Familienaufstellung: So funktioniert Systemaufstellung im Coaching

Unsere familiären Erfahrungen prägen uns bis ins Erwachsenenalter. Eine Familienaufstellung kann dabei helfen, diesen (unbewussten) Prägungen auf die Spur zu kommen und die Entwicklung von Denkmustern nachvollziehbarer zu machen. Vielleicht sogar (positiv) zu verändern.

Häufig erweisen sich erlernte Verhaltensweisen, die in Kindheit und Jugend sinnvoll waren, im Erwachsenenalter als hinderlich. Konflikte entstehen immer wieder an denselben Stellen, ohne das klar wäre, woher sie kommen.

Welche Wirkung eine Familienaufstellung – etwa im Coaching – hat, wie sie Ihnen nutzen kann und was danach passiert…

Familienaufstellung: So funktioniert Systemaufstellung im Coaching

Was ist eine Familienaufstellung?

Familienaufstellung DefinitionDie sogenannte Familienaufstellung ist eine Form der systemischen Aufstellung im Coaching.

Ziel ist, negative Muster und Konflikte aufzudecken und zu lösen.

Systemische Aufstellung heißt, dass je nachdem, welche Rolle man einnimmt, jeder Mensch in ein bestimmtes System eingebunden ist. Das kann die Familie, der Beruf oder das soziale Netzwerk sein.

In einem Seminar werden dazu zum Beispiel Teilnehmer ausgesucht und stellvertretend für andere Personen „aufgestellt“, das heißt räumlich positioniert:

Mal schauen sie zueinander, mal sind sie von einander abgewandt, stehen nah oder weit auseinander. Die räumliche Anordnung soll dabei das Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Personen veranschaulichen.

Es wird bei dieser Methode allerdings nochmal unterschieden zwischen:

  • Familienaufstellung
    Hier wird die Herkunftsfamilie oder die Gegenwartsfamilie des Klienten aufgestellt.
  • Systemaufstellung
    Die Systemaufstellung bezieht sich allgemeiner auf alle (Beziehungs-)Systeme. Also beispielsweise Probleme im Arbeitsumfeld. Dabei werden also andere umgebene Personen des Klienten aufgestellt – Kollegen, Chef, Freunde.

Die Aufstellung erfolgt letztlich immer nach den Vorstellungen des Klienten. Also wie er persönlich die Beziehungen zwischen sich und den anderen Menschen (aber auch untereinander) wahrnimmt.

Wenn also in einer Familienaufstellung eine Person vom Klienten an den äußeren Rand positioniert und von den anderen aufgestellten Personen nicht registriert wird, dann entspricht das der Wahrnehmung des Klienten (und der Teilnehmer), dass das repräsentierte Familienmitglied zum Beispiel nicht beachtet wird und buchstäblich „am Rand“ der Familie steht (etwa, weil die Person das „Schwarze Schaf“ ist).

Wer hat die Familienaufstellung erfunden?

Familienaufstellung Virginia Satir Bert HellingerWer sich mit dem Thema Familienaufstellung beschäftigt, stößt auf verschiedene Namen. Da wird zum einen Virginia Satir genannt. Sie wird auch als Mutter der Familientherapie bezeichnet und gilt als Pionierin auf dem Gebiet. Hellinger entwickelte Konzepte wie die sogenannte Familienskulptur, bei der Familienmitglieder durch überzeichnete Körperhaltungen Beziehungen zutage treten lassen.

Ein anderes Konzept war die sogenannte Familienrekonstruktion, bei dem Klienten einzelne Situationen aus ihrem Leben in der Herkunftsfamilie nachspielten. In Deutschland stieß die Arbeit und Weiterentwicklung des Psychoanalytikers Bert Hellinger auf großes Echo.

Mehr als 2000 Therapeuten bieten hierzulande die klassische Familienaufstellung nach Hellinger an. Dieser sieht in einer streng hierarchischen Familienordnung mit Vater, Mutter, Kind die „natürliche Ordnung“.

