Familienfreundlichkeit mann frau baby pc
Ein Kind ist der Karrierekiller schlechthin – der Gedanke hat sich in den Köpfen vieler Arbeitnehmer etabliert. Leider werden bis heute immer noch viele Beschäftigte vor die Entscheidung gestellt - Familie oder Karriere? Seit rund 15 Jahren suchen die Bundesregierung und die Unternehmen gemeinsam nach Lösungen für dieses Problem und es hat sich Vieles verändert. Familienfreundlichkeit zählt heute bei vielen Arbeitgebern zur Unternehmensstrategie - es ist aber nicht immer das drin, was draufsteht...

Familienfreundlichkeit: Unterschiede in der Wahrnehmung

Das Kriterium der Familienfreundlichkeit wird heute als Wunderwaffe zur Sicherung und Anwerbung von Fachkräften gefeiert. Laut einer Umfrage Sonderauswertung des Unternehmensmonitors Familienfreundlichkeit 2013 (PDF), die vor der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde, verbessern diese Maßnahmen und Angebote nur gering das Arbeitsleben der Angestellten. Rund 70 Prozent der Betroffenen schätzen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als nicht gut ein, davon 65 Prozent der Väter und 75 Prozent der Mütter – und dies, obwohl bereits gesetzliche Schritte und Veränderungen in Unternehmenskulturen vorgenommen wurden.

Familienfreundlichkeit: Vorteile für Unternehmen

Viele klein-, mittelständige und Großunternehmen leben Familienfreundlichkeit. Mit diesen Maßnahmen sichern sie sich einen vorrangigen Platz im Wettbewerb um neue Fachkräfte und stellen ein gesundes Betriebsklima her. Hier sind einzelne Vorteile im Überblick:

  • Mitarbeiterfluktuation und Knowhow-Abwanderung bleibt niedrig.
  • Loyalität zum Unternehmen wächst.
  • Kosten für das Employer Branding sinken.
  • Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt steigt.
  • Das positiven Betriebsklimas und die Arbeitszufriedenheit steigen.

Familienfreundlichkeit: Voraussetzungen

Um die Familienfreundlichkeit in einem Unternehmen zu ermöglichen, sind nicht nur die Chefs und die Teamleiter gefragt, sondern auch die Kollegen. Alle Beteiligten sollten Entgegenkommen zeigen – auch die Eltern müssen versichern, dass sie sich so gut es geht einbringen werden. Der Arbeitgeber sollte bereit sein, eine passende Lösung zu finden. Folgende Punkte zeigen die wichtigsten Voraussetzungen für gelebte Familienfreundlichkeit – sind sie nicht gegeben, werden auch die besten Strategien nichts nutzen.

  • Vertrauensverhältnis

    Arbeitgeber und auch Kollegen sollten dem betroffenen Arbeitnehmer vertrauen, dass er trotz der reduzierten Arbeitsstunden immer noch sorgfältig und gewissenhaft arbeiten – vor allem wenn er die Möglichkeit des Home-Offices nutzt.

  • Flexibilität

    Qualitative und nicht quantitative Anforderungen ermöglichen es dem Elternteil, seinen Arbeitsalltag selbst zu bestimmen und ihn so zu gestalten, dass der Chef mit Ergebnissen zufrieden ist. So kann eine Mutter in Notfall-Situationen ihre Arbeit auf nächsten Tage oder Wochen verschieben, ohne in Ungnade zu fallen – die fehlenden Stunden sollten sie dann aber auch gewissenhaft abarbeiten.

  • Verständnis

    Auch wenn kaum jemand daran denkt - eigene Kollegen sind diejenigen, die Familienfreundlichkeit zuerst zu spüren bekommen: Ihre Kollegin muss als Mutter pünktlich Feierabend machen, um das Kind vom Kindergarten abzuholen, oder sie muss zuhause bleiben, wenn das Kind krank ist. Dann sind es die Kollegen, deren Unterstützung gefragt ist: Sie müssen einspringen, unerledigte Arbeit auf die eigenen Schultern nehmen oder bei Fehlzeiten von mehreren Tagen Vertretung machen. Ihr Verständnis für die Situation ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine familienfeindliche Unternehmenskultur.

  • Vorgesetzte

    Falls der Vorgesetzte unflexibel ist und sich nicht auf Kompromisse einlässt, dann wird keine Familienfreundlichkeit im Unternehmen fruchten. Besteht er auf der täglichen Arbeitszeit, mahnt er die Eltern wegen Fehlstunden ab oder bestraft sie durch sein Benehmen, existiert kein Vertrauen zwischen ihm und dem Arbeitnehmer und Eltern müssen Karriereeinbuße befürchten.

