Nettsein-nicht-nett
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Das Sprichwort ist die Umkehrung des sogenannten reziproken Altruismus' (kurz: Wie du mir, so ich dir) und praktisch der Ursprung von Höflichkeit und Netiquette. Keine Frage, gute Umgangsformen sind nicht erst seit Knigge gesellschaftlich relevant. Sie erleichtern Vieles. Und wer für sich Respekt reklamiert, sollte selbst mit gutem Beispiel voran gehen. Aber - und das muss auch mal gesagt werden - Nettsein zahlt sich nicht immer aus. Manchmal ist es sogar besser, so gar nicht nett zu sein...

Nett sein hat seinen Preis

Faust-auf-den-Tisch-nicht-nettZugegeben, einigen behagt die Vorstellung, gerade kein netter Mensch zu sein, so gar nicht. Es widerstrebt allen ihren Instinkten und dem Ur-Wunsch, gemocht zu werden. Überdies haben sie von Kindesbeinen an den Imperativ gerlent: Sei immer nett zu anderen! Oder eben: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Übersehen wird dabei aber oft, dass die Agitation und der Affront zuerst von unserem Gegenüber ausgeht - und der- oder diejenige sehr wohl tut, was man selbst nicht wollen würde. Das kann man stillschweigend hinnehmen, aussitzen und aushalten - und gilt dann meist auch als umgänglich und nett.

Aber zu welchem Preis?

Sich alles gefallen zu lassen, kann auch eine dumme Angewohnheit sein. Die Kehrseite: Keine gute Tat, bleibt lange ungestraft und Frechheit siegt ebenfalls.

Das wird jetzt gewiss kein Plädoyer fürs Gemeinsein, aber für eine gesunde Ellbogenfreiheit. Deshalb...

5 gute Gründe, mal nicht nett zu sein

  1. Selbstschutz üben

    Es gibt Menschen, die verwechseln Nettigkeit mit Naivität - und nutzen das schamlos aus. Aus einem einmaligen Gefallen leiten sie eine dauerhafte Anspruchshaltung ab und verlangen immer mehr, mehr, mehr. Zuweilen auch nur, um herauszufinden, wo Ihre Schmerzgrenze liegt. Klar, wer dann auf einmal gar nicht mehr nett ist und NEIN sagt, gilt sofort als Spielverderber und wird als grob oder unhöflich geschmäht. Das ist aber bloß moralinsaure Rhetorik. Fakt ist: Sie lassen sich nicht länger ausnutzen. Das ist vielleicht (in den Augen der Ausbeuter) nicht nett, aber nützlich.

  2. Grenzen setzen

    Der Punkt ist mit dem ersten verwandt. Gemeint ist hier aber spiegelbildliches Verhalten. Sicher, man muss sich nicht jeden Schuh anziehen, den einem jemand hinstellt und manche Attacke lässt sich auch souverän übersehen und überhören. Aber irgendwo ist Schluss. Manche Zeitgenossen haben einen Ton und eine Art am Leib, die man keinesfalls tolerieren muss und sie daher in die Schranken weisen sollte. Es braucht eben manchmal einen Mutigen, der die Wahrheit ausspricht und (sorry) dem Arschloch sagt, dass er ein Arschloch ist. Nicht nett, aber nötig.

  3. Bedürfnisse betonen

    Selbstbewusst zu sein, bedeutet auch, seine Bedürfnisse zu benennen und auch einzufordern - selbst wenn das andere als nicht nett empfinden. Natürlich geht es nicht darum, immer alles zu bekommen, was man will. Das Leben besteht aus Kompromissen und Ungleichgewichten. Manchmal gibt man eben mehr als man bekommt. Nur heißt das nicht, ausschließlich zurückzustecken. Auch Sie haben ein Recht darauf, glücklich zu sein. Ihre Bedürfnisse sind nicht weniger wert als die der anderen. Dies zu betonen, empfinden manche ebenfalls als "nicht nett" - ist es aber: Ihnen selbst gegenüber.

  4. Rückgrat bewahren

    Wer für seine Ideale, seine Meinungen und Überzeugungen einsteht, wird zwangsläufig anecken, polarisieren, Widerspruch provozieren. Nicht alle Menschen teilen diese Werte, andere wollen auch nichts davon hören, geschweigedenn sich und ihre eigene Meinung dadurch herausfordern lassen. Also gilt so jemand schnell als nerviger Querulant - gar nicht nett eben. Bullshit! Mag sein, dass einige in geistiger Unabhängigkeit einen permanenten Affront sehen - eine Art Blasphemie wider den Mainstream. Na und?! Die Wahrheit ist: Am Ende des Tages bewundern wir Menschen mit Rückgrat und gerader Persönlichkeit mehr als den Anpasser und Wendehals. Wir reiben uns zwar stärker an ihnen, aber Ihre Werte sind das wert.

  5. Konflikte aushalten

    Bei aller Liebe zur Harmonie: Manche Konflikte sind unausweichlich und auch notwendig (teils schon aus obigen Gründen). Ihr Kollege erzählt Blödsinn, streut vielleicht sogar Gerüchte oder drängt in eine falsche Richtung. Dann muss man das ausdiskutieren. Allerdings sind auch nicht alle (Kollegen) vernünftigen Argumenten aufgeschlossen gegenüber. Sie wollen einfach nur Recht haben oder es anders sehen. Dann können Sie "nett" sein und nachgeben. Oder Sie ignorieren das Mantra des Immer-nett-sein-müssens - und halten den Konflikt einfach mal aus. Schließlich haben Sie ja gute Argumente. Zudem bleibt immer noch die Einsicht, darin einig zu sein, nicht einig zu sein.

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