Leigh Prather
Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Rot? Grün? Gelb? Oder Blau? Antworten Sie jetzt nicht zu schnell – erst recht nicht, falls Ihnen diese Frage ein Personaler stellt... Farben können nicht nur Emotionen auslösen, sie verraten auch einiges über die Psyche, die Vorlieben und Charakterzüge eines Menschen. Dass das persönliche Urteil über eine Farbe Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Beurteilenden zulässt, konnte bereits in einigen physiologischen Untersuchungen bestätigt werden. Der wohl berühmteste Farbtest dazu ist der sogenannte Lüscher-Test, 1947 entwickelt von dem Schweizer Psychologie-Professor Max Lüscher (der übrigens auch das Rot der Bild-Zeitung entwickelte)...

Farben, Psychologie und Persönlichkeitsdiagnostik

Die Lüscher-Color-Diagnostik wurde immer wieder überarbeitet, modifiziert und verbessert und ermöglicht heute angeblich unter anderem Einblicke in die Leistungskraft und Stressverträglichkeit, das Selbstbild und die Zukunftserwartungen eines Menschen.

Die Erkenntnisse daraus werden heute nicht nur in der Personalentwicklung, sondern auch im Produktdesign oder der Medizin eingesetzt.

Sogar im Sport: Als etwa Forscher der britischen Durham Universität die Wirkung von Trikotfarben bei olympischen Athleten untersuchten, kamen sie zu dem Ergebnis, dass rotgekleidete Ringer in 60 Prozent der Fälle die blaugekleideten besiegten. Begründung: Rot strahlt mehr Dominanz aus. Bei der sogenannten Cocktail-Party-Studie hingegen zeigte sich, dass Menschen zwar Bars mit roten Räumen bevorzugen, in blauen aber länger bleiben. Und Frauen in roten Kleidern wirken auf Männer sowieso attraktiv.

Natürlich darf man die Ergebnisse nicht überbewerten, schon gar nicht als ausschließliches Kriterium zur Persönlichkeitsdiagnostik anwenden. Dafür sind die Aussagen dann doch zu grau. Tatsache aber ist: Die Wirkungen und Assoziationen, die bestimmte Farben auslösen, sind bei vielen Menschen gleich – relativ unabhängig von Kultur, Alter oder Geschlecht: So gilt etwa...

Warme Farben (Gelb, Orange, Rot) regen nachweislich den Appetit an, weshalb sie oft auf Lebensmittelverpackungen eingesetzt werden; das kühlere Blau steht dagegen für Frische und findet sich deshalb vermehrt auf Hygiene oder Tiefkühlartikeln.

Nun kann man lange darüber streiten, ob das alles Kokolores ist oder eine seriöse Methode. Schneller ist jedoch ein kleiner Selbsttest. Denn trotz diverser Ausprägungen - das Verfahren selbst ist erstaunlich simpel. Deshalb hier und jetzt eine stark verkürzte Variante:

Lüscher-Farbtest

Nehmen Sie dazu die oben gezeigten Farben und bringen Sie diese in eine Reihenfolge – beginnend mit ihrer absoluten Lieblingsfarbe. Bitte nicht zu lange grübeln und auch nicht mogeln! Sonst ist der (mit einem professionellen Lüscher-Test freilich nicht vergleichbare) Kurztest aussagelos. Und los geht's...

Auflösung

Nach Lüscher stehen die Farben

  • an erster und zweiter Position für Ihre Lebensziele,
  • die Positionen Drei und Vier repräsentieren Ihre derzeitige Lebenssituation.
  • Platz Fünf und Sechs zeigen verdrängte Neigungen an,
  • während die beiden letzten Positionen für Gefühle stehen, die Sie ablehnen.

Und hier die Interpretationen der einzelnen Farben:

  • Rot: Selbstbewusstsein, Stärke, Vitalität, Leidenschaft, Aktivität, Dynamik, Konkurrenz, Erotik
  • Blau: Zufriedenheit, Ruhe, Ausgeglichenheit, Wohlbehagen, Harmonie, Nachdenklichkeit, Empathie, Bindung
  • Gelb: Entfaltung, Freiheitsstreben, Neugier, Spontaneität, Offenheit, Erwartung, Kreativität, Heiterkeit
  • Grün: Selbstachtung, Würde, Stabilität, Ausdauer, Ehrgefühl, Autorität, Geltungsanspruch, Durchsetzungsvermögen, Autonomie
  • Pink: Einfühlungsvermögen, Sensibilität, Faszination, Charme, Hingabe, Kritiklosigkeit, Geheimniskrämerei
  • Schwarz: Leitungswillen, Unnahbarkeit, Ernst, Intoleranz, Zwang, Rücksichtslosigkeit, Auflehnung
  • Braun: Genuss, Sinnlichkeit, Sanftmut, Wärme, Bequemlichkeit, Einfallslosigkeit
  • Grau: Neutralität, Distanz, Gleichgültigkeit, Bezugslosigkeit, Abschirmung

Nicht Blau - Grün macht kreativer

Wer Blau mag, dokumentiert damit angeblich Nachdenklichkeit, Ausgeglichenheit und Empathie. Die beiden Psychologen Ravi Mehta und Rui (Juliet) Zhu von der Universität von British Columbia sprechen der Farbe sogar eine besondere Wirkung zu. Ihren Untersuchungen zufolge wirkt Blau auf Leser seriöser als jede andere Farbe - sie mache sogar kreativer.

Dem widerspricht allerdings eine eine neuere Studie von Stephanie Lichtenfeld von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie sagt: Im Job macht vor allem Grün kreativer.

