Bewerber-Ausbeutung-Berater
Eigentlich müsste dieser Artikel in unserer Knigge-Rubrik laufen, geht es doch um fragwürdige Manieren und Methoden mancher Personaler. Was müssen Bewerber - teilweise - heute nicht alles erdulden: Trotz viel Zeit, Mühe und perfekter Bewerbungsunterlagen gibt es nicht mal eine Antwort; zum Vorstellungsgespräch erscheinen die Gesprächspartner unvorbereitet und kennen nicht mal den Lebenslauf; und am Ende bleiben viele Kandidaten auch noch auf den Fahrtkosten sitzen. Die jüngste Masche aber setzt dem Ganzen die Krone auf: Für manche Arbeitgeber scheinen Bewerber vor allem eines zu sein: ein billiger Beraterersatz...

Der Bewerber wird zum Billig-Berater

Ein Leser (der aus verständlichen Gründen anonym bleiben wollte) spielte uns jetzt folgende Antwort auf seine Bewerbung zu:

Bewerbung-Staedtetag-Beratungsforderung

Bemerkenswert: Der Mann bewirbt sich als Pressereferent (!) beim Städtetag Baden-Württemberg. Doch nach Medienerfahrungen oder Referenzen wird nicht gefragt. Stattdessen sollen die Bewerber mal eben...

  • die Homepage beurteilen,
  • Verbesserungsvorschläge machen und
  • ein Konzept zur Einbindung von Social Media in die Kommunikation entwickeln.

Und als sei das noch nicht dreist genug, werden auch noch drei schriftliche Arbeitsproben verlangt.

Klasse! Bei mindestens zehn talentierten Bewerbern hat man so nicht nur einen hübschen Gratis-Themenplan zusammen, sondern sich auch gleich den Social-Media-Berater gespart...

Der Leser hat in dem Fall das einzig Richtige getan: seine Bewerbung zurückgezogen (und uns benachrichtigt). Wenn die Ausbeutung schon bei den Bewerbern beginnt, mag man sich gar nicht vorstellen, wie es im Job weitergeht.

Leider ist dieses Vorgehen kein Einzelfall. Immer wieder berichten uns Leser, dass sie im Fall einer Bewerbung als billige Berater herhalten sollen:

  • Mal sollen sie individuell verfasste (und so letztlich nutzbare) Arbeitsproben abgeben.
  • Mal werden komplette Konzepte verlangt, aufbereitet in umfänglichen Präsentationen.
  • Mal sollen die Kandidaten SWOT-Analysen und Kosteneinsparungen errechnen.

Solche Praktiken kennen Freiberufler eher aus einem klassischen Agentur-Pitch. Und selbst da raten Experten, an solchen Ausschreibungen nur teilzunehmen, wenn auch im Fall der Absage wenigstens ein Pitch-Honorar gezahlt wird. Schließlich erbringt man eine umfangreiche kreative Leistung, die der potenzielle Kunde so oder so nutzen kann (meistens tritt man - laut Ausschreibung - mit der Teilnahme ohnehin alle Nutzungsrechte ab).

Die Marotte findet allerdings scheinbar immer mehr Eingang auf dem Arbeitsmarkt: Der talentierte Bewerber in der Auswahl spart den Berater und Auftrag. Und das zum Nulltarif.

Ausbeutung in der Bewerbung: Wie reagieren?

Bewerbung-Beratung-Konzept-EntwicklungDie Ausbeutung im Arbeitsalltag hat viele Gesichter. Dass sie selbst vor Bewerbern nicht halt macht, darf einen zwar nicht wundern. Aber gutheißen und unterstützen sollte man das auch nicht.

Sicher, Auswahlprozesse können enorm aufwändig sein. Wir verstehen das. Aber die Optionen, die Arbeitgeber hierbei haben, sind umfangreich und ausreichend:

Letztlich geht es hierbei um eine Begegnung auf Augenhöhe, den Tausch von Talent und Arbeitskraft gegen faire Bezahlung und Entwicklung. Derart unverschämte Anforderungen entlarven aber die tatsächliche Attitüde des Arbeitgebers und damit auch die Inkompetenz der Personalabteilung, dank ausreichender Mittel die Idealbesetzung zu finden. Sie sind eine Bankrotterklärung an die eigene Verantwortung und Moral.

Wie sollte man darauf reagieren?

Im Grunde muss das jeder für sich entscheiden, insbesondere was man bereit ist an (Gratis-)Vorleistung zu erbringen - ohne den Arbeitgeber in spe überhaupt kennengelernt zu haben. Denn darum geht es schließlich auch in der Bewerbung und bei Erfolg anschließenden Probezeit: Beide Seiten sollen sich kennenlernen, ob sie zueinander passen und die Liaison gemeinsam Mehrwert für beide schafft.

So allerdings bekommt die Beziehung schon einen Beigeschmack bevor das erste Date überhaupt stattgefunden hat. Und der Verdacht liegt nahe, dass sich dieses Hierarchiegefälle auch später im Job fortsetzt.

Die Frage, die sich hierbei dringend stellt: Will ich für ein solches Unternehmen arbeiten?

Wohl eher nicht.

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