Drehbuchautor: Wie werde ich einer?

Sein Name klingt ein bisschen so, als wäre er einem Rosamunde Pilcher-Roman entsprungen. Dabei steht Paul Salisbury viel mehr auf Gangster-, Western- und Tarantino-Filme. Der gebürtiger Jenaer, Sohn eines englischen Germanisten und einer deutschen Anglistin, zählt zu Deutschlands aufstrebendsten Drehbuchautoren, wurde kürzlich für das Crime Drama „Atlas“ für den Deutschen Drehbuchpreis 2016 nominiert. Wie ist er zum Drehbuchschreiben gekommen? Wie viel Honorar bringt so ein Fernsehfilm eigentlich? Und vor allem: Welche Serie schaut er gerade? Karrierebibel hat Salisbury gefragt.

Drehbuchautor: Wie werde ich einer?

„Pulp Fiction war das erste Drehbuch, das ich gelesen habe“

Herr Salisbury, Sind Sie eigentlich ein Serienjunkie?

Kann man schon so sagen. Mit zwei kleinen Kindern ist das sogenannte Binge Watching an den Wochenenden zwar nicht mehr drin, aber ich schaue schon viele Serien, meist mehrere Sachen parallel, da das Angebot im Moment ja gerade so groß und gut wie nie zuvor ist. Zumindest was Serien aus den USA und Großbritannien angeht. Meine Lieblingsserie im Moment ist „Fargo“, da kommt gerade jeden Mittwoch auf Netflix eine neue Folge der zweiten Staffel. Da freu ich mich jedes Mal drauf wie früher als Kind auf eine neue Folge „Ein Colt für alle Fälle“ oder „Das A-Team“. Meine absolute Lieblingsserie aller Zeiten ist „The Sopranos“. Dicht gefolgt von „Deadwood“. Vom Gangster- und Westerngenre war ich schon immer am meisten angetan.

Also war der Berufsweg schon früh vorgezeichnet?

Ich hab schon als Kind Geschichten geschrieben, die von den Abenteuer- und Westernfilmen geprägt waren, die ich damals toll fand. In meiner Jugend hab ich zwar wahnsinnig viele Filme geschaut, aber kaum mehr geschrieben. Das hat sich dann geändert, als ich die Filme von Quentin Tarantino für mich entdeckt habe. Ich glaube, dass viele Filmjunkies meiner Generation durch Tarantino das erste Mal den Autor neben dem Regisseur wahrgenommen haben. Da habe ich dann auch die Filme geschaut, bei denen Tarantino „nur“ das Buch geschrieben hatte, also zum Beispiel „True Romance“ oder „From Dusk Till Dawn“. Auch das erste Drehbuch, das ich gelesen habe, war von ihm. Das war „Pulp Fiction“ und ich war 17. Von da an wollte ich auch so etwas großartig Originäres, Aufregendes und Brutales schreiben. Meine ersten Versuche haben sich dann natürlich auch so gelesen wie die von einem Möchtegern-Tarantino: Cool klingende, aber hohle Dialoge und alles darauf ausgelegt, möglichst schnell zum blutigen Finale zu kommen.

Was zeichnet denn ein gutes Drehbuch aus?

Für mich zählt als allererstes die Prämisse, also die Grundidee. Wenn man die grobe Handlung in zwei Sätzen zusammenfasst und ich merke, dass sie sofort etwas im Kopf auslöst, ich mir den Film vorstellen kann und die Prämisse auch bei anderen diese Reaktion hervorruft, dann ist das schon einmal vielversprechend. Dazu kommen dann starke, vielschichtige Charaktere, eine mitreißende Handlung mit guter Dramaturgie und gute Dialoge. Das alles braucht Zeit, sich optimal zu entwickeln. Wieviel dann am Ende tatsächlich Handwerk und wieviel individuelle Kreativität ist, ist oft schwer zu sagen. Ein gutes Buch braucht meiner Ansicht nach beides in hohem Maß. Und selbst wenn man dann mal eins zustande gebracht hat, ist die Arbeit längst nicht getan. Denn ein Drehbuch ist nie richtig fertig. Selbst wenn schon gedreht wird müssen oft noch Sachen umgestellt oder umgeschrieben werden. Da braucht es Ausdauer und Disziplin, auch wenn das jetzt etwas arg pädagogisch klingen mag.

Gut, ich muss also ausdauernd, diszipliniert und vor allem einfallsreich sein. Wie kommen Sie persönlich denn so auf gute Ideen?

Die richtige Idee im rechten Moment kann man in den seltensten Fällen forcieren. Man muss den Kopf freikriegen und den Dingen ihren freien Lauf lassen, sonst beißt man sich nur fest. Mir kommen Ideen oft beim Joggen. Auch den Klassiker, die alles entscheidende Idee unter der Dusche, hatte ich schon. Aber Kniffe in dem Sinne habe ich keine. Um Schreibhemmungen abzubauen hilft aber meistens, einfach drauflos zu schreiben. Irgendwohin kommt man damit immer, und überraschend häufig sogar auf den rechten Pfad.

