Dem Entree haftet mitunter eine schier unerträgliche Bedeutung an. Wie du kommst gegangen, so du wirst empfangen, lautet ein schon angejahrtes Bonmot. Etwas eleganter, dafür aber auch finaler, klingt: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. In der Regel beziehen sich beide Zitate auf persönliche Begegnungen – auf einem Kongress zum Beispiel, in einem Meeting oder im Bewerbungsgespräch. Die Wirkungsweise des Intros lässt sich aber ebenso gut auf den Schriftverkehr übertragen – vor allem auf dessen heute alltäglichste Form: die E-Mail.

Und tatsächlich: Wie einer seine E-Mail beginnt, verrät bereits viel über dessen Intention, Kinderstube und Beziehungsgrad.

Natürlich dürfen Sie die folgenden Beispiele nicht allzu ernst nehmen – so sind sie auch nicht gemeint. Aber in jedem zugespitzten Spaß steckt auch ein Funken Wahrheit. Deshalb, daher und darum: Heute etwas E-Mail-Etiketten-Voodoo…

Was das Intro über die Absichten des Absenders öffenbart:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heißt übersetzt: Ich hab keine Ahnung, wen diese E-Mail erreicht. Und es ist mir auch völlig schnuppe, du Flitzpiepe! Formal ist die Anrede natürlich okay, aber was folgt, könnte eine Kündigung sein. Oder Spam. Oder Post von einem Bewerber, die seine Hausaufgaben vergessen hat.

Mein Freund.

Einer Ihrer Erbonkel dritten Grades in Nigeria ist verstorben. Er hat Ihnen Vierhunderttrölfzig Mirdonen Euro hinterlassen, aber leider Ihre Kontonummer vergessen. Immerhin: Sein freundlicher Nachlassverwalter wird sich um alles kümmern – vorausgesetzt, Sie bezahlen ihm vorab eine kleine Bearbeitungsgebühr, denn komisch: Daran hat der reiche Onkel auch nicht gedacht. War vermutlich schon sehr alt…

Hey!

“Hey” heißt: Ich hab keinen Bock, lange drumrum zu reden, aber ich will was von dir! Netter Versuch.

Hallo!

Ein simples “Hallo” kann bedeuten, dass dem Absender gerade nichts Besseres eingefallen ist. Oder dass er sich noch viel mehr Gedanken darüber macht, was er anschließend in die E-Mail packt. Kann was Gutes sein, kann aber auch nicht. Besser Sie stellen sich schon mal eine Flasche Whiskey neben den Laptop.

Hi

Verrät: Der Absender glaubt, er sei wichtig und könne sich den Ton leisten.

Hi!!!

Bedeutet: Sie sollten die E-Mail löschen, ohne sie zu lesen.

Lieber…

Ganz gefährlich! Falls Sie sich gut kennen: alles bestens. So beginnen freundliche Mails. Falls es sich um einen verhassten Kollegen oder gar die dritte Mail vom Chef handelt: Anschnallen! Mit derart geheuchelter Freundlichkeit beginnen verbale Beerdigungen.

Harald!

Bedeutet nichts Gutes. Jetzt gibt’s gleich den Wischmop ins Gebiss…

…, Harald.

Offenbart: Sie haben beim letzten Einkauf in irgendeinem Online-Shop vergessen, den Haken für die Newsletter-Bestellung rauszunehmen, und jetzt bekommen Sie das, was Sie verdienen: personalisierten Werbemüll. Selber schuld.

Werter Herr…

Du mich auch!

Hallo zusammen

Obacht! Hier versucht jemand Verantwortung zu delegieren. Besonders verräterisch: Die eingebaute Empfangsbestätigung. Hinterher heißt es dann: Wieso? Die Mail haben doch alle gelesen.

Moin Moin

Saloppe Begrüßung unter Freunden – im Süddeutschen auch “Servus”. In diesem Fall aber von einem Möchtegern-Nordlicht mit Pseudo-Understatement. Es heißt schlicht “Moin.”.

Was geht?

Als Sie das letzte gemeinsame Bier mit diesem Kumpel getrunken haben, war Madonna noch eine Art Jungfrau und ein Ex-Cowboy Präsident der Vereinigten Staaten. Leider wird Ihr Buddy es auch dieses Mal nicht zu Ihrer Familien-Geburtstagsfeier schaffen. Aber vielleicht können Sie ihm aus alter Freundschaft gerade etwas Geld leihen? Äh, nein!

Guten Tag.

Der ist bestimmt nicht gut gelaufen, der Tag. Erboste Kunden beginnen so Ihre E-Mail. Aber auch völlig Fremde, die keine Ahnung haben und sich informieren wollen. Oder Trolle, die gerade Munition sammeln. Genau lesen! Jedes weitere Wort könnte ironisch sein.

Mein Liebster… (Alternativ: Liebste…)

Sie werden gleich darüber informiert, dass Sie a) Vater geworden sind; b) endlich heiraten sollen; c) sich beim letzten Sex womöglich angesteckt haben. Oder sie werden abserviert. Aber mit höflicher Anrede.