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Es gibt Menschen, die könnten sich stundenlang selbst reden hören und ihr Ebenbild im Spiegel bewundern. Und es gibt Menschen, die unentwegt zweifeln, sich nutzlos fühlen, wertlos, erfolglos. Gehören Sie auch dazu? Lieben Sie sich selbst genug?

Selbstliebe Fehlanzeige

Gibt man den Textbaustein "Ich kann mich selbst nicht" in die Google-Suchmaske ein, schlägt uns Google per Suggest-Funktion folgende Ergänzungen vor:

  • Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen.
  • Ich kann mich selbst nicht leiden.
  • Ich kann mich selbst nicht annehmen.
  • Ich kann mich selbst nicht akzeptieren.

Allein das zeigt: Viele Menschen sind mit sich keineswegs im Reinen, tragen eine grundlegende Unzufriedenheit mit sich, dem eigenen Leben und Beruf, herum. Die wiederum in überzogene Selbstkritik und fehlende Selbstachtung mündet.

Woran liegt das? Wie macht sich die fehlende Selbstliebe bemerkbar? Und vor allem: Wie kann ich meine Grundeinstellung zum Besseren verändern?

Wir haben fünf Symptome ausgemacht...

5 Symptome für fehlende Selbstachtung

  1. Erfüllung

    Diagnose: Sie fühlen sich schlecht, weil sie noch immer nicht die große Erfüllung im Beruf gefunden haben.

    Beschreibung: Arbeit soll heute mehr sinnstiftend, weniger reiner Broterwerb sein. Umfragen zeigen, dass speziell für die jüngere Generation der Faktor Sinn wichtig ist. Zuletzt will die Deloitte Millenial Suvery 2016 herausgefunden haben, dass 56 Prozent der befragten 24- bis 34-Jährigen aus der ganzen Welt ausschließen würden, für ein Unternehmen zu arbeiten, dessen Philosophie sie nicht teilen. Einerseits ist diese gigantische Erwartungshaltung zweifelhaft, denn so hängen viele zeitlebens einem Trugbild von Job nach, das unrealistisch ist und gar nicht in Erfüllung gehen kann. Andererseits muss man als junger Arbeitnehmer erst einmal herausfinden, welche Interessen, welche Fähigkeiten, welchen Antrieb man eigentlich hat. Wer das herausgefunden habe, könne damit speziell in der zweiten Lebenshälfte arbeiten, darauf weist Professor Carlo Strenger von der Universität Tel Aviv hin. "Wenn Sie das, was Sie in der ersten Lebenshälfte über sich gelernt haben, richtig einsetzen, dann kann die zweite besonders erfüllend sein", so der Psychologe in einem Beitrag für das Journal Psychoanalytic Psychology. Und dann könne in der Tat auch ein Jobwechsel zu mehr Erfülung beitragen.

    Rezept: Keinen Traumschlössern nachhängen, aber eigenen Interessen und innerem Antrieb folgen.

  2. Naturell

    Diagnose: Sie glauben, Ihr Naturell halte Sie davon ab, erfolgreich zu sein.

    Beschreibung: Analysefähigkeit, Empathie und Flexibilität gehören zu den Eigenschaften, die Arbeitnehmer nach Ansicht von Zukunftsforschern im Jahr 2020 dringend benötigen werden. Führungskräfte wiederum müssen in jedem Fall kritik-, entscheidungs- und kommunikationsfähig sein. Und in Stellenanzeigen lesen wir weiterhin sehr viel von Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke als unabdingbaren Charaktereigenschaften. Die Wahrheit ist: Für jede Eigenschaft gibt es Bedarf, für jeden Charakter den richtigen Job, für jeden Topf einen dazugehörigen Deckel. Für Nerds, Dampflauderer, Einzelgänger, Laute, Leise, Unsportliche, Redner, Denker, Witzige, Spröde, Affige. Die Arbeits- und Berufswelt von heute ist dermaßen ausdifferenziert, Vielfalt und Spezialisierung so groß, dass man eine durchaus große Auswahl an Berufsbildern und Jobs hat, die der eigenen Persönlichkeit entgegenkommen.

    Rezept: An gewisse Spielregeln halten und Rücksicht nehmen, aber ansonsten authentisch bleiben - und vor allem: den Job suchen, der zu einem passt.

