Brief einer Leserin:

Seit kurzem habe ich eine Autoimmunkrankheit durch die mir die Haare ausgefallen sind. Auf meine Arbeitsleistung hat dies jedoch keinen Einfluss. Nun stellt sich mir die Frage, wie ich in meinen Bewerungsunterlagen und bei einem Vorstellungsgespräch auftreten sollte. Würden Sie an meiner Stelle ein Foto beilegen, bei dem ich noch Haare habe (ein Jahr alt), um einen möglichst “normalen” Eindruck zu machen und die Chancen auf eine Einladung zu erhöhen? Dann würde sich aber auch die Frage stellen, ob ich auch im Falle eines Vorstellungsgesprächs eine Perücke tragen sollte (obwohl ich dies eigentlich nicht mache). Ohne Perücke sollte ich aber die Situation erklären, um nicht den Anschein zu erwecken, dass ich möglicherweise schwer krank bin, was sicherlich ein Nachteil wäre. Aber soll ich dies dann von mir aus direkt ansprechen? Der Personaler würde dies doch eher nicht von sich aus fragen…

Sie sprechen da einen wirklich kniffligen Sonderfall an. Es gibt Studien, die belegen,

dass Männer mit Glatze seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden als Kandidaten mit vergleichsweise vollem Haar. Für Frauen liegen diesbezüglich keine Vergleichsstudien vor (mir sind jedenfalls keine bekannt) – sie dürften aber ähnlich ausfallen. Denn fraglich ist, ob Sie überhaupt die Chance bekommen, zu erklären, dass Sie keine schwere Erkrankung haben und sich infolgedessen in den nächsten Monaten auch mit voller Kraft ihrem neuen Job widmen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Personaler weiß, was eine Autoimmunerkrankung ist und ihren Haarausfall deshalb eher als Folge einer Chemotherapie einstuft. Und auch wenn das kein Personaler zugeben wird: Gerade die Haare haben enormen Einfluss auf die Wirkung einer Frau. Sie symbolisieren Vitalität und Fertilität. Manche sagen sogar: Haare sind der Ausdruck ihrer Seele. Fehlt diese Information, bekommen Menschen instinktiv Zweifel, mindestens aber ein mulmiges Gefühl. Kurzum: Ihre Chancen eingeladen zu werden, dürften sich dadurch rapide verschlechtern. Für die schriftliche Bewerbung, insofern Sie überhaupt ein Bewerbungsfoto beifügen wollen (laut AGG müssen Sie das nicht), empfehle ich daher, das ältere Bild zu verwenden.

Im Vorstellungsgespräch selbst sieht die Sache anders aus. Es gibt heute Echthaar-Perücken, denen sieht man dies nicht mehr an. Sie könnten also auf diese Alternative zurückgreifen – riskieren jedoch zugleich, dass Ihr Gegenüber – und sei es unbewusst – wahrnimmt, dass mit Ihrem Äußeren irgendetwas nicht stimmt. Oder er oder sie erkennt, dass Sie eine Perücke tragen. Bleibt das von Ihnen unkommentiert, muss der Personaler dies als Täuschungsmanöver werten und wird Ihnen erst recht eine schwere Erkrankung unterstellen. Das Ergebnis wäre so oder so dasselbe: Absage.

Die Frage, die Sie sich für das Vorstellungsgespräch zuerst stellen sollten, ist daher eine andere: Womit fühlen Sie sich wohler, authentischer, selbstbewusster? Mit Perücke oder ohne? Hier sollten Sie auf Ihren Bauch hören und enstprechend zum Bewerbungsgespräch erscheinen. In beiden Fällen sollten Sie das Gespräch so lenken, dass Sie Ihre Autoimmunerkrankung thematisieren und glaubhaft belegen, dass sie darüber hinaus kerngesund und voll einsatzfähig sind. Gerade Ihr selbstbewusster, pro-aktiver Umgang mit dem Thema kann Ihnen viele Sympathien einbringen. Denn Sie gehen einem komplizierten Problem nicht aus dem Weg, sondern lösen es – offen und kommunikativ. Das ist eine Eigenschaft, die heute sehr geschätzt wird und leider selten zu finden ist. Entscheidend ist, dass Sie sich bei diesem Gespräch selber attraktiv und stark fühlen. Dann strahlen Sie das auch aus – und die Haare werden zur Nebensache.