Gesunder-realistischer-Optimismus
Zwei Eigenschaften - ein Widerspruch: Kann man optimistisch und gleichzeitig realistisch sein oder schließt sich das nicht gegenseitig aus? Müsste nicht der Realist viel eher ein Pessimist sein? So denken erstaunlich viele - und verbauen sich damit zugleich zahlreiche Chancen, über sich hinauszuwachsen und Erfolge dort zu realisieren, wo der Pessimist längt aufgibt. Tatsächlich ist realistischer Optimismus eine der Persönlichkeitseigenschaften erfolgreicher Menschen. Und das aus gutem Grund...

Realistischer Optimismus: Eine Definition

Optimismus-Realismus-DefinitionWas zeichnet realistische Optimisten aus und wie ist diese Eigenschaft überhaupt definiert? Gute Frage! Denn das ist gar nicht so leicht. In der Kombination aus beiden Sichtweisen entsteht eine teils ganz neue Haltung. Aber der Reihe nach...

  • Realismus

    ist vor allem eine Sache des Verstandes. Der Realist analysiert, bewertet auf Basis von Tatsachen und belastbaren Fakten (zumindest sind sie das aus seiner Sicht). Am Ende kalkuliert er kühl Chancen und Wahrscheinlichkeiten.

  • Optimismus

    hingegen ist vor allem eines: eine Entscheidung. Man kann in fast allen Dingen etwas Negatives oder Positives finden. Das Glas ist entweder halb leer oder halb voll. Manch positive Eigenschaften muss man vielleicht erst lernen, zu entdecken, aber sie sind da. Der Optimist entscheidet sich dafür, vor allem auf diese zu fokussieren.

Man könnte auch sagen: Realismus ist vor allem gegenwartsbezogen, er taxiert die auf Basis des aktuellen Daten; Optimismus dagegen blickt zuversichtlich in die Zukunft.

Optimismus und Realismus sind nicht zuletzt zwei der insgesamt sieben Säulen der Resilienz: Ohne die feste Überzeugung, dass sich die Dinge – früher oder später – zum Positiven wenden werden (Optimismus), ist Widerstandsfähigkeit nicht denkbar. Resiliente Menschen verallgemeinern deshalb bei einer Niederlage nichts, Motto: "Ich schaffe das nie", sondern sagen sich: "Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nächstes Mal schon." Resiliente Menschen entwickeln für sich aber auch realistische Szenarien: So können sie von temporären Wendepunkten im Leben nicht aus dem Gleichgewicht geworfen werden. Weil sie sich schon gedanklich auf ihr Leben "danach" vorbereiten, meistern sie diese Herausforderungen souveräner und schneller.

Realistischer Optimismus - also das Hybrid aus beiden Sichtweisen - ist demnach weniger rosarot als Optimismus pur. Er beschreibt aber auch eine Haltung der planvollen Zuversicht. Der realistische Optimist erkennt die Situation, wie sie ist - nüchtern und realistisch, ohne zu beschönigen. Wie er damit umgeht, entscheidet aber der Optimist in ihm, indem dieser sich vor allem die positiven Aspekte vor Augen hält ohne die negativen auszublenden.
Es ist eben keine realitätsferne Wunschzettelschreiberei. Unrealistischer Optimismus könnte sonst dazu führen, Risiken falsch einschätzen oder auf etwas zu hoffen, was unwahrscheinlich ist. Enttäuschungen sind so programmiert.

Hinter dem realistischen oder auch gefestigten Optimismus steckt die Überzeugung, dass sich die Dinge zum Guten wenden, weil sie es können. So ist der realistische Optimist in der Lage, selbst schwierigen Situationen eine Sinnhaftigkeit zu geben und etwas Positives darin zu erkennen:

  • Jemand, der einem übel mitspielt, hatte dann einfach einen schlechten Tag.
  • Eine Bewerbungsabsage sollte so sein, weil sie einen vor ungeahntem Schade bewahrt. Oder weil noch etwas Besseres kommt.

Realistischer Optimismus: Gesunde Bodenhaftung

Zukunft-Blick-realistischer-OptimismusSo wie man sich die Realität schlecht reden kann, kann man sie auch schön sehen. Alles eine Frage der Sichtweise, der Perspektive und des richtigen Maßes. Jedoch mit massiven Auswirkungen.

