Leicht abgelenkt? Daran liegt’s!

Ablenkungen sind heute nur einen Klick entfernt. Auch zwitschernde Vögel, hämmernde Bagger oder tratschende Kollegen stören unsere Kreise. Aber je schwieriger eine Aufgabe ist, desto frustrierter werden wir mit der Zeit und schauen umso häufiger nach links und rechts, richtig? Nein, offenbar nicht ganz. US-Forscher haben herausgefunden, dass wir uns vor allem ablenken lassen, wenn …

Leicht abgelenkt? Daran liegt’s!

Leicht abgelenkt: Kommt darauf an

Sie sitzen im Büro, sollen ein Protokoll vom letzten Team-Gespräch erstellen. Eine undankbare Aufgabe! Ah, wie gut, dass gerade eine Mail hereinkommt, die einen aufheitert. Haha, lustig! OK, zurück zum Protokoll. Nur noch mal schnell aufs Handy geschaut. Hihi, die Whatsapp-Nachricht von Sybille ist aber auch nicht schlecht. Moment, Breaking News auf dem Bildschirm, da muss ich kurz hinschauen …

Arbeit ist mit Ablenkung verbunden. In Zeiten von Smartphones und Social Media mehr denn je. Immer, ständig, ununterbrochen.

Aber: Vor dem Informationszeitalter war das nicht grundlegend anders. Der US-Golfer Tom Kite soll gesagt haben: „Du findest immer eine Ablenkung, wenn du eine suchst.“ Und weiter: „Disziplin und Konzentration sind eine Sache des Interesses.“

Damit könnte Kite goldrichtig liegen. Eine Studie, die im Fachmagazin Journal of Experimental Psychology erschienen ist, räumt mit der Hypothese auf, dass Menschen sich umso leichter ablenken lassen, je schwieriger die zu bewältigende Aufgabe ist.

Fokus: Konflikt zwischen Innen- und Außenwelt

„Menschen müssen nahezu ständig ihr Bedürfnis nach innerer Konzentration mit ihrem Bedürfnis nach Teilnahme an der Welt da draußen ausbalancieren„, schreiben die Studienautoren, die Psychologie-Professoren Simona Buetti und Alejandro Lleras von der University of Illinois. „Aber wenn das Bedürfnis nach innerer Fokussierung groß ist, haben wir manchmal das Gefühl, uns zeitweise komplett von der Außenwelt zu verabschieden, damit wir einen höheren Grad an geistiger Konzentration erreichen.“

Das Psychologen-Duo wollte nun anhand mehrerer Experimente herausfinden, wann und wie leicht wir uns ablenken lassen – und ob die Vermutung stimmt, dass der Schwierigkeitsgrad dabei die entscheidende Rolle spielt.

Zunächst baten sie ihre Probanden, einige mathematische Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit zu lösen. Währenddessen flackerten auf dem Bildschirm vor den Teilnehmern immer mal wieder neutrale Bilder auf – eine Kuh auf der Weide, eine Tasse auf einem Tisch – die zum kurzen Hingucken verleiten sollten. Ein Eye-Tracker verfolgte jede Augenzuckung der Teilnehmer bis ins Detail.

Ergebnis: Je leichter die Mathe-Aufgabe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Probanden zum Bildschirm hinüberblinzelten. War die Aufgabe schwieriger, richteten sie den Blick seltener auf den Screen.

Ablenkung: Gorillas in der Mitte

Laut Forschern hätte es eigentlich genau anders herum sein müssen. „Das deutet darauf hin, dass sich, wenn sich jemand auf eine komplexe Aufgabe konzentriert, seine Sensibilität für die Dinge vermindert, die um ihn herum passieren und nicht mit der Aufgabe verbunden sind“, erklärt Buetti.

Untermauert werde aber das Phänomen der so genannten Unaufmerksamkeitsblindheit. Demnach übersehen konzentrierte Menschen oftmals kuriose, merkwürdige oder unerwartete Geschehnisse, die sich parallel ereignen. Das wohl bekannteste Beispiel, damals ebenfalls von der University of Illinois aus der Taufe gehoben, sind die Gorillas in unserer Mitte.

Bei dem Experiment nahmen viele Probanden, denen man eingebläut hatte, sich voll und ganz auf die Basketball-Spielszenen im gezeigten Video zu konzentrieren, eine quer durch das Bild laufende Person im Gorillakostüm nicht wahr.

„Zwischen der inneren Welt, in der man ein Problem lösen will, und der äußeren Welt – was um Sie herum passiert – scheint es den Drang zu geben, sich von der einen zu lösen, wenn erhöhte Aufmerksamkeit für die andere gefordert ist“, sagt Lleras.

Engagement Theory of Distractability

„Interessanterweise schien der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe keine Rolle dabei zu spielen, wie leicht sich die Teilnehmer ablenken ließen“, ergänzt Buetti. Ihre Hypothese: Vielleicht ist es gar nicht der Härtegrad einer zu knackenden Nuss, der hauptsächlich über unsere Abgelenktheit bestimmt. Vielleicht ist vielmehr das – neudeutsch: Commitment – einer Person dafür maßgeblich.

Die Forscher kreierten für ihr Konzept auch gleich einen ganz neuen Fachbegriff: die „Engagement Theory of Distractability“.

Also entwarfen sie eine neue Aufgabe und köderten die Teilnehmer diesmal mit monetären Anreizen. Auch hier wieder ein überraschendes Ergebnis: Finanzielle Anreize hatten keine nennenswerten Auswirkungen. Aber: „Je mehr die Teilnehmer mit einer Aufgabe zu kämpfen hatten, desto reflexartiger vermieden sie Ablenkungen, unabhängig von finanziellen Anreizen“, sagt Buetti.

Die Quintessensz sei, dass wahrscheinlich mehrere Faktoren darüber bestimmen, wie leicht wir uns ablenken lassen. Dazu zählen neben Schwierigkeitsgrad und einer ruhigen Umgebung eben auch unser Engagement und Interesse.

Wie sehr setzen wir uns für eine Aufgabe ein? Ist unser Einsatz hoch, steigen auch Konzentration und Fokus. Ist uns die Aufgabe egal, konzentrieren wir uns nur widerwillig – und lassen uns leichter ablenken.

Ablenkung: Eigenverantwortung

Wer sich also beispielsweise felsenfest vornimmt, die Übungsaufgabe vor der Klausur gründlich durchzugehen und fehlerfrei zu lösen, geht eine Selbstverpflichtung ein. Der Einsatz steigt, Konzentration und Fokus, Ablenkungsquellen werden dagegen seltener und schwächer wahrgenommen.

Bedeutet auch: Ablenkungen – dafür sind nicht immer die anderen verantwortlich, Facebook und Fernsehen. Sondern vor allem wir selbst.

[Bildnachweis: Photographee.eu by Shutterstock.com]
29. Dezember 2017 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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