MinirockFrauHighheelsManche Karrieren sind wie Efeu, kriechend steigen sie empor. Andere bekommen die Reise in den Olymp geschenkt. Mit Leistung hat das manchmal wenig zu tun. Ungerechte Welt. Aber so ist es nun mal. Der Volksmund nennt das Phänomen „Chemie“: Wenn sie zwischen zwei Menschen stimmt, klappt’s mit dem Nachbarn genauso wie mit dem Chef oder den Kollegen. Was aber tatsächlich hinter dieser ominösen Chemie steckt, untersuchen zum Beispiel Attraktivitätsforscher seit Ende der Sechziger Jahre – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Dass die äußere Erscheinung Karrieren enorm beeinflusst, zeigt eine etwa Langzeitstudie der Hamburger Wissenschaftlerin Sonja Bischoff von der Universität für Wirtschaft und Politik. Sie befragt seit 1986 regelmäßig Führungskräfte, wie groß diese den Einfluss der äußeren Erscheinung auf die Karriere (.pdf) einschätzen. Ergebnis: Der Faktor Attraktivität hat selbst über die Jahre hinweg Karriere gemacht. Stuften 1986 noch rund fünf Prozent die äußere Erscheinung als wichtig ein, so waren es 1991 bereits 14 Prozent, 1998 schon 22 Prozent – in vierten, aktuellen Studie maßen die Befragten dem Faktor Schönheit erstmals 28 Prozent (Männer, 26 Prozent Frauen) eine sogar größere Bedeutung zu als persönlichen Kontakten oder Seilschaften.

Wer schön ist, hat von Geburt an Vorteile

Schönheit ist ein gar willkommener Gast“, sinnierte dereinst Goethe. Sie verschafft den Menschen schon früh Vorteile: Schöne Babys bekommen mehr Aufmerksamkeit, schöne Kinder die besseren Schulnoten. Das steigert das Selbstbewusstsein, macht Mut und schafft Überzeugungskraft. Effekt: Schöne Menschen finden später schneller einen Job. Davon sind mehr als 93 Prozent von insgesamt 1300 Personalchefs der größten Unternehmen in den USA und Großbritannien überzeugt, die die New Yorker Universität Syracuse dazu befragte. Der Vorteil einer hübschen Fassade lässt sich sogar in Euro und Cent zählen: Wer gut aussieht, verdient bei gleicher Qualifikation bis zu fünf Prozent mehr als seine durchschnittlich attraktiven Kollegen. Das fand Daniel Hamermesh von der Universität Texas heraus. Der US-Ökonom will sogar nachgewiesen haben, dass Unternehmen mit einem gut aussehenden Kader höhere Umsätze erzielen. Naja.

Was aber macht Menschen eigentlich schön?

Und warum halten wir attraktive Menschen für leistungsfähiger oder intelligenter? Hinter Letzterem steckt nach Meinung der Soziologen ein archaischer Reflex, simpel, aber wirkungsvoll: Attraktivität ist ein Signal körperlicher Gesundheit; Intelligenz und Leistung wiederum können sich voll entfalten, wenn der Körper gesund ist. Genährt wird das Stereotyp auch am Beziehungsmarkt: Intelligente Menschen mit prestigeträchtigen Berufen finden überwiegend schöne Partner. Beide Anteile vererben sich bis zu einem gewissen Grad weiter, sodass die Kinder dieser Beziehung meist ebenfalls attraktiv und intelligent sind und dank ihres Elternhauses zudem bessere Startbedingungen mitbringen. Der Vorteil vererbt sich also weiter. Und weil jeder auch noch solche Beispiele aus seinem Umfeld kennt, verfestigt sich das Klischee, und der Effekt potenziert sich: Schön macht erfolgreich!

Schön macht erfolgreich

Auch die Attraktivität selbst folgt offenbar solch universellen Regeln. Schön ist, wer eine glatte, intakte Haut hat, einen schlanken Körper, symmetrische Gesichtszüge. Allesamt sind Zeichen für Vitalität. Bei Männern gilt zudem ein Verhältnis von Taillenumfang zu Hüftumfang zwischen 0,9 und 1,0 als schön, weil es auf einen hohen Testosteronspiegel und damit auf sexuelle Potenz und körperliche Stärke hinweist; bei Frauen liegt der Idealwert bei 0,7, das signalisiert Fruchtbarkeit.

