Geduld-üben-geduldig-Sanduhr
Ob Selbstkontrolle, Ausdauer, Frustrationstoleranz oder altertümlich auch Langmut: Geduld hat viele Namen. Sie gehört zu den Kerntugenden und bezeichnet - kurz - die Fähigkeit, auf etwas warten zu können. Geduld zu besitzen, bedeutet aber noch mehr: Wissenschaftler sind sich heute einig: Neben Intelligenz und Talenten ist Geduld ein wesentlicher Schlüssel für den beruflichen und Lebenserfolg. Wer sich gedulden und spontanen Impulsen widerstehen kann, verdient meist mehr, lebt gesünder und ist obendrein glücklicher...

Was es heißt, Geduld zu haben

Geduld-DefinitionÖkonomen und Verhaltensforscher kennen die Tugend auch unter einer anderen, eher technischen Bezeichnung: Konsumverzicht. Geduldige Menschen verzichten danach auf den Konsum heute, um in der Zukunft mehr zu haben. Sparen zum Beispiel ist also nichts anderes als eine ökonomische Form der Geduld.

Investitionen zählen aber auch dazu. Geduldig ist demnach auch, wer...

  • ... heute in seine Ausbildung investiert, um später bessere Berufschancen zu haben.
  • ... in seiner Freizeit ein Blog schreibt, um sich eine Online-Reputation aufzubauen.

Kurz: Wir verzichten auf Belohnungen in der Gegenwart zugunsten künftiger Optionen. Und genau diese Weitsicht und Willensstärke akuten Verlockungen zu widerstehen, ist es, die Menschen ein Leben lang erfolgreicher macht.

Wie Geduld und Bildungserfolg korrelieren

Wie sehr Geduld sogar die Bildungslaufbahn beeinflusst, konnten kürzlich die Bildungsökonomen Brian Cadena und Benjamin Keys in einer Langzeitstudie (PDF) zeigen. Bereits in den Achtzigerjahren hatten sie amerikanische Jugendliche befragt und dabei deren Geduld auf die Probe gestellt. Anschließend verglichen sie über mehrere Jahre hinweg deren Bildungsabschlüsse - Resultat: Die als ungeduldig eingestuften Jugendlichen brachen mit einer 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit die High-School ab. Und auch nach drei Jahren College-Ausbildung lag die Abbrecherquote der Ungeduldigen über der der Kontrollgruppe.

Langfristige Folge: Die schlechtere Ausbildung der Ungeduldigen verursachte bei ihnen im Lauf der Jahre Verdiensteinbußen von rund 75.000 Dollar bis zum Alter von 40 Jahren. Überdies waren die Ungeduldigen deutlich weniger mit ihrem Leben zufrieden als die Geduldigen.

Der Marshmallow-Test

In der Psychologie ist dieses Phänomen schon lange als Fähigkeit zum sogenannten Gratifikationsverzicht bekannt. Es geht zurück auf ein inzwischen legendäres Experiment an der Stanford Universität - den sogenannten Marshmallow-Test oder Marshmallow-Effekt.

Es war in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Damals besuchten die Wissenschaftler eine Vorschule mit Vierjährigen, denen sie ein verlockendes Angebot machten: Sie gaben jedem einen Marshmallow, eine Nascherei aus weißem Zuckerschaum. Den konnten die Kinder sofort essen oder – so das Angebot – warten, bis der Versuchsleiter wiederkommen würde und dann zur Belohnung einen zweiten Marshmallow erhalten.

Einige Kinder konnten der Versuchung nicht widerstehen und griffen sofort zu, andere warteten artig unter Aufbietung aller physischen und psychischen Kräfte, rochen an dem Zuckerschaum, spielten damit, puhlten ein bisschen darin herum, vermieden es aber, herzhaft hineinzubeißen – und bekamen am Ende den doppelten Lohn.

