden habe. Ich weiß, dass Gott mir meine Schurkenstücke vergeben hat. Meine Gläubiger können sich davon natürlich nichts kaufen. Sie können aber zu mir kommen, und ich entschuldige mich von Herzen bei ihnen. Eines meiner größten Anliegen ist es, persönlich reinen Tisch zu machen.

Danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: Daniel Biskup]