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Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Das gilt für Ihr Date genauso wie fürs Bewerbungsgespräch. Aber: Wenn der erste Eindruck nicht so pralle war, sollten Sie Ihrem Gegenüber dennoch eine zweite Chance einräumen. Der erste Eindruck ist mächtig, aber er täuscht. Karrierebibel nennt Ihnen sechs gute Gründe, warum eine zweite Chance angebracht ist ...

Erster Eindruck, zweite Chance

Als Malcolm Gladwell seine kurzen Haare zum wilden Strubelkopf wachsen ließ, veränderte sich sein Leben schlagartig. "Ich bekam Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit, was mir zuvor noch nie passiert war. In Flughäfen wurde ich für persönliche Sonderkontrollen aus der Warteschlange vor dem Sicherheitscheck herausgewinkt." So beschreibt es der Autor in seinem Bestseller Blink über die Macht des Augenblicks.

Eines Tages ging Gladwell die Fourteenth Avenue in New York entlang, als drei Polizisten aus ihrem Wagen sprangen und ihm eine Phantomzeichnung unter die Nase hielten. Ein gesuchter Sexualstraftäter. "Ich sah mir das Bild an und wies die Polizisten, so höflich ich konnte, darauf hin, dass mir das Bild nicht im Geringsten ähnlich sah. Der Gesuchte war größer, schwerer, gute 15 Jahre jünger." Und weiter: "Das Einzige, was wir gemeinsam hatten, war der wuschelige Schopf." Seine markante Frisur hatte jedes andere Detail seiner Erscheinung in den Hintergrund treten lassen.

"Dieses Erlebnis ließ mich zum ersten Mal bewusst darüber nachdenken, welche bedeutende Rolle der erste Eindruck spielt."

Zweite Chance: Keine Chance?

Die Episode veranschaulich in der Tat sehr schön, wie wichtig der erste Eindruck ist. Und dass man ihm nicht trauen darf. Die amerikanischen Wissenschaftler Janine Willis und Alex Todorov aus Princeton stellten 2006 fest, dass man sein Urteil über einen Menschen innerhalb eines Wimpernschlages fällt. Der Bewertungsprozess dauere nur eine Zehntelsekunde - das kann keine Basis für ein gutes Urteil sein.

Dennoch erhält oft keine zweite Chance, wer im Bewerbungsgespräch einen schlechten ersten Eindruck hinterlassen hat. Oder wer im ersten Essen mit den neuen Kollegen deplatziert wirkte. Oder im Auftakt-Meeting mit dem neuen Kunden ...

Wir liefern Ihnen sechs gute Gründe, um jemanden eine zweite Chance einzuräumen - zum Teil basierend auf den Empfehlungen der amerikanischen Psychologie-Professorin Susan Krauss Whitbourne ...

6 gute Gründe für eine zweite Chance

  1. Laune

    Im vergangenen Jahr führten Justin Caouette und Amanda Guyer von der University of California in Davis ein Experiment durch. Sie versetzten Studenten in zwischenmenschliche Situationen, in denen sie von einer anderen Person entweder zurückgewiesen oder wertschätzend behandelt wurden. Zuvor hatten die Probanden noch einen Fragebogen ausfüllen und über ihren Gemütszustand Aufschluss geben müssen. Jene Studenten, die schlechte Laune hatten oder gar deprimiert waren, gingen nun mit deutlich niedrigeren Ansprüchen in ihre Begegnung.

    Und tatsächlich: Wurden sie unwirsch behandelt, verschlechterte sich ihre Laune weniger stark als bei den Gutgelaunten. Wurde mit ihnen dagegen freundlich umgegangen, hellte sich ihre Laune allerdings auch nicht sonderlich auf. Ihre geringen Erwartungen hatten gewissermaßen einen Gefühlsausbruch - zum Guten oder Schlechten - von vornherein verhindert. Mit diesen Ergebnissen stützten die Forscher ihre Hypothese der „Emotional Context Insensitivity“ (ECI). Deren Quintessenz: Man reagiert nicht so stark auf positive wie negative Situationen, wenn man deprimiert oder depressiv ist. In unserem Zusammenhang bedeutet das: Möglicherweise wurde unser erster Eindruck durch unsere eigene schlechte Laune getrübt - ein guter Grund für eine zweite Chance.

  2. Stereotype

    Wir identifzieren uns bevorzugt mit Menschen, die uns ähnlich sind. Das ist auch ein Grund, der immer wieder gerne für die mangelnde Präsenz von Frauen in Führungspositionen ins Feld geführt wird. In den Chefsesseln sitzen gemeinhin Männer. Und die präferieren und fördern Personen, die ähnlich ticken wie sie selbst — Männer eben.

