Ein Interview mit dem Pokerprofi Eduard „Eddy“ Scharf

Herr Scharf, was reizt derzeit so viele Leute am Pokerspiel?Eddy Scharf, 53, ist seit 17 Jahren professioneller Pokerspieler. Der gelernte Pilot gewann als einziger Deutscher zwei Weltmeistertitel bei der World Series of Poker (WSOP) und hat bisher über eine Million US-Dollar an Preisgeldern eingespielt.

Jeder Mensch spielt gerne – und jeder Mensch gewinnt auch gerne. Das Schöne am Poker ist, man muss keine zehn Jahre dafür trainieren, um ein Spiel oder Turnier zu gewinnen. Zudem gibt es am Ende sogar Geld, statt eines Blechpokals, der nur in der Vitrine vollstaubt. Entscheidend ist aber wohl auch, dass es kein reines Glücksspiel ist, sondern viel mit Strategie, Taktik und Psychologie zu tun hat.


Sie sagen, zwischen Verhandlungen und Pokerspielen gibt es einige Parallelen. Welche denn?

In beiden Situationen gewinnt derjenige, der sein Gegenüber besser einschätzen kann, dessen Motive, aber auch dessen Taktik durchschaut und entsprechend darauf reagiert. Das kann bedeuten, dass man am Anfang ein paar unbedeutende Niederlagen hinnimmt, um hinterher den Pott zu gewinnen. Vor allem aber kommt es darauf an, seine Mitspieler anfangs genau zu studieren und deren Charakter einzuschätzen.

Was hat der Charakter damit zu tun?

Wenn ich weiß, der andere hat ein Egoproblem, weil er mir und allen anderen am Tisch was beweisen will, sagt mir das viel über seine Spielstrategie. So jemand pokert in der Regel hoch, also auf maximales Risiko, ist aggressiv und verbissen. Dieser Typ spielt sich selbst um Kopf und Kragen. Dazu muss man selber wenig beisteuern – nur solide weiterspielen.

Angeblich können Pokerprofis in Mitspielern lesen wie in einem Buch. Was lesen Sie dort?

Ja, das ist ein schönes Klischee. Aber ganz so leicht ist das nicht. Anfänger kann man zum Beispiel so gut wie gar nicht lesen. Die können in der Regel kaum einschätzen, wie gut ihr Blatt ist und wie man damit spielen muss. Entsprechend unstrategisch verhalten sie sich. Viel eher verraten sich mittelstarke und Profispieler. Wobei das sicherste Zeichen dafür, dass ihnen einer etwas vormachen will, seine Geschichte ist. Auch das ist wie bei einer Verhandlung: Ob Sie nun um einen Rabatt feilschen, weil Sie angeblich ein noch besseres Angebot haben, oder vorgeben ein starkes Blatt auf der Hand zu haben – beide Male müssen Sie sich konsistent verhalten. Wenn einer erst aggressiv setzt und dann bei der nächsten Runde mit dem Einsatz zögert, heißt das meist, dass er blufft. So oder so: Ihre Geschichte müssen Sie das gesamte Spiel durchhalten.

Und was verrät Ihnen die Körperhaltung?

Nicht so viel, wie den anderen in ein Gespräch zu verwickeln. Wie einer antwortet, ob seine Stimme zittert und ob er mir dabei in die Augen schaut, verrät mehr. Wer sich stark fühlt, ist gesprächig. Wenn einer aber blufft, will er möglichst wenig über sich verraten, wird still – und verrät so doch einiges über sich. Machen Sie aber bitte nie den Fehler, sich nur auf ein Indiz zu verlassen. Erst mehrere Merkmale geben Ihnen einen verlässlichen Hinweis.

Wie schaffen Sie es, unter Druck gute Entscheidungen zu treffen ohne auffällig zu werden?

