Digitalisierung: Wie verändert sie die Arbeitswelt?
Wie verändert die Digitalisierung die Wirtschaft? Was macht sie mit uns Menschen? Und wie müssen wir ihr begegnen? Fragen, die sich Joël Luc Cachelin mehr als einmal gestellt hat. Der Schweizer hat an der Universität St. Gallen studiert und promoviert. Seit 2009 ist er Geschäftsführer der Wissensfabrik, einer Beratungsfirma für die "digitale Transformation". Karrierebibel hat mit ihm gesprochen.

"Wichtig ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen"

Herr Cachelin, waren Sie heute schon auf Facebook?

Ja, ich gehe oft auf Facebook, vielleicht zu oft. Es ist Zeitvertrieb und auch ein wichtiges Marketinginstrument für meine Wissensfabrik. In den letzten Monaten hat es sich zudem zu einem wichtigen Informationsmedium entwickelt. Die Nutzer und Institutionen, deren Neuigkeiten ich erhalte, übernehmen eine Filterfunktion. Dabei bin ich mir schon bewusst, dass Algorithmen mitbestimmen, was zu mir vordringt.

Ich frage deshalb, weil Sie der Digitalisierung ja im Grunde sehr skeptisch gegenüberstehen.

Zunächst einmal bin ich ein grosser Befürworter der digitalen Gesellschaft. Das Internet bringt große Errungenschafen mit sich. Es macht unsere Leben einfacher, intensiver, ermöglicht, unsere Ressourcen effizienter einzusetzen und bringt neue Formen der Intelligenz hervor. Ich lebe sehr intensiv digital. Genauso bringt es aber auch neue Gefahren mit sich. Diese sind nicht immer sichtbar und mir ist wichtig, dass Chancen und Gefahren gleichzeitig betrachtet werden. Zum Beispiel bringt die Digitalisierung neue Formen der Überwachung oder der ökonomischen Verführung. Darüber hinaus ist die digitale Gesellschaft sehr ressourcenintensiv. Als Gesellschaft müssen wir aktiver steuern, in welcher digitalen Gesellschaft wir leben wollen.

In Ihrem Buch "Offliner" beschreiben Sie 16 Offliner-Typen, zum Beispiel Entschleuniger, Romantiker und Datenschützer. Welcher Typ sind Sie?

Das Buch stellt weniger eine Typologie im Sinne von 'Du bist das' und 'Ich bin das'. Wichtiger war mir zu zeigen, dass es unterschiedliche Motive gibt, um der steigenden Digitalisierung skeptisch gegenüber zu stehen. Insofern denke ich, dass wir alle zu Teilen Offliner sind. Dabei mischen sich die unterschiedlichen Motive, die Typologie ist also nicht trennscharf.

Sie warnen, wie viele andere auch, vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, die in Zukunft von Robotern und Maschinen übernommen würden. Welche Eigenschaften, neudeutsch: Skills, werden Ihrer Meinung nach in der heraufziehenden Arbeitswelt denn dann für uns Zurückgebliebene besonders wichtig sein?

Ich denke, dass alle Fähigkeiten wichtiger werden, die mir als Individuum erlauben, mich in einer digitalen vernetzten Gesellschaft selbständig zu bewegen. Es geht also um eine umfassende Selbstkompetenz, die bei der Selbstreflexion beginnt und sich mit Selbstmanagement und Selbstvertrauen fortsetzt. Wichtig sind darüber hinaus Kommunikationsfähigkeiten, wozu auch die Selbstvermarktung und die Vernetzung gehören. Wichtig scheint mir zudem die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Das ist eine zentrale Fähigkeit, die uns bis jetzt von den Maschinen unterscheidet.

Welchen Rat würden Sie einem Schüler geben, der gerade vor der Entscheidung steht, was er lernen, studieren oder welche Ausbildung er machen soll?

Viele zukünftige Berufe und Tätigkeiten werden sich durch die Maschinen verändern. Die zukünftige Elite wird sich wohl aus den Menschen zusammensetzen, welche die Maschinen entwickeln und das Zusammenspiel von Mensch und Maschinen managen. Konkret geht es um Robotik, das Programmieren und Statistik, aber auch um sämtliche Managementtätigkeiten, die einen mit einem wirtschaftlichen, die anderen mit eher einem sozialen oder spielerischen Fokus. Je mehr die Maschinen Einzug halten, desto mehr wird das Handwerk eine Renaissance erleben. Warum also nicht Schumacher oder Gärtner lernen.

