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Kürzlich lief wieder ein Phänomen durch die Medien, das so neu nicht ist, aber dennoch immer wieder erschreckt: Karoshi. Hinter dem exotisch klingenden Begriff verbirgt sich die japanische Bezeichnung für etwas, dass sich als Aufopferung für die Arbeit beschreiben lässt. Dabei ist Aufopferung durchaus wörtlich gemeint: Menschen, die für ihre Arbeit leben und schließlich sogar ihr Leben lassen. Doch wie kann jemand es soweit kommen lassen, dass er sich derart aufreibt?

Leben und sterben für die Arbeit???

Erst kürzlich kursierte der Tod der 24-Jährigen Japanerin Matsuri Takahashi als Karoshi durch die Medien. Die Frau hatte im Frühjahr 2015 bei der renommierten japanischen Werbeagentur Dentsu angefangen. Bereits im Oktober hatte sie über 100 Überstunden angesammelt. Schließlich beging die Absolventin der angesehenen Universität von Tokio im Dezember 2015 Selbstmord. Im Abschiedsbrief ist zu lesen, dass das Leben für sie unerträglich geworden sei.

So fremd einem das auf den ersten Blick erscheinen mag: Auch in Deutschland lassen sich Parallelen erkennen. Begriffe wie Leistungsgesellschaft und Workaholic zeigen, dass der Wert der Arbeit sowohl gesamtgesellschaftlich als auch bei einzelnen Individuen bereits hoch angesiedelt ist.

Zeichnet sich hier ein gefährlicher Trend ab?

Sicher könnten es viele nachvollziehen, wenn diese Aufopferung für das eigene Kind oder einen geliebten Menschen geschähe. Oder für etwas, dass für einen höheren Sinn steht. Aber ausgerechnet für die Arbeit?

Sind es Ideale, die dazu führen, dass manche Menschen sich bis zum Letzten verausgaben? Oder Sachzwänge? Ein rigider Führungsstil?

Schaut sich die unzähligen Fälle von Karoshi in Japan an, scheint diesen Menschen das Leben um zu arbeiten in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Hierzulande finden sich dagegen eher Sinnsprüche an Bürotüren, wie...

Ich bin auf der Arbeit, nicht auf der Flucht.

Oder:

Ich arbeite um zu leben – ich lebe nicht um zu arbeiten.

Was also veranlasst Menschen, sich derart aufzuopfern?

Karoshi: Was ist das?

Check-Icon-TransparentDer erste Fall von Karoshi liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück. Ein damals 29-jähriger Arbeiter der größten Tageszeitung starb an einem Schlaganfall.

Seit den Achtzigerjahren stieg die Zahl derer, deren Tod sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Überarbeitung zurückführen lässt, deutlich an. Das japanische Arbeitsministerium fing an, Statistiken über Karoshi-Fälle anzulegen.

War man früher der Meinung, dass vor allem Büroangestellte Karoshi erleiden, muss man mittlerweile feststellen, dass zunehmend junge Leute und auch immer mehr Frauen betroffen sind. Dabei werden zwei Arten von Karoshi anerkannt: Zum einen der Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Überarbeitung. Zum anderen Selbstmord, der infolge psychischer Überbelastung begangen wird (zum Beispiel wenn ein Angestellter 160 Überstunden oder mehr im Monat aufweist).

Jedes Jahr werden etwa 150 Karoshi-Fälle von japanischen Behörden anerkannt. Das ist vor allem für die Angehörigen von großer Bedeutung, die in dem Fall eine Entschädigung aus staatlichen Mitteln beanspruchen können. Bereits bis März vergangenen Jahres ist die Zahl der Klagen auf Entschädigung für Karoshi auf 1.456 Fälle angestiegen. Allerdings ist die Dunkelziffer - wie so oft - höher: Das 1988 gegründete Karoshi-Netzwerk schätzt die Zahl derer, die arbeitsbedingt an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, jährlich auf 10.000 Menschen.

