Definition: Was ist Aberglaube?
Aberglaube bezeichnet die Vorstellung, dass bestimmte Handlungen, Gegenstände, Tiere, Zahlen oder Ereignisse durch übernatürliche Kräfte das eigene Schicksal beeinflussen. Zwischen dem vermeintlichen Zeichen und seiner Wirkung besteht dabei kein wissenschaftlich nachweisbarer Zusammenhang. Wer abergläubisch ist, deutet etwa ein vierblättriges Kleeblatt als gutes Vorzeichen, fürchtet Freitag, den 13., oder klopft dreimal auf Holz, damit etwas Positives auch wirklich eintritt.
Aberglaube gibt dem Zufall eine Bedeutung. Gerade wenn wir Ereignisse nicht erklären oder kontrollieren können, suchen wir nach Mustern und Zusammenhängen. Ein Ritual vermittelt dann zumindest das Gefühl, Einfluss auf den Ausgang nehmen zu können.
Woher kommt der Aberglaube?
Abergläubische Vorstellungen sind wesentlich älter als der Begriff selbst. Schon früh versuchten Menschen, Krankheiten, Naturereignisse, Schicksalsschläge oder unerwartetes Glück durch unsichtbare Mächte zu erklären. Im deutschen Sprachraum wurde dafür früher auch der abwertende Begriff „Afterglaube“ verwendet. Damit grenzte insbesondere die Kirche vermeintlich falschen Volksglauben vom religiösen Glauben ab. Viele heutige Bräuche sind eine Mischung aus alten Traditionen, religiösen Vorstellungen und Volksglauben. Ihre genaue Herkunft lässt sich deshalb nicht immer eindeutig bestimmen.
Aberglaube: Synonyme und Englisch
Synonyme und verwandte Begriffe sind Irrglaube, Volksglaube, Wunderglaube, Magie oder mystischer Glaube. Auf Englisch heißt Aberglaube „superstition“, das Adjektiv „abergläubisch“ wird mit „superstitious“ übersetzt.
Aberglauben Beispiele
Abergläubische Vorstellungen begegnen uns bis heute in Ritualen, Redewendungen und Symbolen. Einige sollen Unheil abwehren, andere Wohlstand, Gesundheit oder Erfolg bringen. Die bekanntesten Beispiele für Aberglauben:
Aberglaube |
Bedeutung und Herkunft |
| Freitag, der 13. | Die 13 gilt in vielen westlichen Kulturen als Unglückszahl, zugleich besitzt auch der Freitag eine negative Symbolik. Aus der Kombination entstand der berüchtigte vermeintliche Pechtag. |
| Schwarze Katze | Schwarze Katzen wurden lange mit Hexerei und dunklen Mächten verbunden. Kreuzt eine schwarze Katze den Weg, soll das Unheil ankündigen. Je nach Überlieferung spielt sogar die Laufrichtung eine Rolle. |
| Spiegel zerbrechen | Ein zerbrochener Spiegel soll 7 Jahre Pech bringen. Dahinter steht unter anderem die alte Vorstellung, Spiegelbild und Seele eines Menschen seien miteinander verbunden. |
| Unter einer Leiter durchgehen | Unter einer angelehnten Leiter hindurchzugehen, gilt als schlechtes Omen. Unabhängig vom Volksglauben ist der Umweg allerdings vernünftig: Von oben könnte tatsächlich etwas herunterfallen. |
| Vierblättriges Kleeblatt | Vierblättriger Klee ist selten. Schon der Fund ist damit ein kleiner Glücksfall – entsprechend entwickelte sich das Kleeblatt zum klassischen Glückssymbol. |
| Auf Holz klopfen | Wer etwas Positives sagt, klopft mitunter dreimal auf Holz, um das Schicksal nicht herauszufordern. Einer verbreiteten Erklärung zufolge wohnen in Bäumen schützende Geister oder göttliche Kräfte. Das Klopfen sollte demnach ihren Schutz heraufbeschwören. |
| Daumen drücken | Gedrückte Daumen sollen einem anderen Menschen Erfolg bringen. Heute ist die Geste vor allem ein symbolischer Ausdruck dafür, jemandem einen guten Ausgang zu wünschen. |
| Hufeisen | Hufeisen gelten traditionell als Schutz- und Glückssymbol. Selbst um die Position ranken sich verschiedene Vorstellungen: Mit der Öffnung nach oben soll das Glück beispielsweise darin bleiben. |
| Schornsteinfeger | Schornsteinfeger gelten als Glücksbringer. Das hat einen praktischen Hintergrund: Saubere Kamine senkten früher die Brandgefahr – ihr Besuch konnte somit tatsächlich vor Unheil schützen. |
