Anwesenheitsplicht-Perma-Präsenzpflicht
Fleiß ist aller Aufstieg Anfang. In deutschen Unternehmen gibt es dafür einen scheinbar objektiven Maßstab: die Anwesenheit. Und je höher einer aufsteigt, desto stärker gilt die Länge des Arbeitstages als Prahlobjekt. Physisch im Büro zu sein, ist für viele Chefs ein Beleg für Loyalität und Leistungswillen - Stress als Statussymbol, Anwesenheitspflicht als Attitüde. Acht Stunden heiße Luft sind im Zweifel mehr wert als vier Stunden produktives Vollgas. Schwachsinn! Auch wenn es viele Leute gibt, die daran glauben, dass die Dinge durch ihre bloße Anwesenheit besser werden: Präsenz ist kein Beleg für Produktivität. Mehr noch: Oft führt sie zum genauen Gegenteil...

Anwesenheit als Indiz für Leistung

Anwesenheitspflicht - PermapräsenzFührungskräfte verbringen heute im Schnitt 60 Stunden pro Woche im Büro, Topmanager kommen gar auf 80 Wochenstunden, hat einmal eine von zahlreichen Umfragen ergeben. Die Zahlen variieren hier und da und sind deshalb zu vernachlässigen. Gefährlicher aber ist das Denken dahinter: Feierabend machen nur Faulpelze.

Zwar waren flexible Arbeitszeiten nie so populär wie heute - Work-Life-Balance und Home-Office sei Dank. Doch bevorzugen viele Chefs nach wie vor den physisch anwesenden Mitarbeiter.

Als zum Beispiel die Wissenschaftler Christopher M. Barnes, Kai Chi Yam und Ryan Fehr von der Foster School of Business an der Washingtoner Universität untersuchten, wie Manager ihre Mitarbeiter unabhängig von der tatsächlichen Leistung beurteilen, stellten Sie fest: Wer morgens schon um 7 Uhr am Schreibtisch saß, punktete mehr bei seinem Vorgesetzten als der Kollege, der erst um 11 Uhr im Büro erschien - obwohl beide anschließend genau dieselbe Arbeit verrichteten, auch gleich lange (der zweite Kollege blieb eben länger - statt bis 15 Uhr bis 19 Uhr).

Drei unterschiedliche Experiment-Variationen dazu förderten doch immer dasselbe Stereotyp der Bosse zutage: Wer da ist, der arbeitet; wer nicht da ist, ist faul.

Wie falsch! Man kann sich im Büro anstrengen und dabei Tag für Tag jede Menge analysieren, archivieren, fabrizieren, optimieren, organisieren, produzieren, programmieren, präsentieren, sanieren, telefonieren oder theoretisieren – acht bis zwölf Stunden lang - und trotzdem nichts erreichen. Fleiß ist eben nur der Anfang, aber er ist nicht alles. Längst zeigen zig Untersuchungen, dass sich Produktivität und Kreativität nicht linear auf acht bis zehn Stunden verteilen, geschweigedenn auf einen Ort festlegen lassen.

Anwesenheitspflicht: Was ein langer Arbeitstag wirklich verrät:

  • Sie sind sehr fleißig.
  • Ihr Chef mag Sie.
  • Sie besitzen Leidensfähigkeit und Ausdauer.
  • Sie können schlecht Nein sagen.
  • Ihr Gehalt sollte höher sein - ist es aber nicht.
  • Sie bewegen sich zu wenig.
  • Sie haben kein besonders erfülltes Privatleben.
  • Ihre Familie kennt Sie vor allem von Fotos.
  • Sie treffen Ihre Freunde viel zu selten.
  • Sie wissen wenig mit Ihrem Leben anzufangen.
  • UND: Sie arbeiten zu lange!

Anwesenheitspflicht ist Zeitverschwendung

Anwesenheit-Präsenz-VertrauensarbeitszeitErst kürzlich veröffentlichte der Economist eine bemerkenswerte OECD-Studie über die Korrelation von Arbeitsstunden und Output. Die Kurve verlief jedoch keinesfalls linear, im Gegenteil: Ab einem Umfang von 50 Wochenstunden sank die Produktivität der Probanden rapide. Alles, was über 56 Stunden hinaus ging, bezeichneten die Forscher gar als pure Zeitverschwendung.

Das deckt sich auch mit einer schon etwas älteren Studie der Durham Business School und des Beratungsunternehmens JBA. Die Forscher unterschieden dabei zwei Mitarbeitergruppen in wissensintensiven Branchen: Die einen kamen - wie üblich - an fünf Tagen in der Woche ins Büro, die anderen hatten flexible Arbeitszeiten und -orte und durften gar einen oder mehrere Tage pro Woche von einem beliebigen Standort aus arbeiten.

Ergebnis: Sobald jemand, seine Arbeit selbstständig verteilen und organisieren konnte, erhöhte sich dessen Produktivität. So stieg etwa mit zunehmender Anwesenheitspflicht und Bindung an das Büro auch die Bereitschaft, drei oder mehr Tage im Jahr zu fehlen, beziehungsweise blau zu machen.

