Früher ging beim Berufseinstieg ohne Vitamin B gar nichts. Insbesondere die aussichtsreichen Positionen waren ohne Empfehlung außerhalb jeder Reichweite, denn die Konkurrenz am Arbeitsmarkt war groß. Heute hofieren Unternehmen jeden Bewerber, damit ihnen ja keine Nachwuchshoffnung durch die Lappen geht. Lohnt sich da Beziehungspflege für die berufliche Entwicklung überhaupt noch?

Schließliich ist der Aufbau und Pflege eines Netzwerks ja ganz schön aufwändig: Da müssen Mitglieder nicht nur ausgewählt und eingeladen werden, Sie müssen Ihnen außerdem Aufmerksamkeit widmen und Nutzen bringen, damit sie Ihnen gewogen bleiben. Und das ist ein zweischneidiges Unterfangen: Wenn Sie Ihre Mitbewerber mit zu vielen Informationen versorgen, werden sie viellecht sogar zu Konkurrenten. Oder?

Sieben gute Gründe fürs Netzwerken

Sicher, diese Gefahr besteht. Doch sie ist selten. Im Regelfall wird intensives Netzwerken belohnt. Und seine Bedeutung wird in Zukunft sogar noch weiter steigen.

  1. Die richtig guten Jobs werden nach wie vor nur unter der Hand vergeben. Und nicht nur die: Immer mehr Stellen werden nur über persönliche Kontakte besetzt. Aktuell sind es zwei Drittel der offenen Posten. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Die Information, wo sich gerade Chancen ergeben, kann Ihnen nur ein gutes Netzwerk liefern.
  2. Über Ihr Netzwerk erfahren Sie besser als auf jeder Bewertungsplattform, wie es in den Unternehmen wirklich zugeht. So stellen Sie fest, ob das Unternehmen hinter der Fassade des Employer Brandings wirklich das hält, was es verspricht – und ob eine Bewerbung dort für Sie überhaupt in Frage kommt.
  3. Weil sich die technische Entwicklung weiter beschleunigt und wirtschaftliche Zyklen immer kürzer werden, entstehen immer mehr Stellen kurzfristig, wenn Angebot und Nachfrage zusammenpassen. Dass diese Stellen nicht von Dauer sein werden, versteht sich fast von selbst: Rechtzeitige und zielgerichtete Insider-Informationen werden karriereentscheidend.
  4. In den schnelleren ökonomischen Zyklen kommt es auf die richtigen Menschen am richtigen Ort an. Nur, wer wirklich auf seine Mitarbeiter vertrauen kann, wird am Markt bestehen. Damit gewinnen Empfehlungen an Bedeutung, denn sie reduzieren die Gefahr, sich für den falschen Bewerber zu entscheiden.
  5. Dank Ihrer Kontakte bleiben Sie über die aktuellen Trends auf dem Laufenden. Sie erfahren, wohin die Entwicklung in Ihrer Branche und Ihrem Unternehmen geht. So verpassen Sie nicht nur keine Chance zur Weiterentwicklung, sondern erfahren auch rechtzeitig, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, weil Ihr Unternehmen die Trends verschläft.
  6. Da Aufgaben immer komplexer werden, müssen Teams sich zunehmend gegenseitig unterstützen. Schließlich ist ein Team nur so stark wie sein schwächstes Glied. Damit hängt auch Ihr Erfolg davon ab, dass Sie andere bei Ihrer Arbeit unterstützen. Gleichzeitig binden sie sie so in Ihr Netzwerk ein.
  7. Das gilt in zunehmendem Maße auch fürs Zwischenmenschliche: Weil in wechselnden Projekten Menschen nur vorübergehend aufeinander treffen, wird gegenseitige Unterstützung – etwa bei der Suche nach Einkaufsmöglichkeiten oder der Unterstützung bei Behördengängen – immer wichtiger.

Ich behaupte sogar, dass die Soft Skills künftig zu den bedeutendsten Eigenschaften für eine erfolgreiche Karriere gehören werden. Nur, wer sich (auch) für andere einsetzt, wird selbst weiterkommen. Einzelkämpfer dagegen sind zum Untergang verdammt.

Das steht jetzt natürlich im krassen Gegensatz zum Bild des Karrieristen, der in erster Linie seine Ellbogen einsetzt, um nach oben zu kommen. Nur: Dieser muss dann einen Löwenanteil seiner Zeit dafür aufwenden, seine Position zu verteidigen, wenn er oben angekommen ist. Und dafür bleibt angesichts der Beschleunigung in Zukunft keine Zeit mehr. Das macht diesen Typus zum Auslaufmodell.

Die Pflege des Netzwerks ist ganz leicht

Unterm Strich ist erfolgreiches Netzwerken gar nicht aufwändig: Vieles geht fast schon nebenbei und unterscheidet sich vom Aufwand her kaum von dem, was Sie mit Ihren Freunden anstellen: Gemeinsame Zeit verbringen, reden, unterstützen.

Damit sind die Grundlagen Ihres Netzwerks übrigens auch schon gelegt: Ebenso wie Profs, frühere Chefs, Kommilitonen, Arbeits- und Praktika-Kollegen sind Freunde optimale Multiplikatoren. Das gilt natürlich auch für Bekannte aus gemeinsamem sozialen Engagement. Sie alle bringen ihre aktuellen, aber auch alle künftigen Kontakte in Ihr Netzwerk ein – und erhöhen so Ihre Chancen.

Wenn Sie diese Kontakte nachhaltig erschließen möchten, sollten Sie diese Punkte beachten:

  • Seien Sie präsent: Egal ob in virtuellen Welten oder im realen Leben – zeige Sie sich! Je aktiver Sie am Netz mitknüpfen, desto besser werden Sie wahrgenommen. So schaffen Sie die Grundlage Ihrer beruflichen Entwicklung.
  • Pflegen Sie Ihr Netzwerk: Seien Sie aufmerksam, zuvorkommend und höflich. Oft reicht es schon, wenn Sie Geburtstagsgrüße senden, zu beruflichen Entwicklungen gratulieren oder sich nach dem Befinden erkundigen – Hauptsache, Sie zeigen, dass Sie Ihre Kontakte wertschätzen.
  • Machen Sie sich nützlich: Versorgen Sie Ihre Kontakte mit Informationen, die ihnen nützen. Was das ist, erfahren Sie durch Nachfragen und Interesse zeigen. Auch das ist übrigens Kontaktpflege. Wenn Sie Ihren Mitmenschen nützlich sind, werden ihre Netzwerkpartner auch Sie unterstützen.
  • Übertreiben Sie nicht: Keiner möchte fünf Dossiers mit „wichtigen“ Informationen pro Woche erhalten. Auch, wenn Sie mehrmals am Tag nach dem Wohlergehen fragen, könnte das aufdringlich wirken. Akzeptieren Sie die Grenzen Ihrer Mitmenschen!

Das Wichtigste am erfolgreichen Netzwerken ist aber die Ausdauer. Investieren Sie lieber pro Einsatz wenig Zeit und Energie, engagieren sich dafür aber langfristig – und immer wieder. Indem Sie dran bleiben, sorgen Sie für Kontakte, die Ihnen oft nach Jahren noch nützlich sind. So sichern Sie sich nachhaltigen beruflichen Erfolg.