Die Seite Therapie.de berichtet allerdings auch von öffentlichen Veranstaltungen Hellingers, in denen er mithilfe weniger Fragen an die Klienten zu einer Diagnose gelangte und im Rahmen einer Familienaufstellung kritikwürdige Schlussfolgerungen zog.

Wenig überraschend hat sich die Mehrheit der Therapeuten von Hellinger mittlerweile distanziert und die Familienaufstellung weiterentwickelt: Zu konservativ und reaktionär wird er eingestuft. Seine als Kurzveranstaltung durchgeführte Aufstellung eignet sich nicht, um gravierende Probleme zu lösen, so die Kritiker. Auch scheinen Suggestion und Manipulation mit in seine vorschnellen Analysen hineingespielt zu haben.

Die Wirkung einer Familienaufstellung

Das Faszinierende an einer Familienaufstellung ist, dass die stellvertretenden Personen vorab keinerlei Instruktionen oder nähere biographische Informationen vom Klienten erhalten. Wenn sie anschließend interagieren sollen, verhalten sich innerhalb dieser Aufstellung so, wie es ihnen aufgrund der Konstellation naheliegend erscheint.

Es handelt sich also um kein Rollenspiel, sondern die aufgestellten Personen handeln frei und äußern eigene Gedanken und Gefühle, die aufgrund dieser Aufstellung entstehen.

Und hier passiert etwas Faszinierendes: Die Äußerungen und Verhaltensweisen der aufgestellten Personen kommen nicht selten nah an die der realen Familienmitglieder heran. Wie von Geisterhand.

Auf den britischen Biologen Rupert Sheldrake geht der Begriff vom „morphogenetischen Feld“ zurück. Dieser dient als Hypothese für gemeinsame Strukturen in in Physik, Biologie, Chemie und Gesellschaft. Analog dazu wird bei der Familienaufstellung vom „wissenden Feld“ gesprochen.

Der Gedanke dahinter: Die Stellvertreter übernehmen allein durch die Aufstellung und Position in der Gruppe unbewusst Gefühle und Gedanken der Familienmitglieder, die sie repräsentieren. Die Aufsteller gehen davon aus, dass alle Anwesenden miteinander auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden sind.

Immer wieder berichten Teilnehmer von Familienaufstellungen, in denen unglaubliche Überschneidungen zutage traten. Dass selbst Teilnehmer, die den darstellten Personen selbst äußerlich völlig unähnlich waren, im Verhalten den Familienmitgliedern aber nahezu glichen.

Kein Wunder also, dass eine Familienaufstellung von den Teilnehmern häufig als intensiv empfunden wird.

Die aktive Auseinandersetzung mit den Konstellationen und Reaktionen kann jedoch innere Blockaden lösen:

  • Warum verhält sich Onkel Hubert immer so?
  • Wie fühlt sich meine Schwester dabei?
  • Warum reagiere ich auf meinen Vater stets argwöhnisch?

Solche und andere Fragen, kann die Familienaufstellung beantworten helfen. Sie erreicht so oft mehr als stundenlange Gespräche auf der Couch. Das tatsächliche Beziehungsgeflecht wird dabei eben nicht nur imaginiert. Es tritt physisch sichtbar hervor. Man kann sehen und spüren, wie die einzelnen Familienmitglieder zueinander stehen – und warum sie so handeln, wie sie handeln.

Dies führt teils zu enormen Effekten, die bei den Teilnehmern – insbesondere dem Klienten – tiefe Gefühle, verdrängte Konflikte und unverarbeitete Traumata offenbaren können.

Nachwirkungen von systemischen Aufstellungen

Genau hier setzt allerdings auch einer der zentralen Kritikpunkte an der Methode an: Das Konzept der Familienaufstellung ist in Psychologie, Coaching oder Therapie bekannt. Es ist aber nicht geschützt. Heißt: Es bestehen keinerlei Mindestanforderungen an einen Aufsteller. Keine fundierte Ausbildung, keine Qualitätskriterien.