Selbst Körpergröße hilft. So hängen Bildungsniveau und Körpergröße offenbar empirisch zusammen: Deutsche Studenten sind im Schnitt drei Zentimeter größer als ihre Altersgenossen, die eine Ausbildung absolvieren. Mehr noch: Männer, die größer sind als 1,82 Meter, bringen später knapp sechs Prozent mehr Gehalt nach Hause als ihre durchschnittlich hoch geratenen Kollegen. Das erechneten Forscher der Londoner Guildhall Universität nach einer Befragung unter 11.000 Berufstätigen.

Gesundheit, Genie, Größe – zum Karriereturbo wird das erst, wenn es bestimmte Klischees bedient. Maskulinen Merkmalen wie einem markantem Kinn, breiten Schultern, kräftigen Augenbrauen oder einer eckigen Stirn werden im Job die größeren Führungsqualitäten zugesprochen. Das ist ein Problem für Frauen: Schöne, feminine Frauen werden oft in eine Schublade gesteckt. Man traut ihnen nicht so viel zu. Weibliche Beigaben, wie etwa Highheels oder lange, lockige (blonde) Haare, wecken zwar allerlei Assoziationen, jedoch so gut wie nie den Konnex Kompetenz. Das bestätigt auch die Mannheimer Soziologin Anke von Rennenkampff. Sie fand heraus, dass Bewerberinnen, die besonders weiblich wirkten, von Personalchefs eher ins Kreuzverhör genommen wurden, während sich die Anwärterinnen mit spitzem Kinn und zurückgekämmten Haaren (Pferdeschwanz) im Gespräch lange über ihre Erfolge auslassen durften.

Überhaupt spielen offenbar Haare neben dem Gesicht eine wichtige Rolle – mehr als die Wahl der richtigen Kleidung. Bei den Frauen rangiert – entgegen dem Klischee – weltweit Braun mit 34 Prozent vor Blond mit 32 Prozent als attraktivste Haarfarbe, während Schwarz und Rot gleichermaßen mittelmäßig bewertet wurden. Das ergab eine weltweite Studie der Universität des Saarlandes unter 5500 Personen. Bei den Männern hingegen zählt zwar die Farbe Braun mit über 50 Prozent zu den attraktivsten (Rot wurde als „grauenhaft schlecht“ eingestuft). Doch mehr noch als die Farbe ist entscheidend, dass sie überhaupt Haare (.pdf) auf dem Kopf haben, betont etwa der Attraktivitätsforscher und Psychologe Ronald Henss von der Universität in Saarbrücken. In zwei unabhängigen Experimenten mit manipulierten Fotos in Bewerbungsmappen wurden Bewerber mit Halbglatze oder Glatze deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und zudem von den Testpersonen als weniger karriereorientiert sowie weniger kreativ angesehen. Interessant daran: Obwohl die Beurteilenden nur die Gesichter sahen, wurden die Träger haariger Häupter vier Jahre jünger und signifikant größer eingeschätzt.

Trotzdem noch eine gute Nachricht für alle, denen die Natur nicht ganz so gut mitgespielt hat: Bei einem weiteren Experiment der Universität des Saarlandes erhielten die Schönen zwar in Sachen Intellekt, Offenheit und Selbstbewusstsein durchweg Bestnoten. Keineswegs aber schnitten sie besser ab bei Attributen wie gewissenhaft, ausgeglichen oder verträglich. Für den Wuppertaler Attraktivitätsforscher Manfred Hassebrauck ist der Schönheitsbonus ohnehin kein Automatismus. Ob jemand als gut aussehend empfunden wird, hänge nur zu 30 Prozent von dessen objektiver Schönheit ab. Rund 20 Prozent machen die individuellen Ansprüche des Beurteilenden aus – und 50 Prozent dessen persönliche Vorlieben.