Studenten-Seelsorge: Hier werden Sie geholfen

Studenten – immer gut drauf und dauernd auf Achse. Soweit das Klischee. Die Wahrheit sieht oft anders aus. Die, die bei der telefonischen Studentenseelsorge anrufen, berichten von Ängsten, Stress und Sorgen. Und die Zahl der Anrufenden steigt konstant. In immer mehr Unistädten haben so genannte Nightliner ein offenes Ohr für sie. Bei der telefonischen Studentenseelsorge können sie Dampf ablassen, einfach mal Quatschen und ihr Herz ausschütten. Dabei können sie sich einem ganz besonderen Verständnis für ihre Probleme sicher sein…

Studenten-Seelsorge: Hier werden Sie geholfen

Immer mehr Studenten fühlen sich von ihrem Studium überfordert

Durch Hochschulreformen wie dem Bologna-Prozess oder der Einführung von Studiengebühren ist für viele Hochschüler das Studium schwieriger geworden, als für die Generationen davor. Ein deutlich größeres Wissenspensum muss seit Einführung der neuen Abschlüsse in kürzerer Zeit in den Kopf, parallel dazu haben sich die finanziellen Belastungen verdichtet. Das sorgt für Druck und Stress bis hin zum Gefühl der Erschöpfung.

Oft trauen sich die Betroffenen jedoch nicht, darüber zu reden. Meist aus Scham oder aus der Angst heraus, dass ihnen ihre Gefühle als Schwäche ausgelegt werden. Doch der Frust muss raus, sonst kommt eine Abwärtsspirale in Gang, die im schlimmsten Fall im Burnout endet.

„Ich kann nicht mehr. Ich bekomme mein Studium überhaupt nicht mehr auf die Reihe.“ Oder: „Ich hab richtig Angst, wenn meine Eltern anrufen. Sie wissen nicht, dass ich gar nicht mehr zur Uni gehe. Könnt ihr mir helfen? Ich kann da einfach nicht mehr hin.“ Hilferufe wie diese sind bei den so genannten Nightlines Standard.

Studenten helfen Studenten

Das Besondere: Am anderen Ende der Leitung nehmen nicht etwa Psychologen, Pfarrer oder Sozialpädagogen den Hörer ab, sondern ausnahmslos Studierende. Leitgedanke des Angebots, das sich in immer mehr Unistädten etabliert, ist, dass Studierende einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund mit den Anrufenden haben und sich diese dadurch besonders gut verstanden fühlen. Druck, Stress und Prüfungsangst sind für die beratenden Nightliner schließlich selbst keine Fremdworte. Diese Gemeinsamkeit schafft die nötige Vertrauensbasis für das Gespräch.

Vertraulichkeit ist dabei oberstes Prinzip:

  • Anonymität auf beiden Seiten lässt die Hemmschwelle sinken, sich alle Sorgen von der Seele zu reden.
  • Jemand, der weiß, dass sein Studienkumpel bei der Nightline arbeitet, ruft möglicherweise nie oder nicht mehr an – aus Angst, erkannt zu werden.
  • Die Gesprächsinhalte unterliegen der Schweigepflicht und werden streng vertraulich behandelt.

Ursprünglich stammt die Idee aus Großbritannien. Entsprechende Hotlines gibt es hier an fast jeder Uni. Vor über einem Jahrzehnt schwappte die Idee von der Insel aufs Festland. Und so ging in Heidelberg die erste Nightline an den Start. Inzwischen gibt es deutschlandweit 16 Studi-Sorgentelefone plus eine telefonische Anlaufstelle für Studierende der Evangelischen Studentinnen- und Studentengemeinde (ESG) in Hamburg.