Gründe, sich für die Firma aufzuopfern

Die tragischen Karoshi-Fälle, vor allem aber die Zunahme des Phänomens erklären aber noch nicht die Ursachen. Die sind enorm vielfältig. Da wäre zum einen...

  • die Erziehung: Die japanische Gesellschaft ist eine Gemeinschaftskultur, in der man sich nicht selbst verwirklicht, sondern seinen Beitrag für die Gruppe leistet. Zudem ist die Kultur streng hierarchisch geprägt - auch in der Bürowelt. Widerspruch kommt darin nicht vor.
  • die Angst vor Gesichtsverlust: Den Eltern beichten zu müssen, dass man sein Pensum nicht schafft, kommt einer großen Schande gleich. Für die gesamte Familie.
  • die Angst vor Arbeitsplatzverlust: Wer immer wieder mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag geködert wird, strengt sich mehr an.

Dieser letzte Punkt dürfte der aktuell wichtigste sein. Eine der Karoshi-Hauptursachen liegt in den Beschäftigungsverhältnissen in Japan.

Zwar gibt es zahlreiche Angestellte mit regulären Arbeitsverträgen. Auf der anderen Seite wachsen die unsicheren Arbeitsverhältnisse seit Jahren an: Im Jahr 2015 machte ihr Anteil bereits 38 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aus – im Jahr 1990 waren es noch 20 Prozent. Allein 68 Prozent dieser in unsicheren Arbeitsverhältnissen Beschäftigten waren Frauen.

So verwundert es auch nicht, dass vor allem junge, unerfahrene Arbeitnehmer von Karoshi betroffen sind sowie Frauen, die nach der Geburt eines Kindes wieder den Weg ins Arbeitsleben zurückfinden wollen. Sie werden oft nur befristet eingestellt und ihre Arbeitgeber zeigen wenig Interesse daran, dies zu ändern. Gleichzeitig werden aber immer wieder Versprechungen gemacht, dass nach sechs Monaten ein unbefristeter Vertrag folge...

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Zugegeben, Deutschland ist längst nicht so traditionell und hierarchisch geprägt wie Japan. Wer dem Chef widerspricht oder sein Pensum nicht schafft, erleidet nicht wirklich einen Gesichtsverlust, schon gar nicht vor der gesamten Familie.

Allerdings nehmen auch hierzulande die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse und befristeten Arbeitsverträge seit Jahren zu.

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Punkt: die Religion.

Das protestantische Erbe in Deutschland sowie vielen westlichen Ländern ist ein entscheidender Motor des Kapitalismus.

Der Soziologe Max Weber stellte diesen Zusammenhang schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts her. Die großen protestantischen Reformatoren Martin Luther und Johannes Calvin betonten den Wert der Arbeit – vor allem in Abgrenzung zu den Mönchen, deren Lebensweise sie als parasitär empfanden.

Diese Wertschätzung von Arbeit hat sich bis heute erhalten und dazu beigetragen, dass wir uns als eine Leistungsgesellschaft definieren. Die Zunahme der Burnout-Erkrankungen belegt das auf traurige Art immer wieder.

Japan ist nicht so weit weg, wie viele meinen. Gewiss, in der Vergangenheit haben Gewerkschaften die 40-Stunden-Woche erstritten, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie bezahlten Urlaub. Noch liegt Deutschland im internationalen Vergleich bei den geleisteten Überstunden weit hinten.

Gleichzeitig arbeitet schon heute knapp die Hälfte aller Beschäftigten auch mindestens einmal am Wochenende. Und mehr als 17 Prozent aller Angestellten leisten bereits 48 Stunden und mehr Arbeit pro Woche.

Es kann also sicher nicht schaden, die weitere Entwicklung im Auge zu behalten. Der Begriff Work-Life-Balance mag umstritten sein. Unumstritten ist aber, dass niemandem damit geholfen ist, wenn Arbeitnehmer sich zu Tode schuften.

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