Praktikum und Mindestlohn: Besteht Anspruch?
Mit dem Jahr 2015 ist auch der flächendeckende Mindestlohn in die deutsche Berufswelt eingezogen. Lange wurde er erwartet und große Hoffnung hat er geweckt. Doch gerade Praktikanten stehen dem Mindestlohn mit Zweifeln gegenüber. Deshalb wollen wir die wichtigsten Fragen klären. Gilt der Mindestlohn auch für Praktikanten? Und noch wichtiger: Gefährdet der Mindestlohn möglicherweise Praktikumsplätze, anstatt für eine faire Bezahlung zu sorgen?

Bekommt jeder Praktikant den Mindestlohn?

Flächendeckender Mindestlohn - das klingt erst einmal, als würden alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gleich behandelt. Auch wenn das in vielen Bereichen zutrifft, gelten für Praktikanten einige Sonderregeln, die dafür sorgen, dass nicht jeder Praktikant in den Genuss des Mindestlohns kommen wird. Zu den Ausnahmen vom Mindestlohn zählen...

  • ...Pflichtpraktika im Rahmen von Schule, Ausbildung oder Studium.
  • ...Freiwillige Praktika begleitend zu Studium oder Ausbildung bis zu drei Monaten.
  • ...Freiwillige Praktika bis zu drei Monaten, die zur Orientierung bei der Berufs- oder Studienwahl dienen.
  • ...Praxisphasen während eines dualen Studiums, generell bei ausbildungsintegrierten Studiengängen, sowie praxisintegrierten Studiengängen bei denen praktische Tätigkeiten regelmäßig innerhalb des Studiengangs verpflichtend sind.

Vom Mindestlohn ausgenommen sind außerdem alle unter 18 Jährigen, die noch keinen Berufsabschluss erworben haben. Dadurch soll verhindert werden, dass wegen einer vergleichsweise gut bezahlten Praktikumsstelle auf eine Ausbildung verzichtet wird.

Schnellcheck: Mindestlohn im Praktikum?

Sie können auch einen kleinen Schnellcheck machen, ob Sie unter die Mindestlohn-Regel fallen. Beantworten Sie dazu bitte folgende Fragen:

  • Sind Sie unter 18 Jahren?
  • Dauert Ihr Praktikum maximal drei Monate?
  • Handelt es sich dabei um ein Pflichtpraktikum im Rahmen Ihres Studiums?
  • Absolvieren Sie das maximal 3-monatige Praktikum, um sich für die Berufswahl zu orientieren?
  • Haben Sie vorher noch nie für das Unternehmen gearbeitet?

Wenn Sie die Fragen mit "Ja" beantworten können, fallen Sie nicht unter die Mindestlohn-Regel. Ansonsten sehr wahrscheinlich schon.

Achtung: Dauert das Praktikum länger als drei Monate (vier Monate zum Beispiel) muss es vollständig und rückwirkend mit dem Mindestlohn bezahlt werden. Also nicht nur der eine, längere Monat, sondern die volle Praktikumszeit.

Wie verkraften die Unternehmen den Mindestlohn?

Doch trotz der Ausnahmen gibt es viele Praktikanten, die vom Mindestlohn profitieren werden. Hierzu zählen...

  • ...Praktikanten außerhalb eines Ausbildung oder eines Studiums mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem Studienabschluss.
  • ...freiwillige Praktika begleitend zu Ausbildung oder Studium, länger als drei Monaten.
  • ...freiwillige Praktika zur Orientierung bei der Berufs- und Studienwahl, länger als drei Monate

Da stellt sich schnell die Frage: Können die Unternehmen sich die gleiche Anzahl an Praktikanten leisten, auch wenn diese auf einmal deutlich mehr verdienen? Oder kurz gesagt: Werden Unternehmen Praktikumsplätze aus Kostengründen abbauen?

Pauschal für alle Unternehmen und gerade jetzt, am Anfang des Mindestlohns, ist diese Frage natürlich nur schwer zu beantworten. Doch es ist davon auszugehen, dass der Mindestlohn einige Unternehmen härter treffen wird als andere:

  • Klein- und mittelständische Unternehmen. Konzerne mit gut gefüllten Kassen haben wenig Schwierigkeiten, Ihren Praktikanten den Mindestlohn zu zahlen. Hier ist die Frage eher, ob Sie es wollen. Für ein kleines Familienunternehmen hingegen, kann es einen großen Unterschied machen, ob ein Praktikant im Monat 450 Euro oder 1380 Euro brutto verdient.
  • Kulturelle Einrichtungen. Ähnlich wie auch kleineren Unternehmen stehen kulturellen Einrichtungen häufig weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Viele finanzieren sich aus Spenden und Fördermitteln. Die höhere Bezahlung von Praktikanten könnte daher zu Schwierigkeiten führen.

Mindestlohn im Praktikum: Tipps für Arbeitgeber

Im Rahmen der sogenannten Aufzeichnungspflicht müssen den Beginn, die Dauer und das Ende des Arbeitstages von jedem Beschäftigten, der unter den Mindestlohn fällt, exakt dokumentiert werden. "Die Aufzeichnungen müssen zudem zwei Jahre lang aufbewahrt werden, insbesondere bei geringfügig beschäftigten Mitarbeitern", sagt Peter Groll, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Frankfurt. Verstöße gegen das Mindestlohngesetz sind übrigens kein Kavaliersdelikt: Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten zu wenig zahlen, riskieren eine Geldbuße von bis zu 500.000 Euro.