  • Individualität

    Das flexible Arbeitsumfeld im Rahmen einer familienfeindlichen Strategie sollte allgemeine Schritte festlegen. Bei vielen Eltern ist aber auch eine individuelle Herangehensweise gefragt, zum Beispiel bei speziellen Veränderungen im Familienumfeld. Auch Gleitzeiten oder flexible Arbeitszeiten sollten auf das jeweilige Elternteil angepasst werden.

  • Freizeit

    Arbeitgebern sollte klar sein: Freizeit ist wirklich Freizeit. Wenn der Arbeitnehmer seine Arbeit erledigt hat und Feierabend macht, dann muss er nicht mehr erreichbar sein. Die Zeit für die Familie sollte arbeitsfrei sein – falls die Eltern am Abend nicht ans Telefon gehen, wenn der Chef anruft, muss er sich darauf verlassen können, dass das dringende Problem am nächsten Arbeitstag erledigt wird. Auch die Eltern müssen sich frei nehmen – die Arbeit läuft nicht weg und die Nachrichten von Chef können auch abends, wenn die Kinder schlafen, abgehört werden.

  • Kommunikation

    Mit dem Chef und den Kollegen klar zu kommunizieren, vermeidet Probleme und Missverständnisse – klare Festlegung der Arbeitszeiten, wann er im Büro ist oder im Home-Office arbeitet, wann er ansprechbar ist oder wann er die dringende Arbeit erledigen kann. Klarstellung der Deadlines und klare Veränderungen der Stellenbeschreibung schließen Fehler aus und helfen allen Beteiligten.

  • Arbeitsplatz

    Es gibt viele Berufe, in denen es schwierig oder unmöglich ist, produktiv und gut in Teilzeit zu arbeiten. Ein Job mit vielen notwendigen Reisen oder mit unbeständigen Arbeitsstunden ist weniger familienfreundlich. Bürojobs oder Arbeit im Home-Office passen da eher - die Gestaltung der Arbeitszeit ist flexibel und es müssen keine unvorhergesehenen Termine eingehalten werden.

  • Arbeitsstunden

    Der Arbeitgeber sollte realistisch schätzen können, wie viele Stunden der Arbeitnehmer für den Arbeitsumfang braucht – lässt er den Arbeitnehmer in Teilzeit übergehen, erwartet von ihm aber dieselben Arbeitsleistung, dann endet dies auf beiden Seiten in Frustration.

  • Soziales Netz

    Damit ist nicht das berufliche soziale Netzwerk gemeint, sondern der Kontakt zu Freunden und Müttern der Kinder bei Kinderbetreuung. Nicht jedem stehen Großeltern zur Seite, die das Kind nachmittags zu sich nehmen können. Es bietet sich also an, mit anderen Müttern eine Vereinbarung zu treffen – heute holt eine Mama die Kinder ab, morgen die andere.

Sie sehen, die nötigen Voraussetzungen sollten in dem sozialen Umfeld der Eltern vorhanden sein – mit den Kollegen, mit dem Chef und im Privatleben. Sind einige der oben genannten Voraussetzungspunkte nicht gegeben, dann wird auch die beste familienfreundliche Strategie keine Erleichterung für die Eltern im Beruf bringen.

Familienfreundlichkeit: Was ist das?

Bei einem familienfeindlichen Unternehmen sind vor allem das Personalwesen und die Unternehmensstrategie gefragt. Viele Unternehmen versuchen mit diesen Maßnahmen die Arbeitszufriedenheit der Betroffenen zu steigern, das Betriebsklima positiv zu beeinflussen und sie in die Organisationsstruktur einzubinden – auch um das Employer Branding zu verbessern. Familienfreundlichkeit ist ein wichtiges Kriterium für junge Fachkräfte, so eine Studie (PDF) des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Geschäftsführung und Führungskräfte müssen hinter der familienfreundlichen Strategie stehen, sie sollten vor allem als Vorbild auftreten - in Elternzeit gehen oder angebotene betriebsinterne Betreuungsangebote in Anspruch nehmen. Werden familienfreundliche Maßnahmen angesetzt aber nicht gelebt, dann werden sie auch beim besten Willen nicht fruchten. Eben dann werden die Arbeitnehmer diese Angebote nicht wahrnehmen, weil sie mit Einbußen in der eigenen Karriere rechnen. Folgende Punkte machen ein familienfreundliches Unternehmen aus:

  1. Teambildung

    Die Aufgaben werden je nach Möglichkeit in Teams oder in Gruppen mit Voll- und Teilzeitbeschäftigten angeordnet – so bleiben einige Teammitglieder immer auf dem Laufenden und können Teilzeitkräfte auf aktuellen Stand bringen.

