Dopplereffekt: Warum die Zukunft näher wirkt

Kinder, wie die Zeit vergeht! Scheinbar gerade noch Silvester gefeiert und aufs neue Jahr angestoßen, da ist der Januar auch schon fast wieder vorbei. Wie im Fluge, sagen jene, die gerade eine schöne Zeit erleben. Wer dagegen Unangenehmes vor sich hat, meint oft, die Zeit würde stillstehen. Dabei vergeht Zeit immer gleich schnell. „Stimmt“, würden auch Eugene Caruso und seine Kollegen von der Booth School of Business an der Universität von Chicago sagen. Doch sie sagen auch: Ereignisse, die in der Zukunft liegen, kommen uns viel näher vor, als jene aus der Vergangenheit. Der von den beiden Forschern sogenannte zeitliche Dopplereffekt erklärt auch, warum der vergangene Urlaub so schnell so weit weg erscheint…

Dopplereffekt: Warum die Zukunft näher wirkt

Der Dopplereffekt in der Akustik

Extra-Tipp-IconDer hier beschriebene Zeit- oder Wahrnehmungseffekt ist dem gleichnamigen Dopplereffekt in der Akustik ähnlich. Letzterer beschreibt das physikalische Phänomen, dass beispielsweise bei einem Martinshorn auf einem Rettungswagen oder auch bei anderen Fahrzeugen mit Sirene auftritt: Ein Krankenwagen klingt viel höher, wenn dieser auf einen zufährt – und tiefer, wenn er von einem wegfährt.

Mit der subjektiven Wahrnehmung von Zeit verhält es sich aber offenbar genauso: Was vor uns liegt, wirkt kurz; was hinter uns liegt, lange her.

Dopplereffekt: Die Woche ist ja schon fast wieder rum…

Als die Psychologen das Phänomen des Dopplereffekts untersuchten, stellten sie immer wieder fest, dass ihre Probanden die Vergangenheit und die Zukunft nicht gleich bewerteten.

Sie selbst kennen das vielleicht auch aus Ihrem Alltag und typischerweise an einem Mittwoch: So mancher spricht spätestens dann schon vom Wochenende oder fiebert darauf hin: „Mensch, die Woche ist auch schon bald wieder rum…“, denken die Kollegen. Dabei sind sie vom künftigen Wochenende da genau genommen genauso weit entfernt, wie vom vergangenen.

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Bei den Experimenten von Eugene Caruso wiederum wurden die Probanden eine Woche vor dem Valentinstag zum Valentinstag befragt – und dieser kam ihnen bereits sehr nahe vor. Eine Woche danach wurden Sie erneut befragt, und siehe da: Der Valentinstag schien schon wieder lange Zeit her.

Dopplereffekt: Warum das so ist?

Caruso und seine Kollegen haben dazu eine recht ungewöhnliche, aber auch einleuchtende Erklärung:

Bis heute haben die Menschen noch nicht herausgefunden, wie man in der Zeit reist. Also können sie ihre Vergangenheit nicht mehr ändern. Die Zukunft aber ist ein noch ungeschriebenes Buch. Darauf können wir uns vorbereiten, sie womöglich beeinflussen.

Das lässt sie uns psychologisch viel näher erscheinen.

Wie Sie den zeitlichen Dopplereffekt für sich nutzen können

Der zeitliche Dopplereffekt ist natürlich zunächst eine spannende Erkenntnis oder und interessantes Wissen, mit dem Sie im Gespräch Eindruck machen können. Darüberhinaus können Sie aber tatsächlich davon profitieren, wenn Sie sich nicht nur bewusst sind, wie der Dopplereffekt im Bezug auf Ihre zeitliche Wahrnehmung funktioniert, sondern diesen für sich einsetzen und sich auf der anderen Seite nicht durch Ihre Empfindungen austricksen oder irritieren lassen.

So bricht beispielsweise regelmäßig Panik aus, wenn die Deadline eines Projekts näher rückt. Das Projekt war für einen Monat angesetzt, nach zwei Wochen ist noch nicht alles erledigt und schon beginnt der Stress und die Sorge, ob wirklich alles fertig wird. Dabei ist gerade erst die Hälfte der Zeit verstrichen, doch durch den zeitlichen Dopplereffekt haben Sie das Gefühl, gerade erst angefangen zu haben und schon kurz vor dem Abgabetermin zu stehen.

Da Sie den Dopplereffekt nun kennen, können Sie Ihre Wahrnehmung korrigieren und erkennen, dass noch mehr als genug Zeit bleibt, auch wenn es sich im ersten Moment anders anfühlt. Statt alles auf die Schnelle erledigen zu wollen und dabei Fehler zu machen, können Sie organisiert und strukturiert vorgehen, um die verbleibende Zeit bestmöglich zu nutzen.

Auf ähnliche Weise kann der zeitliche Dopplereffekt auch Ihre Motivation negativ beeinflussen, wenn Sie nichts dagegen tun. Gute Leistungen oder Tage, an denen alles wirklich perfekt gelaufen ist, geraten schnell in Vergessenheit. Eine gefühlte Ewigkeit, seit der Chef die eigene Arbeit gelobt hat. In diesem Fall wird der Dopplereffekt sogar noch dadurch verstärkt, dass schlechte Dinge besonders gut im Gedächtnis bleiben.

Soll heißen: An die Kritik der Vergangenheit erinnern Sie sich wahrscheinlich besser. Da kann die Leistungsbereitschaft und die Laune schon einmal in den Keller rutschen. Dass Ihre Wahrnehmung Sie täuscht, ändert zunächst nichts an der Auswirkung. Wenn es Ihnen hingegen gelingt, sich bewusst zu machen, dass es regelmäßig gute Tage gibt und Ihre herausragenden Leistungen nicht lange her sind, sondern in wiederkehrenden Abständen positiv wahrgenommen werden, steigt auch die Motivation wieder.

Dabei kann es helfen, wenn Sie ein Erfolgstagebuch führen oder andere Notizen anfertigen, in denen Sie besonders positive Erlebnisse festhalten. Dann reicht ein Blick in Ihre Aufzeichnungen um sich in Erinnerung zu rufen, dass es vielleicht gerade eine oder zwei Wochen her ist, seit der Chef Sie vor dem gesamten Team für Ihren Einsatz gelobt hat.

[Bildnachweis: g-stockstudio by Shutterstock.com]
23. Januar 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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