Besonderes ehrenamtliches Engagement

Das soziale Engagement der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die an mehreren Abenden in der Woche für ihre Mitstudenten da sind, verdient höchste Anerkennung – soviel steht fest. Nichtsdestotrotz sei erwähnt, dass auch die Berater durchaus wertvolle Erfahrungen machen, von denen sie nicht nur im späteren Arbeitsleben profitieren:

  • Anderen zu helfen, stärkt das Selbstvertrauen und das eigene Selbstwertgefühl.
  • Das Verständnis für Menschen in schwierigen Lebenslagen wächst. Das sorgt für ein Plus an Teamfähigkeit. Auch das Vermögen auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen wächst.
  • Diese Fähigkeiten sind für die Arbeitswelt der Zukunft von besonderer Bedeutung: Denn Arbeitsverdichtung ist kein Phänomen, das sich auf den Unialltag beschränkt. Wichtig also zu wissen, wann die eigenen Grenzen und auch die anderer erreicht sind.

Die Mitarbeiter werden professionell geschult

Und: Die Arbeit bei der Nightline kommt nicht dem gefürchteten Wurf ins kalte Wasser gleich. Wer anderen zuhören und lebensweisende Tipps geben möchte, muss auch das nötige Handwerkszeug parat haben. Daher durchlaufen alle Anwärter ein Schulungswochenende, bei dem Psychologen mit ihnen grundlegende Gesprächskompetenzen trainieren.

Eine bewährte Methode ist die des aktiven Zuhörens. Ziel ist es, zwischen den beiden Gesprächspartnern eine Verbindung entstehen zu lassen: Der andere nimmt mich ernst, er versteht mich, ihm kann ich vertrauen.

Die wichtigsten Elemente des aktiven Zuhörens sind:

  • Aufmerksamkeit zukommen lassen. Dem Gesprächspartner signalisieren, dass er jetzt in Ruhe alles sagen kann.
  • Missverständnissen vorbeugen. Wiederholte kurze, sinngemäße Wiedergaben des Gehörten, um potenziellen Missverständnissen vorzubeugen.
  • Technik des Spiegelns. Das heißt, die Gefühle des Gesprächspartners auszusprechen, damit er sich verstanden fühlt: „Sie sind froh…“, „Das beunruhigt Sie…“, „Sie klingen zornig…“
  • Fragen stellen. Fragen können ein Gespräch in Gang bringen oder die Gesprächsrichtung steuern. Etwa: Wie könnte eine gemeinsame Lösung aussehen?

Wann ist der Gang zum Fachmann unumgänglich?

Absolut kontraproduktiv wäre es, die Aussagen des anderen zu bewerten oder zu moralisieren, selbst wenn der Anrufer in seinen Urteilen falsch liegt. Ziel ist es, ihn durch eigene Einsicht zu einer konstruktiven Erkenntnis zu bewegen. Zweifellos nicht immer leicht.

Hier liegt auch die Grenze einer telefonischen Seelsorge. Zeichnet sich ab, dass der Anrufer in seinem Gemütszustand eine Gefahr für sich oder andere darstellen könnte, oder er einfach nicht zugänglich ist, ist der Hinweis einen Fachmann aufzusuchen ein Muss. Für solche Fälle kooperieren die Nightliner mit professionellen Anlaufstellen wie psychologischen Beratungsstellen, niedergelassenen Psychotherapeuten oder Kliniken.

Aber viele Probleme lassen sich am Telefon lösen. Oft lockern sich Gedankenblockaden, indem man seine Ängste verbalisiert und sich diese vor Augen führt. Dennoch ist es für die Nightliner wichtig, einen gesunden Abstand zu den Problemen des Anrufers zu wahren: Wer die Sorgen und Nöte anderer zu seinen eigenen macht, hat am Ende des Tages selbst Hilfe nötig. Um dies zu gewährleisten, werden die Nightliner regelmäßig supervidiert. Psychohygiene muss sein. Darüber hinaus bieten die Supervisionen, das sind regelmäßige Gespräche mit einem psychologisch geschulten Experten, die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und erhöhen die eigenen Kompetenzen.

[Bildnachweis: Photographee.eu by Shutterstock.com]
15. April 2015 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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