Durch atmen. Unter Stress neigt jeder dazu schneller zu atmen, dann pumpt der Körper den Sauerstoff vor allem in die Muskeln und weniger ins Gehirn. Den Effekt versuche ich zu blockieren, indem ich ein bis zwei Minuten lang tief Luft hole und langsam wieder ausatme. Natürlich nicht, wenn ich gerade eine Hand spiele – das würde mich tatsächlich verraten. Das Zweite ist, sich nicht auf die Summe zu konzentrieren, um die gerade gespielt wird. Am Tisch spielt man eben nur um Chips. Mehr sollte es für einen in der Situation nicht sein.

Und wenn Sie dennoch einmal falsch entschieden haben, etwa weil Sie geblufft wurden?

Dann ist das Wichtigste, diesen Bluff hinter sich zu lassen. Dabei hilft mir übrigens die Fliegerei ganz enorm: Piloten lernen immer wieder, auf einen ersten Fehler keinen zweiten folgen zu lassen. Viele Menschen sind, wenn sie merken, dass sie einen folgenschweren Fehler begangen haben, so schockiert und irritiert, dass sie sich gleich zur nächsten und vielleicht noch größeren Fehlentscheidung verleiten lassen. Im Flugzeug kann das tödlich enden. Aber auch am Poker- oder Verhandlungstisch muss man unbedingt kühlen Kopf bewahren, wenn man merkt, dass man jemanden falsch eingeschätzt hat.

Gibt es denn ein gutes Pokerface?

Das wird überschätzt. Man liest viel weniger aus einem Gesicht, als die meisten meinen. Zumal Männer erstaunlich gut darin sind, eine möglichst ausdruckslose Miene aufzusetzen. Frauen tun sich damit schwerer. Dafür lesen sie umso besser aus Sprache, Mimik und Gesten.

Und was passiert, wenn sich Profis gegenübersitzen und bewusst falsche Signale aussenden?

Dann wird es für beide Seiten natürlich schwerer, das Spiel zu dominieren. Aber nicht unmöglich. Allerdings werden Profis untereinander nie versuchen, irgendwelche Rollen zu spielen. Erstens hält man das allenfalls ein paar Stunden durch, und zweitens weiß man danach kaum noch, wem gegenüber man welche Rolle gespielt hat. Viel effektiver ist, herauszufinden, welche Meinung der andere von einem hat, also wie er Sie einschätzt: Hält er Sie für einen kühlen Strategen oder für einen Hasardeur? Mit diesem Image können Sie wunderbar spielen…

…nämlich?

Aufgrund dieses Images treffen Ihre Mitspieler Annahmen darüber, wie Sie später reagieren. Das ist wieder wie bei einer Verhandlung. Sobald Sie einer durchschaut, diese Annahmen also keine mehr sind, sind Sie im Nachteil und manipulierbar. Das heißt aber auch: Sie besitzen so lange einen Vorteil, wie der andere nur fest genug daran glaubt, Sie durchschaut zu haben, oder diesbezüglich verunsichert wird. Beim Poker nennen wir die dazugehörige Strategie: die Gänge wechseln. Das bedeutet, dass Sie etwa in den ersten Partien auffallend aggressiv spielen. Sobald Ihr Gegner von dieser Fassade überzeugt ist, wechseln Sie Ihre Strategie radikal. Das Interessante ist: Selbst wenn jemand diese Taktik durchschaut, bleibt immer ein Rest Unsicherheit. Und die meisten halten erstaunlich lange am ersten Eindruck fest – selbst wenn sich herausstellt, dass der falsch war.

Aber bedeutet das nicht, dass zwei Profis letztlich nur wissen, gar nichts über den anderen zu wissen?

[Lacht] Nein, ganz so ist das nicht. Durchschaubarkeit ist immer ein Wechselspiel. Je durchsichtiger meine eigenen Aktionen sind, desto leichter bin ich zu lesen – desto durchschaubarer werden aber auch die Reaktionen meines Mitspielers. Und so erfahre ich auch wieder viel über ihn.