Der rechte Pfad hat Sie ja zunächst an die Deutsche Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin geführt, wo Sie Drehbuch studiert haben. Laut Angaben auf der Homepage werden aber pro Jahr nur acht Bewerber aufgenommen. Was hätten Sie getan, wenn Sie nicht genommen worden wären?

Ich habe da wirklich ausnahmsweise mal alles auf eine Karte gesetzt. Als ich bei der Aufnahmeprüfung in Berlin die anderen vorausgewählten Bewerber kennengelernt habe, erzählten die meisten, dass sie sich noch an mindestens zwei anderen Filmhochschulen beworben haben. Da dachte ich auch: Wie blöd bist du eigentlich? Ich bin grundsätzlich kein großer Optimist, aber in diesem Fall hab ich einfach gedacht: Ich versuch’s mal und wenn es nicht klappt, kann ich immer noch sehen, wie es weitergeht.

Gibt es denn auch andere Wege, die Karriere als Drehbuchautor einzuschlagen?

Sicher. Die meisten älteren Autoren haben vor der Etablierung der Drehbuch-Studiengänge Mitte/Ende der 90er an den deutschen Filmhochschulen ja auch ihr Handwerk gelernt. Aber über diese Wege kann ich leider nicht viel sagen, da ich sie nicht kenne.

Angehenden Redakteuren wird gerne erzählt, sie müssten lesen, lesen, lesen. Muss man das als Drehbuchautor auch – oder muss man eher fernsehen, fernsehen, fernsehen? Anders gefragt: Muss man als Drehbuchautor wirklich gut schreiben oder vielmehr intelligente Zusammenhänge herstellen können?

Fernsehen, fernsehen, fernsehen per se ist sicher kein gutes Rezept. Dann schon eher schreiben, schreiben, schreiben! Denn gut schreiben muss man in der Tat können. Sicherlich wird auf Stil und Wortgewandtheit beim Drehbuchschreiben meist nicht so viel Wert gelegt wie bei Literatur, die ja um ihrer selbst willen entsteht und nicht wie beim Drehbuch eine klar verständliche Anleitung für einen Filmdreh ergeben muss. Die größte Herausforderung ist es meines Erachtens, innere Prozesse zu veräußerlichen, da man ja im Drehbuch keine Innenperspektive hat und sich der emotionale Zustand eines Charakters nur über dessen Handlungen und Worte erzählen kann. Darin präzise und dennoch nicht abgedroschen zu sein, ist eine der täglichen Herausforderungen und erfordert aus meiner Sicht in jedem Fall neben Innovationskraft auch Schreibtalent, sonst finden die großen Bilder und Szenen nur im eigenen Kopf statt und vermitteln sich dem Leser nicht.

Viele Romanautoren sind ja eher Einzelgänger. Man sitzt so im stillen Kämmerlein und schreibt so vor sich hin. Gibt es auch so etwas wie den typischen Drehbuchautoren? 

Im Unterschied zum Romanautor ist man als Drehbuchautor viel mehr von anderen abhängig. Schon sehr früh reden Leute mit, Regisseure, Produzenten und Redakteure geben Feedback und wollen mitgestalten. Da kommt man als Einzelkämpfer nicht weit. Am Ende des Tages muss man natürlich selbst alles zu Papier bringen, aber seine eigene künstlerische Vision auf Biegen und Brechen zu verteidigen und alles von außen zu ignorieren, das geht als Drehbuchautor nicht. Man muss Kompromisse machen können, ohne das eigene Projekt und seine Charaktere zu verraten. Das ist oft eine gar nicht leichte Gratwanderung. Ich hab auch bei einigen Projekten von Beginn an mit dem Regisseur oder der Regisseurin zusammen das Buch entwickelt. Das ist meistens für die weiteren Schritte von großem Vorteil, weil man dann schon zu zweit ist, um die gemeinsame Vision durchzukriegen. Aber über die müssen sich Autor und Regisseur dann auch erst einmal einig sein. Ein Drehbuchautor muss also viel mehr Teamplayer sein als Einzelkämpfer, sonst läuft man früher oder später gegen eine Wand.

Ich könnte mir vorstellen, dass in der Branche jeder jeden kennt und Kontakte sehr wichtig sind. Wie stellt man die her bzw. wie kommt man am besten an Auftraggeber ran?