| Glücksschwein | Schweine standen früher für Nahrung, Besitz und Wohlstand. Wer viele davon besaß, war gut versorgt. Daraus entwickelte sich das Schwein zum Symbol für Glück. |
| Scherben | „Scherben bringen Glück“ – besonders bekannt ist der Brauch vom Polterabend. Traditionell wird dabei Porzellan zerschlagen. Zerbrochenes Glas oder ein kaputter Spiegel gelten dagegen gerade nicht als gutes Zeichen. |
| Salz verschütten | Verschüttetes Salz soll Streit oder Pech ankündigen. Salz war früher ausgesprochen wertvoll, sodass sein Verlust schon ganz praktisch ärgerlich war. |
| Salz über die Schulter werfen | Wer Salz verschüttet hat, soll drohendes Unheil durch eine Prise über die linke Schulter abwehren können. Das Ritual soll das vermeintlich schlechte Vorzeichen wieder aufheben. |
| Sternschnuppe | Wer eine Sternschnuppe sieht, darf sich etwas wünschen. Damit der Wunsch in Erfüllung geht, darf er dem Volksglauben zufolge allerdings niemandem verraten werden. |
| Glückscent | Eine gefundene Münze gilt traditionell als Zeichen für bevorstehenden Wohlstand. Aus dem früheren Glückspfennig wurde mit Einführung des Euro der Glückscent. |
| Marienkäfer | Der Marienkäfer gilt traditionell als Himmelsbote und Glückssymbol. Wer einen entdeckt oder auf sich landen lässt, soll dem Volksglauben zufolge Glück haben. |
| Nazar-Amulett | Das blaue Augen-Amulett ist vor allem im Mittelmeerraum und Westasien verbreitet. Es soll vor dem „bösen Blick“, Neid und daraus entstehendem Unheil schützen. |
| Winkekatze | Die japanische Maneki Neko soll Glück, Wohlstand oder Kundschaft herbeiwinken. Deshalb steht sie häufig in Geschäften und Restaurants. |
Aberglauben Beispiele in anderen Ländern?
Was als Glücks- oder Pechzeichen gilt, hängt stark von Kultur und Tradition ab. Selbst vermeintliche Unglückszahlen sind keineswegs universell:
Land oder Region |
Aberglaube |
| Japan | Die Zahl 4 gilt häufig als ungünstig, weil eine ihrer japanischen Aussprachen dem Wort für „Tod“ ähnelt. Deshalb wird die Zahl teilweise bei Zimmer- oder Etagenangaben vermieden. |
| Italien | Hier gilt traditionell besonders die 17 als Unglückszahl. Freitag, der 17., besitzt deshalb eine ähnliche Bedeutung wie hierzulande Freitag, der 13. |
| Spanien | In Spanien und Teilen Lateinamerikas gilt Dienstag, der 13., als Unglückstag. Ein bekanntes Sprichwort warnt davor, an diesem Tag zu heiraten oder eine Reise anzutreten. |
| China | Die Zahl 8 gilt als besonders glückverheißend, weil ihre Aussprache im Chinesischen ähnlich klingt wie ein Wort für Wohlstand. Entsprechend begehrt sind beispielsweise Telefonnummern, Adressen oder Termine mit vielen Achten. |
| Großbritannien | Um Elstern ranken sich zahlreiche Vorstellungen. Bekannt ist der traditionelle Reim „One for sorrow, two for joy“, bei dem die Zahl der gesehenen Vögel Kummer oder Freude ankündigen soll. |
| Südkorea | Ein verbreiteter moderner Aberglaube ist der sogenannte „Fan Death“: Demnach könne es gefährlich sein, nachts bei geschlossenen Fenstern mit laufendem Ventilator zu schlafen. Wissenschaftlich gibt es dafür keine Grundlage. |
| Russland | Vor einer längeren Reise setzen sich Reisende traditionell noch einmal für einen kurzen Moment hin. Das Ritual soll eine sichere Reise begünstigen und schafft zugleich einen Moment der Sammlung. |
Psychologie: Warum sind Menschen abergläubisch?
Aberglaube ist keine reine Frage mangelnder Vernunft. Psychologisch erfüllt er eine wichtige Funktion: Er macht Ungewissheit scheinbar berechenbarer. Besonders in Situationen, deren Ausgang wir kaum beeinflussen können, suchen wir nach Regeln und Mustern. Ein klassischer Erklärungsansatz ist die sogenannte Kontrollillusion: Menschen überschätzen dabei ihren persönlichen Einfluss auf Ergebnisse, die wesentlich oder vollständig vom Zufall abhängen.