Das führt dazu, dass Aufsteller mit unterschiedlichsten Qualifikationen Familienaufstellungen anbieten und durchführen:

  • Ausgebildete Psychotherapeuten mit abgeschlossenem Psychologie- und Psychotherapiestudium ebenso wie
  • selbsternannte Lifecoaches, die gerade mal über einen Wochenendkurs verfügen.

Klar, dass das im zweiten Fall selten gut geht.

Bei derart wuchtigen Erfahrungen benötigen die Teilnehmer eine erfahrene Anleitung und Begleitung während der Familienaufstellung. Zudem kann es erforderlich sein, dass der Klient anschließend eine Nachbetreuung braucht. Werden in extrem aufwühlenden Momenten tiefsitzende Probleme aufgedeckt, dürfen Teilnehmer im Anschluss nicht alleingelassen werden.

Ungeeignet ist die Familienaufstellung daher auch bei bestimmten Krankheitsbildern. Für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie zum Beispiel einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder einer Depression empfiehlt sich stattdessen eine Familientherapie.

Ablauf und Kosten: So kann eine Familienaufstellung aussehen

Familienaufstellung Ablauf Kosten

  • Zeitrahmen
    Häufig wird eine Familienaufsstellung als Seminar an einem Wochenende veranstaltet. Sie dauert je nach Komplexität und Anzahl der teilnehmenden Personen zwischen ein bis zwei Stunden.
  • Problemstellung
    Der Klient hat eine konkrete Fragestellung beziehungsweise ein konkretes Problem, das er angehen möchte. Mögliche Themen können ein unerfüllter Kinderwunsch sein oder die Frage, warum jemand an immer denselben Punkt wieder und wieder scheitert. Welche Rolle womöglich das Verhalten der Eltern im Bezug aufs Scheitern spielt.
  • Genogramm
    Im Rahmen der Vorbereitung zur Familienaufsstellung wird meist ein sogenanntes Genogramm angefertigt. Dabei handelt es sich um eine Skizze, auf der die Familienmitglieder mitsamt besonderer Hinweise aufgeführt werden. Heraus kommt ein Familienstammbaum, der beginnend mit der Person des Klienten mehrere Generationen abdeckt. Erfolge, Schicksalsschläge oder anderweitige biographische Details ergänzen die jeweiligen Namen. Hier lassen sich bereits erste Parallelen und Muster erkennen, die gegebenenfalls Rückschlüsse auf gegenwärtige Schwierigkeiten zulassen.
  • Aufstellung
    Je nach Seminargröße nehmen zwischen zehn und 20 Personen an einer Familienaufstellung teil. Der Klient wählt aus den Anwesenden einen Stellvertreter für sich und jedes lebende und verstorbene Familienmitglied aus. So entsteht eine räumliche Darstellung von Zuneigung und Abneigung, aber auch Nähe und Distanz zwischen den Mitgliedern. Wer beispielsweise eine Systemaufstellung macht, um Teamkonflikten auf die Spur zu kommen, bildet das kollegiale Systems ab.
  • Ablauf
    Die Personen/Stellvertreter werden so lange zueinander gestellt und sortiert, bis sich das Problem offenbart. Verstrickungen zwischen den einzelnen Mitgliedern werden so erkannt. Dann wird geschaut, ob eine Veränderung der Positionen zueinander, sinnvolle Lösungen bringt. Der Klient realisiert, dass er eine Rolle übernommen hat und lässt diese los.
  • Kosten
    Pauschale Aussagen über die exakten Kosten einer Familienaufstellung sind nicht möglich. Allerdings lassen sich über die Webseite des jeweiligen Coaches oder Therapeuten Hinweise über Stundensätze beziehungsweise Preise für Seminare entnehmen. Ein Stundensatz liegt in etwa bei 80 Euro, Seminare liegen bei 150 Euro (am Tag) beziehungsweise 250 Euro (für ein Wochenende). Die Kosten dafür müssen Sie in der Regel selbst tragen, sie werden von der Krankenkasse nicht erstattet.

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[Bildnachweis: inimalGraphic by Shutterstock.com]
31. Mai 2020 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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