Bei Studenten im Pflichtpraktikum sollten sich Arbeitgeber daher unbedingt die Studienordnung und Immatrikulationsbescheinigung vorlegen lassen (kopieren!) und auch im Praktikumsvertrag festlegen, dass es sich um ein Pflichtpraktikum oder ein freiwilliges Orientierungspraktikum von drei Monaten handelt.

Jetzt aktuelle Praktikantenstellen durchsuchen oder gratis Lebenslauf gestalten...

Lebenslauf-gestalten-Karrieresprung-de


Sind Praktikumsplätze in Gefahr?

EDHAR/shutterstock.comEs sind bereits einige Fälle aufgetreten, in denen Praktikanten gekündigt wurden, weil die Unternehmen den Mindestlohn nicht bezahlen konnten oder wollten. Sicherlich ist das nicht der erhoffte Effekt des Mindestlohns, vielleicht handelt es sich auch nur um voreilige Reaktionen auf die Veränderung. Auch die Politik hofft, dass dies nur Ausnahmen sind, die nicht zur Regel werden. Es ist aber zu erwarten, dass Unternehmen auf die ein oder andere Weise auf den Mindestlohn im Praktikumssektor reagieren werden. Diese Reaktion kann von Unternehmen zu Unternehmen verschieden sein. Damit Sie vorbereitet sind und wissen, was auf Sie zukommen kann, stellen wir Ihnen mögliche Szenarien vor und zeigen, wer davon profitiert.

  1. Reduzierung der Praktikumszeit

  2. Da der Mindestlohn in den meisten Fällen nur greift, wenn das Praktikum länger als drei Monate dauert, könnten Unternehmen Ihre ausgeschriebenen Praktikumsstellen auf drei Monate begrenzen. Auf diese Weise können Sie den Mindestlohn umgehen und den Praktikanten wie bisher auch ein geringeres Entgeld für deren Leistungen bezahlen.

    Wer profitiert davon?

    In erster Linie natürlich die Unternehmen, die Ihre Kosten eingrenzen können und trotzdem weiterhin auf die Arbeitskraft von Praktikanten zählen können. In einem zweiten Schritt kommt diese Regelungen auch den Praktikanten entgegen, die nur ein drei monatiges Praktikum absolvieren wollen oder aus Gründen der Orientierung ohnehin vom Mindestlohn ausgenommen sind.

  3. Anpassung der Einstellungskriterien

  4. Am Ende liegt es immer in der Hand der Unternehmen, für welchen Praktikanten sie sich entscheiden. Diese Entscheidung könnte maßgeblich durch den Mindestlohn beeinflusst werden. Während freiwillige Praktikanten möglicherweise Anspruch auf den Mindestlohn hätten, können Pflichtpraktikanten eine geringere Bezahlung erhalten.

    Wer profitiert davon?

    Auch hier können die Unternehmen natürlich Kosten einsparen. Doch vor allem steigen die Chancen von Pflichtpraktikanten, ihren Wunschplatz zu erhalten, da diese gegebenenfalls bevorzugt eingestellt werden. Ein solches Verhalten geht natürlich gleichzeitig zu Lasten von freiwilligen Praktikanten, denen es deutlich schwerer gemacht würde, einen Praktikumsplatz zu erhalten.

  5. Kürzung von Praktikumsplätzen

  6. Selbstverständlich können Unternehmen auch das Angebot an Praktikumsstellen reduzieren, da Sie die Kosten für den Mindestlohn nicht tragen können oder wollen. Ob das Angebot nur reduziert oder gänzlich gestrichen wird, hängt dabei von der Größe des Unternehmens und der Anzahl der Praktikumsplätze ab.

    Wer profitiert davon

    Im Grunde profitiert niemand von dieser Lösung. Für Praktikanten würden sich die Möglichkeiten drastisch reduzieren. Unternehmen würden zwar anfangs Kosten einsparen, sich aber die Chance nehmen, Nachwuchskräfte zu akquirieren und früh an das eigene Unternehmen zu binden.

  7. Steigerung der Wirtschaft

  8. Es ist aber auch falsch, davon auszugehen, dass der Mindestlohn unweigerlich zu einem schlechten Ergebnis führen muss. Befürworter erwarten, dass durch die höhere Bezahlung, gerade im Niedriglohnsektor, die Gesamtwirtschaft angekurbelt wird. Auf diese Weise können neue Arbeitsplätze entstehen und Ausbildungsplätze geschaffen werden. Auch können Unternehmen motiviert werden, Ausbildungsplätze an Stelle von Praktikumsplätzen anzubieten.

    Wer profitiert davon?

    Über eine starke Wirtschaft, höhere Löhne und mehr Arbeitsplätze freut sich grundsätzlich jeder. An erster Stelle stehen hier aber wohl die Absolventen, die von den größeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt profitieren könnten.

Fazit

Einige Unternehmen werden sicher mit dem Gedanken spielen, weniger Praktikumsplätze anzubieten. Durch den Mindestlohn können also Praktikumsplätze gefährdet werden. Es ist aber eher davon auszugehen, dass viele Stellen nicht abgebaut, sondern an die Regelungen des Mindestlohns angepasst werden, beispielsweise durch eine kürzere Dauer des Praktikums..

[Bildnachweis: Pressmaster, EDHAR by Shutterstock.com]