  2. Aus- und Wiedereinstieg

    Mutterzeit, Elternzeit, Stellvertretung und Vorbereitung des Wiedereinstiegs sind durchdacht und festgeschrieben.

  3. Beratung

    Beratungsgespräche über Chancen und Risiken während der Elternzeit und danach werden durchgeführt. Während der Betreuungszeit bietet das Unternehmen den Eltern Fortbildungsangebote an, um ihre Qualifikation auf hohem Level zu halten.

  4. Arbeitszeit

    Die Arbeitszeit ist flexibel gestaltet. Dafür eignen sich Modelle, wie Teilzeit, Freistellung mittels Zeitwertkonto, Vertrauensarbeitszeit und Telearbeit sehr gut – je nach Beruf werden sie individuell angepasst.

  5. Betreuung

    Hausnahe und unterstützende Dienstleistungen erleichtern vielen Arbeitnehmern die Betreuung während der Arbeitszeit, so zum Beispiel betriebseigene U2 Betreuung und Betreuung während der Schulferien oder Verlängerung der Öffnungszeiten in der Kita.

  6. Betriebsklima

    Arbeitsfreie Tage im Krankheitsfall des Kindes dürfen keine Auswirkung auf das Betriebsklima haben. In Deutschland besteht ein Anspruch auf Freistellung bei Krankheit eines Kindes.

  7. Boni

    Kinderbonuszeiten als Arbeitsstundengutschriften für Eltern oder zusätzliche Urlaubstage pro Kind gehören ebenfalls zur familienfreundlichen Strategie. Auch unbezahlter Sonderurlaub von bis zu 20 Tagen bieten viele Unternehmen an.

All diese Maßnahmen können die Arbeitnehmer aber nicht wahrnehmen, wenn ihnen die Information fehlt. So stellen Unternehmen eine tolle familienfreundliche Strategie auf die Beine, bekommen sogar das begehrte Siegel als das familienfreundliche Unternehmen, nur werden die Angebote und Hilfestellungen nicht genutzt.

Familienfreundlichkeit: Kommunikation ist wichtig

Bestehen im Unternehmen Kommunikationsmängel, gibt es kein Intranet oder betriebliche Memos, werden die Arbeitnehmer nicht über die Veränderungen und innenbetriebliche Angebote in Kenntnis gesetzt – bleibt eine Strategie, in die viele Ressourcen und Kapital investiert wurden, ohne positive Auswirkung. Laut einer Umfrage (PDF) wissen rund 63 Prozent der Arbeitgeber von umfangreichen familienfreundlichen Angeboten im eigenen Unternehmen, allerdings nur 27 Prozent der Arbeitnehmer.

Die Ursache: Veränderungen und Informationen kommen nicht bei den Arbeitnehmern an, weil die Unternehmenskommunikation nebenbei betrieben wird. Bei einem klein- und mittelständigen Unternehmen sollten diese Maßnahmen persönlich offengelegt werden, schon beim ersten Gespräch über Elternzeit. Ein Großunternehmen mit einer Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit sollte explizit die internen Kommunikationswege nutzen, um auf neue und umfangreiche familienfreundliche Angebote hinweisen. Außerdem ist die PR-Abteilung beim Employer Branding gefragt: Familienfreundlichkeit muss breit kommuniziert werden, zum Beispiel in Stellenbeschreibungen, auf Messen oder beim Tag der offenen Tür.

Familienfreundlichkeit muss gelebt werden und zwar so, dass betroffene Arbeitnehmer keinen Knick in der Karriere befürchten müssen. Es ist Kriterium, dass als Problem erkannt wurde und das aktiv gelöst wird. Unternehmensstrategien für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollten dabei nicht nur angelegt, sondern offen mit Arbeitnehmern und am Arbeitsmarkt kommuniziert werden. Erst auf Grundlage von Unterstützung und Vertrauen werden sie umgesetzt und bieten Eltern die Voraussetzung für ein erfülltes Berufs- und Familienleben.

[Bildnachweis: goodluz by Shutterstock.com]