Ein Gastbeitrag von Florian Rustler, Creaffective Blog
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen sich ein neues Laptop mit lediglich einer vorinstallierten Software, zum Beispiel einer Tabellenkalkulation. Damit wären die meisten von uns wahrscheinlich auf Dauer ziemlich unzufrieden. Sobald es darum geht, einen Text zu schreiben oder Illustrationen anzufertigen, würden wir uns ein anderes Programm zulegen, das für diesen Zweck geeignet ist.
Michael Hewitt-Gleeson, Mitbegründer der School of Thinking behauptet, dass die Situation im westlich geprägten Necktop – also unserem Kopf – ähnlich einseitig aussieht, nur dass die meisten damit ganz zufrieden sind.
In der westlichen Kultur herrscht vor allem eine Art des Denkens: die kritisch-analytische. Die Denkrichtung geht auf die griechischen Philosophen zurück, allen voran Plato und Aristoteles. Schon sie versuchten sich durch logisches Vergleichen und Beurteilen der Wahrheit anzunähern. Ist die Wahrheit und somit die richtige Herangehensweise erst einmal gefunden, können alle anderen als falsch verworfen werden. Dieses kritische Denken ist unbestritten in bestimmten Bereichen von hohem Wert, hat es doch eine wissenschaftliche Tradition begründet, die große Fortschritte gebracht hat. Teil dieses Wahrheitsfindungsprozesses ist zum Beispiel auch die Diskussion, in der wir durch logische Argumente den anderen davon zu überzeugen versuchen, was wir für richtig halten. Dies kann dann allerdings auch destruktiv werden und alles andere als der Wahrheitsfindung dienen. Etwa dann, wenn beide nur ihre Argumente sehen und darauf bedacht sind, die andere Seite als falsch darzustellen. Sichtbar wird dies oft in der parlamentarischen Debatte, aber auch in täglichen Besprechungen am Arbeitsplatz oder in privaten Diskussionen in der Kneipe.
Edward de Bono wiederum zeigte, dass diese Art des Denkens in vielen Fällen ähnlich unzureichend ist, wie eine Tabellenkalkulation zum Erstellen von Illustrationen. Viele Probleme, die uns täglich beschäftigen, können mit kritisch-analytischem Denken alleine nicht gelöst werden: Die Entwicklung eines neuen Marketingkonzepts genauso wenig wie die Frage, ob Deutschland ein Mindesteinkommen einführen sollte.
Ein Großteil unseres Denkens ist abhängig von der Wahrnehmung. Die wird meist unbewusst von unserer Aufmerksamkeit gelenkt, die wiederum von Emotionen und Interesse gesteuert wird. Wenn ich eine Situation positiv wahrnehme und daraus Schritte ableite, werden meine Handlungen eine ganz andere Richtung einschlagen, als wenn ich die Situation negativ empfinde. So können zwei Geschäftsleute aufgrund der gleichen objektiven Fakten zwei völlig unterschiedliche Entscheidungen treffen. Der Harvard Professor David Perkins zeigte, dass ein Großteil der Denkfehler auf den sogenannten myside bias zurückzuführen ist und damit auf Wahrnehmungsfehler. Myside bias bedeutet, dass wir auf unseren eingeschlagenen Weg fixiert sind und andere Möglichkeiten bewusst ausblenden. Besonders beim Argumentieren versuchen wir, uns die Aspekte herauszupicken, die unsere Meinung untermauern und jene zu ignorieren, die dagegen sprechen. Ebenso intelligente wie eloquente Menschen sind darin besonders geschickt, weshalb sie oft in die Intelligenzfalle (de Bono) tappen und dann schlechte Entscheidungen treffen.
Zu dieser Denkschule gibt es allerdings auch Alternativen:
- Der explorative Stil: Hier wird die Wahrnehmung bewusst auf andere Aspekte gelenkt, um ein umfassenderes Bild eines Themas zu gewinnen. Der Fokus liegt hier auf dem Prozess und nicht auf dem Ergebnis (richtig oder falsch). Man kann es sich wie bei einer Landkarte vorstellen. Bevor man sich den naheliegendsten Weg entscheidet, betrachtet man zuerst alle vorhandenen und wählt dann aus. Für diesen Denkstil gibt es zahlreiche Techniken. Eine ist die APC-Technik: APC steht für Alternatives – Possibilities – Choices und lenkt die Wahrnehmung bewusst auf die Suche nach Alternativen. Anstatt bei der erst besten Lösung mit dem Denken aufzuhören, werden bewusst weitere, womöglich bessere Alternativen gesucht. Bei meinem letzten Umzug lief es oft so, dass fast alle die schnelle Lösung fanden, jeweils ein Möbelstück bis in die Wohnung zu tragen. Da sich die Wohnung im dritten Stock befindet, wirkte das schnell ermüdend. Dank APC kamen wir auf die Alternative, eine Kette zu bilden, bei der jeder die Möbel nur über ein Teilstück trägt, was für alle weniger ermüdend war.