  3. Feedback

    Diagnose: Sie fühlen sich wertlos, weil Sie so gut wie nie Lob oder positive Rückmeldung erhalten.

    Beschreibung: 41 Prozent aller Arbeitnehmer vermissen laut Umfragen ein Lob ihres Vorgesetzten, 37 Prozent erwarten generell mehr Feedback zu ihren Leistungen. Noch mal 41 Prozent haben das Gefühl, dass ihre guten Leistungen niemandem auffallen. Feedback ist also Mangelware, in Unternehmen nicht Usus. Dabei kann regelmäßiges Feedback die Leistung steigern, nach Ansicht von Motivationsguru Richard Conniff sogar um zehn Prozent. Dem Volksmund nach ist Selbstlob keine Alternative, da es angeblich stinkt. Und in der Tat kam eine Studie der Universität Pennsylvania vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass Menschen sogar depressiv werden, wenn sie sich selbst einreden wollen, wie gut sie eine Aufgabe doch gemacht hätten. Ungerechtfertigtes Selbstlob schwächt demnach das Selbstwertgefühl. Auf der anderen Seite, so die Forscher, trübt eine realistische Sicht auf sich die Stimmung selbst dann nicht ein, wenn man zuvor nur Mittelmaß abgeliefert hat. Realismus dient quasi als festigender Anker - übrigens auch dann, wenn man seine eigene Leistung realistischerweise als sehr gut einordnet.

    Rezept: Sich selbst ruhig mal loben, aber nicht künstlich aufwerten, sondern vor allem realistisch bleiben.

  4. Müßiggang

    Diagnose: Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie nichts tun.

    Beschreibung: Produktivität ist nicht gleichbedeutend mit einem vollen Terminkalender und möglichst wenigen Unterbrechungen, ein schlechtes Gewissen daher völlig unangebracht. Schon ein einfacher Spaziergang, bei dem man die Gedanken schweifen lässt, regt die Hirnaktivität an. In einer Untersuchung verbesserten sich die kognitiven Leistungen der Spaziermüßiggänger sogar um 23 Prozent. In der Leere gedeiht also schöpferische Kraft. Und mindestens genauso wichtig: Müßiggang ist erholsam.

    Rezept: Im Alltag genügend Raum für Auszeiten lassen und das schlechte Gewissen bewusst gar nicht erst zulassen.

  5. Stolz

    Diagnose: Sie sind nicht stolz auf sich und Ihr Erreichtes.

    Beschreibung: Stolz ist in der katholischen Kirche eine Todsünde. Im Diesseits schadet es oft, hilft auch bisweilen, ist dem Menschen jedenfalls eigen. Auch für Forscher der Universität Cincinnati ist Stolz ein zweischneidiges Schwert. Es kann Selbstdisziplin fördern, aber auch zu Hochmut verleiten. Die Wissenschaftler fanden in mehreren Experimenten, in denen sie die Selbstbeherrschung ihrer Probanden testeten, heraus: Ist jemand stolz auf eine Leistung - seine Gewichtsreduktion, regelmäßiges Workout oder eine angesparte Geldsumme zum Beispiel - und führt sie darauf zurück, diszipliniert und verantwortlich gehandelt zu haben, bestärkt es ihn in seinem Stolz - und er bleibt weiterhin diszipliniert. Stellt man diese Verbindung aber nicht aktiv her, dann kann eine Leistung auch in Anspruchsdenken und Anmaßung münden. Man will sich selbst für eine Leistung belohnen, mit einem Griff in die Keksdose etwa, der Stolz wird kontraproduktiv. "Die Haupterkenntnis ist, dass wenn man Menschen an ihren Stolz erinnert, sie meist Selbstbeherrschung üben, zum Beispiel den Salat nehmen oder weiterhin mehr Geld sparen als ausgeben wollen", so Anthony Salerno von der Uni Cincinnati. "Aber wenn Menschen zuerst an gesundes Essen oder ihr Erspartes denken und erst danach Stolz darauf entwickeln, wird ihr Verhalten hedonistischer. Es hängt also im Wesentlichen davon ab, auf was wir unseren Stolz fokussieren."

    Rezept: Stolz auf sich und eigene Leistungen kann nicht nur gerechtfertigt, sondern ein Ansporn sein - so lange man nicht übermütig wird.

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