Siehe auch das nachgestellte Video dazu:

Damit war das Experiment aber nicht vorbei: Rund 14 Jahre später wurden dieselben Schüler erneut unter die Lupe genommen. Und siehe da, es hatte sich einiges entwickelt:

  • Die Geduldigen waren zu selbstbewussten, empathischen Persönlichkeiten gereift, konnten mit Rückschlägen gut umgehen und waren in der Lage, eine Belohnung aufzuschieben, wenn es sie dafür ihren Zielen näher brachte.
  • Die Sofortesser hingegen waren emotional instabiler, wechselhaft weniger entschlossenen und wiesen in der Schule sogar schlechtere Noten auf – und das völlig unabhängig von ihrer Intelligenz.

Die Fähigkeit zum Gratifikationsaufschub war als veritable Erfolgseigenschaft entlarvt - die womöglich noch wesentlicher wirkt als Intelligenz.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über Ungeduld und Impulskontrolle

Geduld-ImpulskontrolleDer Marshmallow-Effekt gehört inzwischen zu den Klassikern in der Sozialpsychologie, wurde viele Male wiederholt und immer wieder bestätigt. Längst finden sich aber noch viele weitere bemerkenswerte Studien zum Thema Geduld und den unterschiedlichen Wirkungen dieser Tugend.

So erscheinen immer wieder Studien, die zeigen, dass Geduldige mit höherer Wahrscheinlichkeit eine bessere Bildung abschließen, dadurch mehr verdienen und auch stabilere Beziehungen führen, was sie wiederum zufriedener macht.

  • Die Psychologin BJ Casey von der Cornell Universität fand bereits im Jahr 2011 heraus: Sind Kinder besonders ungeduldig, benötigen sie noch bis ins Erwachsenenalter mehr Zeit, um Informationen zu priorisieren oder Irrelevantes zu erkennen und auszublenden.
  • Die Wirtschaftswissenschaftler David Laibson und Christopher Chabris von der Harvard Universität konnten im Rahmen ihrer Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Ungeduld und einem ungesunden Lebensstil nachweisen. Bestätigt wird das durch japanische Studien.
  • Der Verhaltensökonom Matthias Sutter, der darüber auch ein Buch geschrieben hat, konnte wiederum zeigen, dass ungeduldige Menschen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Geld für Zigaretten und Alkohol ausgeben als Geduldige.
  • Walter Mischel und Marc Berman vom Rotman Research Institute in Toronto kamen indes zum Ergebnis, dass unser Geduldpotenzial in Teilen genetisch beeinflusst wird. Interessant daran: Bei den Probanden ihrer Studie handelte es sich erneut um die Teilnehmer des ursprünglichen Marshmallow-Experiments.

Abends werden Menschen ungeduldiger

Geduld im TagesverlaufAusgeschlafene Menschen sind geduldiger und treffen auch die moralisch besseren Entscheidungen, so das Ergebnis einer Untersuchung am Walter-Reed-Institut der US-Armee. In der Fachliteratur ist dieses Phänomen auch als Ego-Depletion bekannt. Danach ist es so, dass sich Schlafmangel unmittelbar auf den ventromedialen präfrontalen Kortex auswirkt – dem verorteten Sitz der menschlichen Moral. Dieses etwa tischtennisballgroße Areal sitzt hinter den Augen. Bekommt das Gehirn zu wenig Schlaf, schaltet dieser Bereich auf Dämmerzustand, unsere Werte sind dann nur noch Nebensache und der Geduldsfaden reißt schneller. Deshalb sind wir alle morgens geduldiger als abends und können Impulse mit zunehmender Müdigkeit immer schlechter kontrollieren.

Umgekehrt: Wer nicht abwarten kann, wer spontanen Impulsen und der Instant-Befriedigung nachgibt, ist enorm anfällig für Manipulationen und irrationale Entscheidungen, die im Zweifel auch recht kostspielig werden können. Solche Menschen neigen dazu, die Folgen ihres Handelns zu unterschätzen. Man könnte dies auch als eine Art Zukunftsblindheit bezeichnen: Betroffene geben ihr Geld schneller aus, machen leichter Schulden und treffen eher kurzfristige Entscheidungen.