Oder salopp formuliert: Wer häufiger da sein muss, ist häufiger abwesend. Konkret betraf das 15,9 Prozent der Büroarbeiter, aber nur 6,6 Prozent der Flexiblen.

Eine dritte Untersuchung bestätigt den Anwesenheits-Unsinn: Bei der Langzeitstudie wurden zwölf bis zu 5-köpfige Beraterteams der Boston Consulting Group (BCG) aufgefordert, sich regelmäßig eine feste Zeit frei zu nehmen – jede Woche. Dazu gehörte etwa, dass sich jedes Gruppenmitglied mindestens einmal unter der Woche ab 18 Uhr einen freien, ungestörten Abend nehmen musste: kein Blackberry, kein Kontakt zu den Kollegen. Arbeiten war in dieser Zeit absolut tabu. Genauso wie die Arbeit am Wochenende nachzuholen. Wer wann welche Auszeiten nahm, wurde in wöchentlichen Meetings besprochen, wobei einige der beratenden Workaholics zu ihrem Feierabend regelrecht gezwungen werden mussten.

Das Ergebnis überraschte dann aber sowohl die Teams, die Chefs der Beratung sowie die Forscher: Die erzwungenen Auszeiten sorgten nicht nur dafür, dass die Teams besser miteinander kommunizierten und mehr Informationen miteinander teilten – sie verbesserten sogar die Beziehungen untereinander. Zudem optimierte der erzwungene Lenz die Arbeitsorganisation und Arbeitsabläufe. Mehr noch: Nach dem 5-monatigen Experiment zeigte sich, dass sogar die Jobzufriedenheit und Ausgeglichenheit der Consultants enorm angestiegen war. Alles wichtige Voraussetzungen für bessere Leistungen und Produktivität.

In einer anonymisierten Umfrage gaben die Versuchsteilnehmer an, nun länger bei BCG bleiben zu wollen als beispielsweise eine Kontrollgruppe anderer Berater, die die ganze Zeit durchgeackert hatten. Das Gesamtergebnis überzeugte die BCG-Berater sogar derart, dass sie das Konzept als feste Teamstrategie für internationale Projekte einsetzen.

BCG sind damit keine Ausnahme. Seit einiger Zeit können auch die Mitarbeiter von Microsoft Deutschland ihren Arbeitsort ganz offiziell selbst bestimmen. Ob im Café oder auf der Parkbank - das Prinzip des Vertrauensarbeitsortes wurde im Rahmen einer Betriebsvereinbarung sogar schriftlich festgehalten und soll den veränderten Wünschen der Belegschaft Rechnung tragen.

Natürlich verfolgt der Software-Dino damit auch eigene Vorteile - und verweist unter anderem auf eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Demnach bringen Unternehmen mit flexiblen Arbeitsbedingungen durchschnittlich 11 bis 14 Prozent mehr neue oder verbesserte Produkte auf den Markt als Firmen, die ihre Mitarbeiter an der kurzen Leine halten. Aber werden die Vertrauensarbeitszeit und der Vertrauensarbeitsort dadurch schlechter? Eben.

Der Mensch ist nun mal keine Maschine. Und selbst die vertragen es nicht, immer nur unter Vollgas zu rotieren. Deshalb sind Auszeit-Intervalle enorm wichtig für Körper, Psyche - und eben auch für die Produktivität.

Wo bitteschön steht auch geschrieben, dass man immer und überall erreichbar, immer ansprechbar und vor allem immer beschäftigt sein muss? Ein derartiges Verhalten könnte schließlich ebenso auf eine narzisstische Störung hindeuten: Wer etwa glaubt, dass die Wirtschaft, vielleicht aber auch nur die Tabellenkalkulation zusammenbricht, sobald er mal kurz innehält, nimmt sich höchstwahrscheinlich viel zu wichtig...

Anwesenheitspflicht macht Söhne aggressiv

Eine deutsch-australische Gemeinschaftsstudie um Jianghong Li, Forscherin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, kam zu dem Ergebnis, dass sich extrem lange Arbeitszeiten der Väter negativ auf die Entwicklung der Söhne auswirken: Als die Wissenschaftler die Daten von mehr als 1400 Kindern im australischen Bundesstaat Western Australia auswerteten, stellten sie fest: Söhne im Alter von 5 bis 8 Jahren, deren Väter 55 Wochenstunden und mehr arbeiteten, wurden häufiger verhaltensauffällig oder aggressiv als Söhne, deren Väter weniger malochten. Lange Arbeitszeiten von Müttern hatten diesen Effekt allerdings nicht, auch gab es kaum messbare Wirkungen auf die Entwicklung von Töchtern.

Präsenzpflicht: Wie Mitarbeiter Anwesenheit vortäuschen

Sagen wir es, wie es ist: Die Präsenzpflicht haben viele Arbeitnehmer zwar als unsinniges Übel identifiziert - gleichzeitig haben Sie sich damit aber auch arrangiert. Wer etwas auf sich hält und Karriere machen will, minimiert Pausen, legt Früh- und Spätschichten ein und gaukelt permanente Anwesenheit vor. Wo Permapräsenz dermaßen überschätzt wird, machen sich eben auch denkwürdige Sitten und Gebräuche breit.