Viele meiner Kontakte stammen noch aus meiner Zeit an der Filmhochschule. Mit einigen meiner ehemaligen Kommilitonen von der dffb hab ich schon Projekte verwirklicht. Darüber hinaus hat man dort mehrere Gelegenheiten, seine Stoffe bereits etablierten Branchenvertretern vorzustellen. Ich bin leider kein besonders guter Networker, von daher sind diese natürlich entstandenen Kontakte sehr wichtig für mich. Leute zu kennen, die einen Film bei dessen Realisierung möglichst weit voranbringen können, ist schon sehr wichtig. Ich würde aber mal behaupten, dass vielen Autoren das Klinkenputzen bei Branchenschwergewichten eher nicht so liegt. Wer sich gut verkaufen und dann auch noch richtig gut schreiben kann, der hat einen deutlichen Vorteil gegenüber den Sozialphobikern, die im stillen Kämmerlein vor sich hin tüfteln. Wenn man ein Drehbuch geschrieben und noch keine Kontakte hat, wäre mein Tipp, gezielt vorzugehen. Sich also anzuschauen: Welche Produktion hat Sachen gemacht, die ich gut finde und die in die Richtung meines Stoffes gehen. Unangefordert eingesandte Bücher oder Konzepte haben es immer am schwersten, aber einen Versuch ist es dennoch wert. Danach lautet die Devise: Nachhaken und dranbleiben.

Sie haben mit „Atlas“ schon den Emder Drehbuchpreis 2015 gewonnen und sind jetzt für den Deutschen Drehbuchpreis 2016 nominiert. Wie wichtig sind Auszeichnungen für einen Drehbuchautoren?

Sie sind eine schöne Bestätigung und Anerkennung der eigenen Arbeit. Von Seiten des kleinen Kreises der Erstleser eines Drehbuchs, meist Produzenten und Redakteure, kommen als Reaktion meistens erst einmal Anmerkungen, die einem mehr oder minder schonend mitteilen, was noch nicht funktioniert. Von daher sind Wertschätzungen wie Preise schon gut für das geschundene Ego. Es ist aber auch nicht so, als würden nach so einem Preis die Angebote nur so hereinflattern. Ein Preis kann einem Projekt aber eine gewisse Aufmerksamkeit verschaffen und im Idealfall dabei helfen, dass es umgesetzt wird. Mit oder ohne Preis fährt man aber am besten mit der Devise: Keep calm and carry on.

Gehe ich richtig in der Annahme, dass man als Drehbuchautor pro Jahr meist nur ein oder zwei Projekte bearbeitet?

Das kommt darauf an. Einen richtigen Regelfall gibt es nach meiner Erfahrung nicht. Fürs Fernsehen, gerade bei einer laufenden Serie, muss alles etwas schneller gehen, da können zwischen erster Idee und fertigem Buch manchmal nur ein paar Monate liegen. Bei Kinoprojekten kann sich die Arbeit von den ersten Seiten bis zur sogenannten kurbelfertigen Drehbuchfassung hingegen über Jahre hinziehen. Und dann muss man noch das Glück haben, dass das Buch auch wirklich verfilmt wird. Sonst war die jahrelange Schinderei erst einmal für die Schublade. In den ca. fünf Jahren meiner freiberuflichen Tätigkeit musste ich meistens an mehreren Projekten parallel arbeiten. Da kommt man eher auf fünf bis sechs Projekte pro Jahr, meist alle in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Man braucht mehrere Eisen im Feuer, auch um sich finanziell für den Fall abzusichern, dass aus einem Projekt doch nichts wird. Wenn man alles auf ein Projekt setzt, steht man womöglich schnell ganz ohne Auftrag da.

Falls Sie zufällig über Geld sprechen wollen: Mit welchem Honorar kann ein Drehbuchautor so im Schnitt für einen stinknormalen deutschen Kinofilm rechnen?

Die Sache mit den Drehbuchhonoraren ist verzwickt. Zunächst ist das gerade bei einem Kinofilm davon abhängig, welche Produktion das Buch in Auftrag gibt und ob man als Autor einen Namen hat, mit dem man eine sogenannte branchenübliche Gage überhaupt durchbekommen kann. Im Idealfall sollte diese Gage deutlich über dem Honorar für Fernsehfilme liegen, für die in der Regel um die 30.000 Euro Honorar vorgesehen ist. Aber, und das ist ein großes aber: Man bekommt fast immer einen Staffelvertrag, in dem meist festgelegt ist, dass die Hälfte der Gage erst am ersten Drehtag gezahlt wird. Das bedeutet, dass man bei den vielen Hürden, die es auf dem Weg zur Verfilmung so gibt, nach getaner Arbeit auch schnell mal nur mit der Hälfte oder weniger auskommen muss. Das Risiko des Scheiterns eines Projekts wird also auf dem Rücken des Autors abgeladen. Eine von so einigen bitteren Pillen des Jobs.

Letzte Frage: Wann kommt der Anruf aus Hollywood?

Das frage ich mich auch.

Herr Salisbury, vielen Dank für das Gespräch.

[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
11. Dezember 2015 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!