Systemisches Fragen: Wer fragt, der führt
Das Gespräch ist festgefahren, seit Stunden dreht sich die Diskussion im Kreis, das Problem scheint einfach nicht lösbar. Was Sie auch tun, Sie kommen mit Ihrem Gesprächspartner - oder im Team - einfach nicht weiter. Sackgasse. Solche Situationen können in den besten Teams und Gesprächen vorkommen. Angenehm sind sie zwar nicht, durch systemisches Fragen lassen sie sich aber schnell wieder lösen. Ganz nebenbei können Sie so auch die Gesprächsführung übernehmen...

Systemisches Fragen als Denkanstoß

Im Gegensatz zu normalen Fragen geht es beim systemischen Fragen nicht primär um den Erkenntnisgewinn des Fragenden. Systemisches Fragen dient viel mehr dazu, den Gesprächspartner auf neue Möglichkeiten aufmerksam zu machen, zum Nachdenken anzuregen und die eingefahrenen Bahnen zu verlassen.

Damit eignet sich die Methode auch dazu, festgefahrene Diskussionen in Teams neu zu beleben und Denkblockaden aufzulösen. Einige der Fragen funktionieren sogar am besten in einer Gruppensituation.

Damit der Einsatz systemischer Fragen gelingt, sind bei der Anwendung drei Grundsätze zu beachten:

  1. Sobald Sie die Methode anwenden und aktiv fragen, übernehmen Sie de facto die Gesprächsführung. Wenn Sie das von Ihrer offiziellen oder formalen Position in der Hierarchie oder im Team her nicht dürfen oder tun sollten, sollten Sie das im Vorfeld mit Ihrem Chef abklären.
  2. Systemische Fragen können zum Nachdenken anregen, können jedoch auch falsch verstanden werden. Achten Sie daher unbedingt auf eindeutige Formulierungen, bei denen sich niemand persönlich angegriffen fühlt.
  3. Wenn Sie andere dazu bringen wollen, sich aus eingefahrenen Mustern zu lösen, sollten Sie selbst diese Flexibilität genauso mitbringen. Es passt nicht zusammen, wenn Sie Ihre Kollegen zu neuem Denken auffordern, dann jedoch alle Ideen als unrealistisch abtun.

Wie jede Methode erfordert auch das systemische Fragen vor dem ersten Einsatz einige Übung. Wenn Sie sich nach Testgesprächen mit Freunden oder Bekannten sicher fühlen, kann diese Methode Ihnen im Arbeitsalltag und im Team hervorragende Dienste leisten.

Fragetechnik: Wer fragt, der führt

Wrr fragt, der führtIm Rahmen des systemischen Fragens werden mehrere Fragearten unterschieden. Jede Frage erfüllt dabei eine Funktion. In der praktischen Anwendung werden die verschiedenen Fragearten nach Bedarf miteinander kombiniert, um das Gespräch oder die Diskussion in die individuell sinnvolle Richtung zu lenken.

Im Folgenden stellen wir Ihnen die fünf häufigsten Fragearten des systemischen Fragens vor:

  1. Zirkuläre Fragen

    Diese Fragen dienen dazu, die aktuelle Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und dadurch neue Ideen und Ansätze zu entwickeln. Eine zirkuläre Frage könnte beispielsweise lauten: "Wie sieht die Situation aus Sicht von Kollege XY aus?" oder "Wie würde Ihr Chef das sehen und beurteilen?" Besonders effektiv sind diese Fragen, wenn die Personen, deren Perspektive eingenommen werden soll, anwesend sind. Dann kann nicht nur der Befragte seine Perspektive verlassen, die benannte Person erhält indirekt auch Feedback über ihre Wirkung auf andere.

  2. Hypothetische Fragen

    Diese Fragen stellen die Einladung zu Gedankenexperimenten dar. Sie führen zwar nur selten direkt zur Lösung eines bestehenden Problems, können dafür die Tür zu neuen Ansätzen und Richtungen öffnen. Klassische hypothetische Fragen lauten: "Was wäre, wenn das Problem plötzlich gelöst wäre?" oder "Wie würden Sie das Problem mit unbegrenztem Budget angehen?" Limitierende Faktoren in solchen Gedankenexperimenten auszuschalten kann oft kreative Energien freisetzen.

  3. Lösungsorientierte Fragen

    Viel zu oft kreisen Fragen in Diskussionen um das Problem und die Defizite eines Projekts oder einer Situation. Mit lösungsorientierten Fragen können Sie die Aufmerksamkeit auf mögliche Lösungen und die vorhandenen Ressourcen lenken und die Diskussion positiv gestalten. Typische lösungsorientierte Fragen sind beispielsweise: "Wann lief oder läuft es gut?" oder "Was ist für einen reibungslosen Ablauf notwendig?" Mit solchen Fragen können auch bisher ungenutzte Ressourcen und Möglichkeiten identifiziert werden.

  4. Skalierende Fragen

    Mit diesem Frage-Ansatz können Sie gleich zwei Ziele erreichen: Erstens können Sie die Komplexität einer Situation temporär reduzieren und zweitens können Probleme in die richtige Perspektive gesetzt werden. Was beispielsweise überwältigen wirkt, wird durch die richtigen Fragen vielleicht deutlich kleiner und lässt sich bewältigen. Skalierende Fragen lauten beispielsweise: "Wie beurteilen Sie das aktuelle Problem auf der Schwierigkeitsskala von 1 bis 10?" oder "Wie ordnen Sie das Problem im Vergleich zu früheren Problemen ein?"

  5. Paradoxe Fragen

    Mit paradoxen Fragen können Sie Probleme ebenfalls einordnen. Ihre Wirkung geht jedoch darüber hinaus und kann mitunter die kreativsten Lösungsansätze hervorbringen. Zugegeben, nicht alle so entstehenden Ideen sind immer umsetzbar, sie stellen jedoch meist gute Ansätze dar. Paradoxe Fragen könnten lauten:" Wie könnten Sie das Projekt völlig zum Scheitern bringen?" oder "Wie ließe sich das Problem noch verstärken?". Die Wirkung kann allerdings nur eintreten, wenn sich die Befragten ernsthaft auf die Fragen einlassen.

Welche Fragen in der jeweiligen Situation sinnvoll und effektiv sind, müssen Sie natürlich selbst entscheiden, denn wie schon gesagt: Wer fragt, der führt...

Wichtig ist, dass Sie im Vorfeld alle Fragearten ausprobiert haben und sich damit sicher fühlen. Die potenzielle Wirkung des systemsichen Fragens ist enorm, die Nebenwirkungen können es jedoch auch sein.

Der Einsatz bietet sich vor allem dann an, wenn Ihre Gesprächspartner über eine ausgeprägte Diskussionskultur verfügen und bereit sind, sich aus bekannten Denkmustern zu lösen. Dann ist die Methode hervorragend geeignet, um kreative Lösungen zu entwickeln.

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