Für Narziss, den schönen Sohn des Flussgottes Kephisos, war sein gutes Aussehen tödlich: Weil er die Liebe der Nymphe Echo zurückwies, belegten ihn die Götter mit einem Fluch: Er verfiel der unstillbaren Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild im Wasser. Bei dem Versuch, sich anschließend mit seinem Abbild zu vereinigen, ertrank der selbstverliebte Narr schließlich im Fluss.
Schon immer haben Spiegel die Menschen fasziniert. Seien es reflektierende Wasseroberflächen, hochglanzpolierte Metallplatten oder moderne Glasspiegel. Schon auf ägyptischen Wandmalereien werden Menschen häufig mit Handspiegeln abgebildet, im berühmten Märchen “Schneewittchen” nimmt das Unheil dank eines sprechenden Spiegels seinen Lauf, und in der heutigen Zeit sind sie aus Badezimmern, Umkleidekabinen oder Frisörstuben kaum wegzudenken. Und beobachten Sie einmal die Leute, wenn sie an verspiegelten Glasscheiben vorbei gehen: Kaum einer kann sich dem Reiz des eigenen Abbildes entziehen, zupft sich zurecht oder rückt gerade, was gerade gehört. Spiegel sind eine Mischung aus Traum und Deutung: Entweder sie zeigen ein Zerrbild, eine Imagination, eine Lüge, die wir gerne sehen möchten oder die brutale und ungeschönte Wirklichkeit.
Entsprechend waren und sind Spiegel auch für die Wissenschaft interessant, insbesondere welche neuronalen Reaktionen ihr Abbild in unserem Gehirn hervorrufen. Mithilfe der virtuellen Realität von Spiegelbildern lassen sich etwa Phantomschmerzen oder chronische Schmerzen therapieren. Weitaus interessanter finde ich aber, dass Spiegel sogar produktiver machen können (siehe Artikel in der New York Times): Probanden, die in einem Büro mit großen Spiegeln arbeiteten, strengten sich mehr an, waren hilfsbereiter und tricksten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe weniger in Sachen tatsächlicher Leistung. Mitarbeiter, die ihr Spiegelbild ständig vor Augen hatten, urteilten sogar seltener über ihre Kollegen und verwendeten seltener Stereotype in puncto Sexualität, Rasse oder Religion, so Untersuchungen von C. Neil Macrae, Galen V. Bodenhausen and Alan B. Milne, die im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht wurden.
“When people are made to be self-aware, they are likelier to stop and think about what they are doing,” Dr. Bodenhausen said. “A byproduct of that awareness may be a shift away from acting on autopilot toward more desirable ways of behaving.” Physical self-reflection, in other words, encourages philosophical self-reflection, a crash course in the Socratic notion that you cannot know or appreciate others until you know yourself.
In gewisser Weise sind wir also alle wie Narzissus: Wenn wir uns schon sehen, dann soll es wenigstens ein schönes Spiegelbild sein.



Kittyluka
Ich bezweifle den Effekt, Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die Leute sich beobachtet fühlten.
Und den Spiegel: “sie zeigen ein Zerrbild, eine Imagination, eine Lüge, die wir gerne sehen möchten”, hätte ich gern. Ich seh immer nur die brutale Wirklichkeit…
Jochen Mai
@Kittyluka: Hahaha, ich dachte immer, auch Frauen sind in der Lage im Spiegel nur die Dinge zu sehen, die sie sehen wollen… :))
Aber zurück zum Effekt: Nunja, das Sich-Beobachtet-Fühlen wird hier ja gar nicht bezweifelt. Das Interessante ist doch, dass auch das Gefühl der Selbstbeobachtung schon einen Effekt zu haben scheint.
Philipp Grunwald
Finde ich sehr interessant. Ich denke auch, dass eine Verhaltensänderung gerade wegen des “sich beobachtet fühlen”, aber auch der Fähigkeit sich selbst klar darüber zu sein (und zwar durch konkrete Selbstbeobachtung) dass man beobachtet wird, so gut funktioniert.
Ich denke bei dem Thema ist es genau wie mit all den anderen Elementen im eigenen Büro: Sie beeinflussen und repräsentieren einen.
Ein Argument mehr, vielleicht neben einem aufgeräumten Schreibtisch auch einige Spiegel im Büro hängen zu haben!