Und welche Jobs oder Berufsbilder haben Ihrer Einschätzung nach keine Zukunft?

Ich glaube, sämtliche Berufe und Berufsbilder geraten unter Druck. Einerseits verändern sich Berufe und Stellen immer schneller. Man kann auch vom Ende des Berufes oder dem Ende der Stelle sprechen. An deren Stelle rücken Kompetenzsets beziehungsweise die Fähigkeit, sich zu verändern. Die meisten von uns werden in Zukunft mehrere Jobs in mehreren Unternehmen durchlaufen und dabei auch unterschiedliche Tätigkeiten wahrnehmen. Verschwinden werden sämtliche Tätigkeiten, bei denen wir als Gesellschaft beschließen, dass sie besser von Maschinen erledigt werden können. Das kann Mitarbeitende an Kassen, in Callcentern, Ticketcontrolleure, Chauffeure, Chirurgen und Piloten betreffen. Letztlich ist es auch eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz, was wir an Maschinen delegieren wollen.

Sie schreiben auch, dass sich Unternehmensführung und Management durch die Digitalisierung radikal ändern müssen. Inwiefern?

Die Digitalisierung setzt zahlreiche Branchen unter Druck. Das ist vielerorts schon spürbar, andernorts wie bei Banken, Versicherungen, aber auch dem Einzelhandel oder den Mobilitätsanbietern tut man noch so, als würde sich gar nichts verändern. Unternehmen müssen sich viel schneller verändern, anpassen als früher, sonst schrumpfen sie massiv oder gehen ganz ein. Zudem verändern die Maschinen die Rolle des Menschen im Wertschöpfungsprozess. Damit meine ich nicht nur die Roboter, sondern auch die Automaten, Algorithmen und Drohnen. Den Menschen bleibt das kreative und kritische Denken, das Erkennen von Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen, das Ausdrücken und Verstärken von Emotionen. Letztlich bringt die Generation Y in Bezug auf Freiheit, IT und Arbeitsverhältnisse neue Erwartungen in die Unternehmen. Von dieser dreifachen Veränderung scheinen viele Unternehmen wenn nicht überfordert, dann doch herausgefordert zu sein.

Auf welche Seiten oder Dienstleistungen im Netz können Sie denn ganz persönlich nicht mehr verzichten?

Für mich sind die Schweizer Tageszeitungen wichtig, um mich über das Weltgeschehen zu informieren. Die Trendrecherche mache ich mehrheitlich mit Facebook und Twitter. Ohne Suchmaschine geht es natürlich auch nicht. Ich finde auch virtuelle Speicher wie Dropbox, Icloud, Spotify und Netflix wichtig, um von überall auf alle Dateien zugreifen zu können. Ich bin also ein gewöhnlicher User, der die dominanten Player der digitalen Infrastruktur nutzt und sich zu wenig mit Alternativen auseinandersetzt. Wobei es immer darauf ankommt, wie man die Dinge nutzt. Ich kann Facebook nutzen, um Katzenbilder zu veröffentlichen, was ich auch tue, oder eben zur kritischen Reflexion des Internets aufrufen.

Was machen Sie in 20 Jahren beruflich?

Die Digitalisierung wird mein Kernthema bleiben. Ich werde vermutlich weiterhin Unternehmen im digitalen Transformationsprozess inspirieren, begleiten und beraten. Die Digitalisierung ist noch lange nicht abgeschlossen, sondern hat erst gerade begonnen. Wir sind gerade daran, in eine andere – die digitale – Dimension umzuziehen. Das erfordert viel Planung, Veränderung und Reflexion. Persönlich machen mir die Bücher sehr viel Spaß, weil ich hier diese Reflexion ausleben und teilen kann. Als nächstes werde ich mir der religiösen Dimension der Digitalisierung widmen.

Herr Cachelin, vielen Dank für das Gespräch.

[Bildnachweis: Fotos by Carlos Meyer / KOLT]