Hier noch eine Liste der skurrilsten Hinterhältigkeiten, mit denen im Büro subtil Anwesenheit vorgetäuscht wird...

  • Jacke über den Stuhl hängen

    Das ultimative Erkennungszeichen für anwesende Mitarbeiter. Wer Jacke oder Mantel geschickt drapiert, kann sich auch mal unbemerkt absetzen. Vielleicht ist der Kollege nur mal gerade in einem Meeting oder besucht die Toilette...

  • Bildschirmschoner deaktivieren

    Ihr Monitor leuchtet noch immer erwartungsfroh, Sie können also noch nicht lange und nicht weit sein. Ganz Ausgefuchste lassen demonstrativ Ihren E-Mail-Posteingang geöffnet. Theoretisch könnte nun jeder einen dezenten Blick auf Ihre Mails werfen. Tut aber niemand, weil ja mit Ihrer sofortigen Rückkehr zu rechnen ist.

  • China-Box stehenlassen

    Man nehme eine Takeaway-Box vom China-Imbiss, lasse einen Rest dampfendes Chop Suey darin, platziere sie schön auffällig auf dem Schreibtisch und mache sich anschließend von dannen. Die Botschaft: Hier wird keine Mittagspause gemacht - und wenn, dann nur am Schreibtisch. Funktioniert auch mit Pizza-Karton, belästigt aber auf Dauer den Geruchssinn der Kollegen und wir teuer.

  • E-Mails perfekt timen

    Wichtige E-Mails zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt abschicken - das ist ein Klassiker. Empfehlenswert ist der (ganz) frühe Vormittag und der Zeitpunkt kurz vorm Feierabend - sofern die Adressaten selbst schon gegangen sind und nicht mehr reagieren können.

  • Schreibtischlampe einschalten

    Wer nicht als Klima-Frevler gelten will, knipst seine Lampe aus, wenn er das Büro für einen längeren Zeitraum verlässt. Karrierebewusste machen einfach das Gegenteil.

  • Unordnung hinterlassen

    Ein sorgsam aufgeräumter Schreibtisch ist schön, sieht aber nicht unbedingt nach Arbeit aus. Ein gesundes Maß an Unordnung vermittelt Vorbeikommenden das Gefühl, als ob Sie mitten im Arbeitsprozess stecken - und sich im Nu wieder darum kümmern werden.

  • Jalousien herunterlassen

    Jalousien vor den Fenstern sind ein starkes Anzeichen für Anwesenheit. Wirkt besonders glaubwürdig, wenn man ab und zu deren Höhe variiert.

  • Skype einstellen

    Wer sich im Büro über Skype oder andere Messaging-Dienste verständigt, bleibt am besten stets "erreichbar" - sollte aber nicht vergessen, den Status wenigstens am Sonntag zu ändern. Andernfalls kommt man dem Trick womöglich auf die Schliche.

  • Wagen auffällig parken

    Jeder Kollege, der morgens Ihr Auto direkt nach der Einfahrt auf Parkplatz 1 erblickt, weiß umgehend bescheid: Sie waren vor ihm da und sitzen längst fleißig an Ihrem Schreibtisch. Oder eben auch nicht.

Die Methoden dürften in jedem größeren Büro bekannt und auch schon genutzt worden sein (welche haben wir vergessen?) - das Grundproblem lösen sie aber natürlich nicht. Uns geht es aber auch nicht darum, andere (Chefs vor allem) an der Nase herumzuführen, sondern der Anwesenheitspflicht und dem Präsenzwahnsinn Grenzen zu setzen. Und gerade die Existenz solcher Methoden beweist letztlich nichts anderes, als ein irrsinniges System, das längst umgangen wird...

3 Maßnahmen gegen den Anwesenheitswahn

  1. Flexible Arbeitsbedingungen anregen: Das jährliche Mitarbeitergespräch ist ein guter Zeitpunkt, um das Thema aufs Tapet zu bringen. Ähnlich wie beim Gehalt gilt: Wer nicht fragt, bekommt auch nichts.
  2. Probetag zuhause anbieten: Wenn Sie Ihrem Chef von zuhause Top-Leistungen abliefern, wächst dessen Toleranz für Heimarbeit. Aus einem Probetag kann so eine Probewoche - und später womöglich ein ganzer Mentalitätswandel werden.
  3. Arbeitgeber wechseln: Suchen Sie sich einen Arbeitgeber, der Ihnen selbstbestimmtes Arbeiten ermöglicht. Für manche Jobs ist das sicher leichter gesagt als getan. Für andere aber auch nicht.

PS: Ändern Sie etwas! Wenn Sie es nicht wagen, kennen Sie die Antwort schon. Wagen Sie es dennoch, stehen die Chancen immerhin schon Fifty-Fifty.

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