Je größer die Unsicherheit, desto attraktiver werden Rituale. Deshalb finden sich Glückssocken, Talismane und feste Abläufe besonders häufig vor Prüfungen, Wettkämpfen, Auftritten oder anderen Situationen mit ungewissem Ausgang. Das Ritual beseitigt die Unsicherheit zwar nicht. Es vermittelt aber subjektiv Sicherheit und das Gefühl: „Ich habe alles getan, was ich tun kann.“
Warum bestätigt sich Aberglaube scheinbar immer wieder?
Dafür sorgt unter anderem der Confirmation Bias. Wir nehmen bevorzugt Informationen wahr, die unsere bestehenden Annahmen bestätigen. Wer Freitag, den 13., für einen Unglückstag hält, registriert jede Panne besonders aufmerksam. Der verpasste Bus, das kaputte Handy oder der Streit mit dem Chef werden zum vermeintlichen Beweis. Dass gleichzeitig hundert andere Dinge problemlos funktionieren, gerät in den Hintergrund. So erhält sich der Volksglaube selbst: Treffer werden erinnert, Gegenbeispiele übersehen.
Können Glücksbringer tatsächlich wirken?
Übernatürliche Kräfte von Kleeblättern, Hufeisen oder Glückssocken sind wissenschaftlich nicht belegt. Trotzdem können solche Symbole indirekt eine messbare Wirkung entfalten. Das zeigte eine Studie der Universität zu Köln: Die Psychologen Lysann Damisch, Barbara Stoberock und Thomas Mussweiler untersuchten in vier Experimenten, wie sich aktivierter Glücksglaube auf die Leistung auswirkt. Teilnehmer schnitten unter anderem bei Geschicklichkeits-, Gedächtnis- und Wortaufgaben besser ab, wenn zuvor ein bekanntes Glücksritual aktiviert wurde oder sie ihren persönlichen Talisman bei sich hatten.
Der Grund war jedoch keine Magie, sondern Selbstwirksamkeit! Die Versuchspersonen trauten sich die Aufgaben eher zu, setzten sich höhere Ziele und zeigten mehr Ausdauer. Der Glaube an Glück beeinflusste damit das Verhalten – und dieses wiederum die Leistung. Das erklärt, warum ein persönlicher Glücksbringer durchaus hilfreich sein kann. Aber nicht der Gegenstand besitzt besondere Kräfte, sondern was dieser psychologisch bei seinem Besitzer auslöst.
Wann wird Aberglaube problematisch?
Ein Talisman in der Tasche oder ein Ritual vor einem wichtigen Termin sind harmlos. Problematisch wird es, wenn solche Vorstellungen Ängste verstärken oder wichtige Entscheidungen bestimmen. Wer eine Reise wegen eines vermeintlichen Unglückstages absagt, medizinische Hilfe durch Schutzrituale ersetzt oder finanzielle Risiken aufgrund angeblicher Glückszahlen eingeht, überschätzt die Macht des Aberglaubens. Kritisch ist ebenfalls, wenn immer neue Rituale nötig werden, um sich überhaupt sicher zu fühlen. Glücksbringer dürfen Mut machen – vernünftige Entscheidungen und Eigenverantwortung können sie nicht ersetzen.
Was ist der Unterschied zwischen Aberglaube und Spiritualität?
Aberglaube verbindet ein konkretes Zeichen oder Symbol mit einer bestimmten Folge: Das Kleeblatt verheißt Glück, die schwarze Katze kündigt Pech an. Spiritualität ist weiter gefasst: Sie beschäftigt sich mit Sinnfragen, Transzendenz oder einer persönlichen Verbindung zu etwas, das über das unmittelbar Wahrnehmbare hinausgeht. Spirituelle Menschen müssen deshalb keineswegs abergläubisch sein.
Auch positives Denken ist etwas anderes: Erwartungen können unsere Haltung, Entscheidungen und unser Verhalten verändern. Daraus folgt jedoch nicht, dass Gedanken äußere Ereignisse magisch herbeiführen. Entscheidend ist immer die vermeintliche Kausalität: Aberglaube entsteht, wenn wir zufälligen Zeichen, Gegenständen oder Symbolen eine Wirkung zuschreiben, für die es keinen belastbaren Zusammenhang gibt.
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