Die Streitmacht schien unüberwindlich. Die Sumerer hatten eine scheinbar unaufhörliche Phalanx von Soldaten aufgestellt, die vom Euphrat bis zum Tigris reichte. So wollten sie 2300 v. Chr. die eindringenden Semiten aufhalten. Deren König war Lugalzagesi – und gerissen dazu. Tagelang spähte er die Phalanx aus, nirgendwo gab es ein Durchkommen. So vergingen Tage um Tage, Woche um Woche. Und jeden Tag standen die sumerischen Soldaten mit ihren Schilden und Speeren in der glühenden Hitze der Wüste. Da ließ Lugalzagesi die Steinskulptur einer wunderschönen Frau mit riesigen Brüsten anfertigen. Anschließend schickte er einen Jungen mit der Statue zu den Reihen der Sumerer. Der sagte: „Dies ist meine Schwester. Sie hat sich nachts durch eure Reihen geschlichen und hinter euch versteckt. Könnt ihr mir helfen, sie zu suchen?“
Die in jeder Hinsicht ausgetrockneten Soldaten hatten schon lange keine Frau mehr gesehen, geschweige denn eine mit so üppigen Rundungen. Also begann der erste Trupp mit der Suche nach ihr. Andere Einheiten beobachteten das Spiel und fragten nach dem Grund. Da sagten ihnen die anderen, dass im Hinterland zwölf Jungfrauen versteckt seien. So begannen auch sie sofort mit der Suche. Aus den zwölf Jungfrauen wurden im Laufe der Zeit 2000 wunderschöne, vollbusige Jungfrauen aus dem Harem des Königs Urukagina, die angeblich in einer Höhle kauerten und nur darauf warteten, erlöst zu werden. Kurzum: Die unüberwindliche Phalanx verwandelte sich in einen Haufen desorientierter, geifernder und entkräfteter Männer. Als Lugalzagesi auf seinem Kamel durch die Reste des sumerischen Heeres ritt, gab es keinen Widerstand. Er eroberte und zerstörte die Stadt Lagasch im Handstreich und nannte sich anschließend „König von Uruk und König des Landes Sumer“.
Ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen hat, lässt sich nicht eindeutig klären. Aber sie lehrt eine wichtige Erfolgslektion: Wer vor scheinbar unüberwindlichen Widerständen steht, sollte nicht unbedingt versuchen, mit Gewalt durchzukommen. Die direkte Verbindung zwischen zwei Gipfeln ist eben nicht immer die Gerade – oft ist es die Serpentine. Umwege erhöhen zudem die Ortskenntnis. Besser beraten ist also, wer bei Hindernissen auf eine List setzt, die Schwächen seiner Widersacher ausspäht und deren Phantasie und Gier stimuliert. So lässt sich mancher Auftrag, manche Debatte gewinnen – und manchmal sogar ein Königreich.
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Jörg Kampmann
Großartiger Artikel — er wurde gleich bemerkt und hier zitiert.
Sicher wird es hier noch zusätzliche Kommentare geben!!
Weiter so!!!
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