So entdecken immer mehr Wissenschaftler Belege dafür, dass der realistische Optimist, sich selbst (anderen aber auch) den größeren Gefallen tut. "Vollständige Sorglosigkeit und eine unerschütterliche Zuversicht sind das Wesentliche eines glücklichen Lebens", erkannte schon der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca. Heute weiß man von weiteren Vorteilen des Optimismus:

  • Die Einsicht auf Aussicht hilft Menschen dabei, Schicksalsschläge leichter und schneller zu überwinden und den Lebensmut nicht zu verlieren (Resilienz). Auch erkranken Optimisten seltener an Depressionen.
  • Der Glaube an die eigene Zukunft wirkt ebenso positiv auf den Körper und aktiviert die Selbstheilungskräfte: Die Immunabwehr von Optimisten funktioniert nachweislich besser, sie spüren Schmerzen weniger stark und erholen sich schneller von Operationen, was unter anderem Experimente mit Placebos und Nocebos belegen.
  • Die positive Sichtweise sorgt gar dafür, dass Zuversichtliche im Schnitt ein größeres soziales Netzwerk haben als Pessimisten. Und Beziehungen schaden bekanntlich vor allem dem, der keine hat.

Schon in den Dreißigerjahren untersuchten US-Forscher um den Psychiater George Vaillant die Auswirkungen von Optimismus auf unsere Gesundheit. Damals wurden 268 Absolventen der Harvard-Universität rekrutiert und deren Gesundheit bis heute regelmäßig untersucht. Das Ergebnis spricht für sich: In jungen Jahren waren Optimisten wie Pessimisten gleichermaßen gesund. Am dem 45. Lebensjahr aber entwickelten die Schwarzseher zunehmend Gesundheitsprobleme, die zudem schwerer verliefen als die der zuversichtlichen Kommilitonen.

Sicher, über das Verhältnis von Ursache und Wirkung lässt sich bei solchen Studien trefflich diskutieren. Oft zeigen sie mehr Korrelationen als Kausalitäten. Aber erstere wiegen deswegen nicht weniger schwer. Kaum einer dürfte bezweifeln, dass Zuversicht und Optimismus enorme Kraftquellen für Seele, Körper und Psyche sind.

Auch wenn der realistische Optimismus ein wenig an die positive Psychologie erinnert, an Autosuggestion und das Nutzen positiver Formeln und Sätze zur Beeinflussung von Verhalten, Befinden und Körperreaktionen: Genau das ist er nicht, weil in ihm die Bodenhaftung steckt - die gesunde Portion Realismus.

Es ist gesunder Optimismus.

Gesunder Optimismus: Positiv denken - nur realistischer

Unser Gehirn fokussiert sich nur allzu gerne auf Probleme. Das macht es deshalb, weil wir Teil der Natur sind und es immer als Erstes um das Überleben geht. Gefahren musste der Mensch daher stets schneller erkennen und besser merken als positive Aussichten.

Ein Optimist sieht in jeder Herausforderung eine Chance; ein Pessimist hingegen sieht in jeder Chance eine Herausforderung.

So fasste es Winston Churchill einmal schön zusammen. Solche negativen Impulse und Emotionen schränken unsere Perspektiven und unseren Horizont aber ein, statt ihn zu erweitern. Mehr noch: Derlei Emotionen haben mentale Konsequenzen. Bei negativen Gefühlen wiederholen wir das Problem innerlich immer wieder und es wird größer als es in der Realität je war. Die Folge: Tunnelblick. Überdies nutzen wir nur einen Bruchteil unserer Ressourcen und Möglichkeiten.

Der Effekt ist in etwa so, als wollte man durch schnellhärtenden Zement laufen.

Wer also mehr als bisher erreichen möchte, wer den (größeren) Erfolg sucht, der kommt ohne die Haltung des realistischen Optimismus nicht aus. Der erste Teil bewahrt, der zweite beflügelt.

Die gute Nachricht daran ist: Jeder kann sich diese Haltung und Sichtweise antrainieren. Zwillingsstudien zeigen, dass eine optimistische Lebenshaltung nur zu etwa 25 Prozent angeboren ist. Das ist weniger als bei zahlreichen anderen Persönlichkeitsmerkmalen.

Alles, was es dazu braucht, um eine positivere (und realistische) Zukunftsperspektive zu entwickeln, sind:

  • Selbstreflexion (Warum sehe ich das so?)
  • Entscheidungswille (Ich will mich mehr auf das Positive konzentrieren!)
  • Mentale Stärke (Ich kann das schaffen!)

Kurzum: Blicken Sie positiver in die Zukunft - nur realistischer.

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