Vier Experimente gingen dem voraus, darunter mehrere, bei denen die Probanden Kreativitätsaufgaben lösen und originelle Ideen entwickeln (etwa was man mit einer Blechdose alles machen kann) mussten. Der Trick war: Kurz zuvor sollten sich die Teilnehmer ein paar Sekunden lang farbige Flächen auf einem Computerbildschirm ansehen. Die waren mal Weiß (Kontrollgruppe), mal Grün. Kein großer Unterschied würde man denken... Denkste! Wer zuvor auf die Grünflächen geschaut hatte, entwickelte pfiffigere Ideen.

Mehr noch: Bei den Folgeversuchen prüfte Lichtenfeld, ob Grün auch gegenüber den Farben Blau, Rot oder Grau eine überlegene Wirkung hat. Hat es! In allen Fällen zeichneten sich die Probanden durch größeren (aber nicht mehr) Einfallsreichtum aus.

Lichtenfelds Erklärung - Grün sei schon immer ein Symbol für Fruchtbarkeit und Lebendigkeit gewesen. Wo es grünt, da ist auch Wachstum - und damit womöglich auch mehr Kreativität.

Farbtest: Könnten Sie einem Blinden Farben erklären?

Farben-PsychologieWo wir schon bei dem Thema sind: Wenn Blinde im Sprichwort von der Farbe sprechen, dann haben sie in der Regel keine Ahnung. Wie auch? Umgekehrt ist das aber keineswegs leichter: Oder wie würden Sie einem Blinden die Farbe Rot erklären?

Tommy Edison ist von Geburt an blind, er hat Farben noch nie gesehen - aber er hat einen fantastischen Youtube-Kanal, in dem er mit viel Humor und Selbstironie sein Leben als Blinder beschreibt.

In Tommys Kanal gibt es auch dieses Video, in dem er selbst von Farben spricht...

Und dann lässt er sich Farben von Sehenden erklären...

Erklärungen aus dem Video:

  • Rot: "Rot ist in deinem Gesicht, es erregt deine Aufmerksamkeit. Feuer ist rot. Rot sticht heraus und packt dich. Wir machen Feuerwehrfahrzeuge rot, weil wir wollen, dass Menschen sie sehen."
  • Grün: "Grün ist wie der Frühling, blättrig, man denkt an die Blätter der Bäume. Es steht für das blühende Leben und für Kreativität. Wenn also ein Gedanke, eine Idee lebendig wird - dann fühlt sich das wie Grün an."
  • Grau: "Bei Grau denke ich an den Geruch von Regen oder den Geschmack von Asphalt. Manche denken, Grau ist hart wie Metall."
  • Braun: "Was du gerade siehst, ist vielleicht Schwarz. Braun ist sehr nah an Schwarz, dunkel. Schokolade ist braun. Ebenso Matsch und Dreck, alles sehr erdig."

Spannend zu beobachten, wie wir Farben mit Naturelementen vergleichen, mit Geschmäckern oder Gerüchen - eben allen anderen Sinnen. Gefühle tauchten dabei seltener auf. Wobei es vielleicht auch schwierig ist, Farben mit Emotionen zu verbinden, weil jeder darunter etwas anderes versteht: Rot kann für Liebe ebenso stehen, wie für glühenden Hass oder Angst; Grün kann für Freude stehen, manche verbinden es aber auch mit Neid...

Und wie würden Sie einem Blinden Ihre (Lieblings-)Farbe erklären? Probieren Sie es doch mal im nächsten Meeting oder bei der nächsten Betriebsfeier aus.

#0044CC ist das 80 Millionen Blau

Blau ist nicht irgendeine Farbe - es ist die globale Lieblingsfarbe. Egal, wo auf diesem Planeten. Als etwa Mihoko Saito 1996 an der japanischen Waseda Universität 586 japanische Studenten nach ihrer Lieblingsfarbe befragte, nannten 33,5 Prozent Blau als absoluten Farbfavoriten. Rot folgte erst mit 26 Prozent der Stimmen auf Platz 2. Grob geschätzte 9000 Kilometer westwärts sah das nicht anders aus. Auch in Großbritannien nannte die Mehrheit von über 200 Teilnehmern eines Experiments an der Universität Newcastle unter der Leitung von Anya Hurlbert Blau als bevorzugte Farbe.

Diese Wirkung machen sich manche zunutze. So wirken Soldaten zum Beispiel sofort weniger bedrohlich, sobald sie blaue Helme aufsetzen. Auch "blaumachen" klingt irgendwie artiger und aktiver als "schwänzen" oder gar "nichts tun". Überdies wird der Farbe sogar nachgesagt, sie habe eine beruhigende Wirkung, weshalb sogar schon manche Büros einen blauen Anstrich erhalten haben.

Blau ist aber nicht einfach Blau. Es gibt auch das 80-Millionen-Dollar Blau - das mit dem Hexadezimal-Code #0044CC. Denn dieses Blau wird einer Microsoft-Studie zufolge am meisten geklickt.

Um das herauszufinden, wurden den Nutzern der Suchmaschine Bing unterschiedliche Blautöne bei Links präsentiert und gemessen, welcher öfter geklickt wurde als andere. Das Ergebnis war eindeutig. Jetzt hofft das Unternehmen auf Mehreinnahmen in Millionenhöhe bei der Online-Werbung. Google verwendet übrigens auch ein Blau, um seine Links klickfreundlicher zu gestalten. Dessen Blau ist allerdings etwas heller. Und das Karrierebibel-Blau liegt irgendwo dazwischen.

[Bildnachweis: Leigh Prather, StevanZZ by Shutterstock.com]