    Zu Menschen, die anders sind, bauen wir dagegen - oftmals - Barrieren auf. Dabei kann das Geschlecht, Aussehen, Herkunft oder auch der Modestil eine Rolle spielen. Auch lassen wir uns dabei von Stereotypen leiten. Die negative Stereotypisierung eines Bewerbers etwa kann den ersten Eindruck völlig zunichte machen. Eine zweite Chance geben bedeutet in diesem Fall, mögliche Klischees und Barrieren abzubauen. Nicht jedes Vorurteil wird dadurch beseitigt, oftmals wird es sogar bestätigt. Möglicherweise aber erkennt man auf den zweiten Eindruck auch Gemeinsamkeiten, die beim ersten Treffen noch von der Fassade verdeckt geblieben sind.

  3. Neid

    Psychologen unterscheiden zwischen destruktivem, depressivem und positivem Neid. Neid kann also lähmend wirken, aber auch Antrieb sein. Gemeinsam ist den Neidern, dass sich ihr Selbstbild ändert, die eigene Stimmungslage, der Blick auf andere. Der andere hat etwas, das ich nicht habe, aber haben will.

    Mögliche Folge: Der andere wird - auch schon im ersten Treffen - als Bedrohung wahrgenommen und innerlich abgelehnt. Als Sachbearbeiter fühlt man sich seinem Abteilungsleiter untergeordnet. Oder seinem Kollegen im Wettbewerb unterlegen. Als Bewerber fühlt man sich dem Personaler gegenüber als Bittsteller. Alles mögliche Neidsituationen, die sich ungünstig auf den ersten Eindruck auswirken können. Schafft man es, sein Gegenüber nicht als Bedrohung zu sehen, gewinnt man möglicherweise einen neuen Eindruck.

  4. Beeinflussung

    Grundsätzlich gilt: Gerüchte, das Geschwätz und Geplapper anderer Leute hat Auswirkungen auf unser eigenes Urteil - auch wenn wir uns innerlich dagegen wehren. Ein Kollege warnt vor dem Teamleiter, der Chef vor einem penetranten Kunden, der Kunde vor einem unzuverlässigen Lieferanten. Ob es sich nun um wahrhaft wertvolle Tipps oder ungeprüfte Lügenmärchen handelt: Meist bleibt davon etwas bei uns hängen. Stellen Sie sich daher stets die Frage: Wurde mein erster Eindruck von Person XY vielleicht durch eine zweite Partei beeinflusst - positiv oder negativ? Wenn das anscheinend der Fall war, ist eine zweite Chance meist gerechtfertigt. Erstens der Fairness halber und zweitens, um einen eigenen Eindruck zu gewinnen.

  5. Gegenseite

    Der Persönlichkeitsforscher Julius Kühl hat darauf hingewiesen, dass der zweite Eindruck viel mehr über einen Menschen aussagt als der erste. Grund: Menschen sind schüchtern, nervös oder ängstlich - und vermasseln sich so oft ihren ersten Auftritt, hinterlassen keinen souveränen Eindruck. Beim zweiten Mal dagegen kann es um das Nervenkostüm schon deutlich besser bestellt sein - man kennt sich ja jetzt. Das muss nicht immer zwingend auf Sie selbst zutreffen, kann selbstverständlich auch die Gegenseite betreffen.

    Daher: War Ihr Geschäftspartner beim ersten Meeting wenig überzeugend, lag es möglicherweise an äußeren Umständen. Vielleicht war er wegen privater Probleme verstimmt, gedanklich nicht bei der Sache oder auch übernervös. Oder er hat ein dummes, unzutreffendes Gerücht über Sie aufgeschnappt und ist mit falschen Vorstellungen ins Meeting gegangen. Folge: Er verhält sich anders als gewohnt - und hinterlässt seinerseits auf Sie einen schlechten Eindruck. Der zweite könnte Sie also positiv überraschen.

  6. Strategie

    Idealisten bitte weghören: Aber selbstverständlich können auch taktische Erwägungen, spitze Zungen würden wohl von Berechnung und Nützlichkeitsdenken reden, ein Grund sein, anderen eine zweite Chance zu geben. Beispiel Büro: Wenn Sie den Kontakt zu Kollege A de facto abbrechen, weil sie seine Art einfach nicht ertragen, werden Sie möglicherweise von relevanten Entscheidungen ausgeschlossen. Geben Sie Kollege A dagegen eine zweite Chance, erschließen Sie sich dadurch neue Möglichkeiten - und stellen vielleicht sogar fest, dass er bei näherem Hinsehen gar nicht so übel ist wie gedacht. Bestätigt der Kollege dagegen den negativen ersten Eindruck, können Sie immer noch die Reißleine ziehen.

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