- Der Design-Stil: Hier wird durch bewusste Provokationen und unlogische Aussagen versucht, die gewohnte Denkspur zu wechseln, um neue Lösungen zu finden. Wenn Sie also einen Weg nach Süden suchen, würden Sie gezielt und zuerst eine Route über den Norden suchen. Oft werden dazu Kreativtechniken, wie etwa Brainstorming oder die Zufallswort-Methode, eingesetzt. Die so gefundenen Ergebnisse sind natürlich trotzdem logisch – nur der Weg dorthin wäre durch Logik allein nicht zu finden gewesen.
Denken ist wie ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss, um besser und stärker zu werden. Denkwerkzeuge können nicht nur helfen, besser zu denken, sondern machen darüber hinaus eine Menge Spaß. Erweitern Sie also ruhig einmal Ihre Denksoftware!







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Excellence-Blog
Der explorative Stil funktioniert nur, wenn es nicht bereits eine überzeugende Alternative gibt. Denn das menschliche Gehirn neigt zur Verankerung. Die erste halbwegs plausible Lösung wird später präferiert, auch wenn sich später bessere Alternativen finden.
Hintergrund dabei ist oft die ungenaue Definition des eigenen Bedarfs (Anforderungen an eine Lösung). Die erste gefundene Alternative legt dann fest, was ich eigentlich will. Traurig nur, dass ich meinen Bedarf am Angebot festmache. Jede andere Lösung wird dann kritisch betrachtet, ob sie ähnliche Merkmale aufweist, wie die erste gefundene Alternative.
Meiner Ansicht nach ist die Suche nach attraktiven Alternativen die wichtigste Aufgabe eines Entscheiders. Er kann sie aber nur erfolgreich bewältigen, wenn er vorher so genau wie möglich ermittelt hat, was sein Bedarf ist und auf dieser Basis Bewertungskriterien für potentielle Lösungen erarbeitet.
Genau das sagt auch jede funktionierende Kreativtechnik auf diesem Planeten. ich muss ein Ziel haben, damit K-Techniken zum Erfolg führen. Das ist gewissermaßen wie beim Orakel von Delphi. Wer die falsche Frage stellte, bekam auch keine sinnvolle Antwort. :-)
Florian Rustler
Ich geben Ihnen recht, das Gehirn neigt zum Verankern. Edward de Bono spricht von einem sich selbst organisierenden Mustersystem. Daraus hat David Perkins den myside bias abgleitet.
Gerade deshalb ist der explorative Stil wichtig. Nicht nur wenn man noch auf der Suche nach eine weiteren Möglichkeit ist, sondern besonders dann, wenn man glaubt die “überzeugende Lösung” gefunden zu haben. Denn hier greift das beschriebenen Phänomen, dass wir sobald sich eine “überzeugende Lösung”, die wir als solche wahrnehmen, gefunden haben, aufhören nach weitern Alternativen zu suchen. Besonders in diesem Fall ist ein zeitlich begrenzter Versuch, weitere Möglichkeiten zu suchen sehr sinnvoll. Dadurch dass ich durch eine Technik wie APC meine Aufmerksamkeit auf andere Möglichkeiten lenke, kann sich meine Wahrnehmung und damit dann auch die “überzeugende Lösung” verändern.
Jochen Mai
Schön, wenn die Leser hier auch untereinander diskutieren.
Excellence-Blog
@ Rustler: Solange die Anforderungen (der Bedarf) von der ersten tauglichen Alternative abgeleitet werden, kann ich noch so viele Alternativen entwickeln. Es bringt nichts.
Das Dumme an der Sache ist ja, dass wir automatisch Präferenzen entwickeln. Ich kenne auch das 1. Gebot aller Kreativitätsmethoden: Sammle zuerst alle Vorschläge und bewerte dann. Leider habe ich noch niemanden getroffen, der persönlich von einem Problem betroffen ist und sich daran halten könnte.
Machen SIe bei Ihrer nächsten Kreativsitzung doch folgenden Versuch. Nachdem sie alle sinnvollen und sinnfreien Vorschläge gesammelt haben, sollen alle Teilnehmer spontan ihren Favoriten geheim auf einen Zettel schreiben.
Meine Prognose: Die am häufigsten genannte Alternative, gehört zum ersten Fünftel der genannten Lösungen und ist aller Wahrscheinlichkeit nach sinnvoll und umsetzbar.
Falls das Ergebnis anders sein sollte, neige ich voller Ehrfurcht meinen Kopf und wünsche mir nur eines, jedem Teilnehmer die Hand geben zu dürfen. :-)
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