Ungeduld lässt uns schneller altern

Extra-Tipp-IconForscher der Rockefeller Universität in New York stellten kürzlich fest: Ungeduld lässt Menschen schneller altern. So zeigten die Laborversuche, dass die Zellalterung bei jenen Probanden beschleunigt war, denen häufig der Geduldsfaden riss. Bemerkenswert ebenfalls: Frauen sind von diesem Effekt stärker betroffen als Männer.

Lässt sich Geduld lernen?

Ungeduld-Ruhe-Geduld-lernenKurz gesagt: ja, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Die Basis dazu wird schon im Kindesalter gelegt, das Vorbild der Eltern und deren Geduldigkeit spielen dabei eine große Rolle.

Als der Psychologe David DeSteno von der Northeastern Universität zusammen mit Kollegen von der Universität von Kalifornien in Riverside und der Harvard Kennedy School dazu forschte, fanden sie aber noch ein weiteres Gegenmittel zu Ad-Hoc-Versuchungen und Kurzfristbefriedigung: Dankbarkeit. Sie ist ebenfalls ein ebenso wirkungsvoller wie edler Weg zu mehr Glück und Zufriedenheit.

Der zweite Weg ist, Willensstärke und Gelassenheit zu trainieren.

Willenskraft - oder Volition wie Sie im Fachjargon genannt wird - lässt sich vor allem dadurch lernen, dass Sie sich bewusst machen, immer eine Wahl zu haben und sich im Zweifel auch die Zeit nehmen, diese bewusst zu treffen.

Gelassenheit wiederum trainieren Sie idealerweise so:

  1. Zuerst einmal sollten Sie Ihre Wahrnehmung prüfen: Was ist genau passiert? Ist das schlimm? Vor allem aber: Was sind wirkliche Folgen und was nur eingebildete?
  2. Auch hier gilt: Es ist Ihre Entscheidung, wie Sie damit umgehen. Machen Sie sich klar, Sie alleine haben die Wahl, ob sie gelassen bleiben wollen oder aus der Haut fahren. Und es ist tatsächlich eine bewusste Entscheidung.
  3. Hinterfragen Sie Ihre Wortwahl. Klingt banal, aber so werden unbewusst aus Mücken schnell Elefanten. Sprechen Sie gerne von "Mega-Problemen", "katastrophalen Zahlen", "furchtbaren Desastern", "Mega-Fail"? Nicht? Gut so! Denn Katastrophen-Sprecher sind auch Katastrophen-Denker. Eine derart übersteigerte XXL-Sprache erzeugt erst recht das Gefühl von Ohnmacht.
  4. Lernen Sie Nein zu sagen. Das gilt insbesondere im Fall drohender Überforderung. Wenn Sie merken, dass Sie diese Aufgabe nicht auch noch schultern können, dann delegieren Sie sie (falls das geht) oder lehnen Sie mit einer guten Begründung ab.
  5. Setzen Sie Prioritäten. Entscheiden Sie, was wirklich wichtig und dringend ist und was noch Zeit hat oder delegiert werden kann. Die Eisenhower-Methode eignet sich dafür besonders gut. Aber auch die ABC-Technik. Ordnung schafft Überblick, der gibt Sicherheit – und die entspannt.

Oder um es mit Salomo zu sagen: Alles hat seine Zeit. Die richtige Zeit abzuwarten, ist eine passive Erfolgstrategie. Es bedeutet jedoch mehr, als ein Problem auszusitzen. Wie viel Zeit man hat, hängt stets von der eigenen Wahrnehmung ab. Wenn wir im Stress sind, meinen wir oft, die Zeit vergeht zu schnell und wir hätten nicht genügend davon. Das ist eine Illusion!

Natürlich kommt irgendwann der Augenblick, in dem man entscheiden und handeln muss. Meist aber später als man selber meint. Und nur selten ist der Augenblick gut gewählt, den man selbst aus impulsiv aus dem Affekt heraus wählt.

Sich in Geduld zu üben, Kraft zu sammeln und die Zeichen der Zeit zu erkennen, ist klüger - und erfolgreicher.

[Bildnachweis: STUDIO GRAND OUEST by Shutterstock.com]