„Sie sind überqualifiziert!“ – Ein Satz, den man nicht gerne im Vortstellungsgespräch hört, denn dahinter verbirgt sich meist schon die Ankündigung einer Absage. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum das überhaupt ein Handicap sein soll: Überqualifiziert – bedeutet das nicht auch, dass man besser ist, als sich das der Arbeitgeber überhaupt hätte erhoffen können?

Schwierige Frage. Und so lautet auch die erste – zugegebenermaßen – wenig befriedigende Antwort: ja und nein. Also ins Detail…

Überqualifiziert kann Vieles bedeuten. Oft ist es nur ein Chiffre – dafür, dass der Personaler eigentlich meint: „Sie sind zu teuer.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, Sie suchen hier nur einen Übergangsjob. Sobald Sie ein besseres Angebot bekommen, sind Sie auch wieder weg.“ Es kann aber auch bedeuten, dass der Bewerber zahlreiche (zu viele) Qualifikationen mitbringt, und deshalb im Verdacht steht, zwar alles, aber nichts richtig gut zu können. Oder es bedeutet tatsächlich das: Sie sind überqualifiziert.

Schauen wir uns die Sache nochmal in Form einer Liste an: Was heißt es also, wenn man Ihnen Überqualifizierung vorwirft? Der Personaler sagt Ihnen damit verblümt:

  • Das Gehalt wird nicht Ihrem bisherigen oder Ihren Vorstellungen entsprechen.
  • Sie werden sich in dem neuen Job langweilen.
  • Oder Sie werden kündigen, sobald Sie etwas besseres gefunden haben.
  • Sie werden sich wohl kaum von jemand führen lassen, der weniger Erfahrung hat.
  • Sie haben sich auf den falschen Job beworben.

Gehen wir mal davon aus, dass das alles bis auf den letzten Punkt zutreffen könnte, Ihnen das bewusst ist, und Sie den Job dennoch haben möchten (andernfalls sollten Sie sich wirklich woanders bewerben). Dann haben Sie nur eine Chance: Sie müssen aktiv gegen diese Vorurteile angehen!

Ich erinnere mich noch gut an die schwermütig-romantische Hollywood-Schnulze „Ein unmoralisches Angebot“ mit Robert Redford, Demi Moore und Woody Harrelson aus dem Jahr 1993. Der Streifen bekam damals die Goldene Himbeere in gleich drei Kategorien. Allerdings gibt es darin eine ähnliche Szene, in der sich Woody Harrelson, alias David Murphy, als erfolgloser Architekt bei einem Ingenieurbüro bewirbt und ihn der Personaler mit derselben Phrase „Sie sind überqualifiziert“ abbürstet. Harrelsons Reaktion darauf entbehrt nicht einer gewissen Schlagfertigkeit: „Fein, dann beuten Sie mich aus!“

Was im Hollywood-Blockbuster funktioniert, sollte man sich in der Realität besser verkneifen. Nicht, weil das arbeitsrechtlich bedenklich wäre, sondern schlicht verhandlungstechnisch ungeschickt ist.

Denn die Aussage, Sie seien überqualifiziert ist nur scheinbar eine Ankündigung zur Absage, tatsächlich signalisiert sie Verhandlungsbereitschaft. Sie baut lediglich ein Bedrohungsszenario auf. Würde der Personaler Ihnen wirklich absagen wollen, könnte er das Gespräch sofort dankend beenden und Ihnen ein paar Tage später die Absage schicken. Macht er aber nicht. Warum also? Er will Sie doch haben, ist sich aber unsicher und die Konditionen stimmen noch nicht. Ihr Ziel muss es deshalb sein (falls Sie den Job immer noch wollen), herauszufinden, welche Konzessionen Ihr Gegenüber erwartet.

Denkbar sind dabei folgende Kompromisse:

  • Stichwort Gehalt. Sie gehen mit Ihren Gehaltsvorstellungen etwa runter. Allerdings nicht zu weit, das würde Ihren Wert sonst infrage stellen. Fünf bis zehn Prozent sind das Äußerste. Und das Entgegenkommen sollten Sie unbedingt an weitere Bedingungen knüpfen – etwa eine deutliche Gehaltserhöhung in ein paar Jahren oder eine höhere Prämie. Sie haben ja nun auch nichts zu verschenken! Sagen Sie aber auch ehrlich: “Ich habe lange Zeit viel Geld verdient. Inzwischen aber habe ich für mich herausgefunden, dass mir ein Job, der mich wirklich begeistert und mir Spaß macht, wichtiger ist. Und dieser Job begeistert mich wirklich. Es macht mir nichts aus, wenn Sie weniger bezahlen können.”
  • Versichern Sie Ihre Loyalität. Machen Sie deutlich, dass es sich bei diesem Angebot um Ihren absoluten Traumjob und Wunscharbeitgeber handelt – und eben nicht um eine Verlegenheitslösung.
  • Stichwort Hierarchie und Erfahrung. Sie könnten auch so argumentieren: “Ich suche aktuell nach einer Position mit weniger Verantwortung, weil ich mich in den nächsten Jahren mehr um meine Familie kümmern möchte.”
  • Oder Sie beweisen Ihre Lernwilligkeit. Es fällt dem einen oder anderen Personaler womöglich nicht ganz leicht zu glauben, dass Sie als Ex-Senior-Manager sich für eine einfache Management-Position begeistern können. Erst recht, wenn Sie eine Ich-habs-voll-drauf-Attitüde an den Tag legen. Zeigen Sie, dass das Gegenteil stimmt: Sie suchen eine neue Herausforderung, wollen noch Neues lernen und sind sich sicher genau das in diesem Job zu finden. Mag sein, dass der Job ein paar Schulterklappen weniger bietet – aber, hey, dafür ist die Aufgabe dreimal herausfordernder! Eine andere mögliche Begründung: “Ich möchte meiner Laufbahn eine neue Entwicklung geben. Und ich weiß, dass ich dazu nicht gleich an der Spitze einsteigen kann. Ich bin sicher auch hier neue spannende Herausforderungen zu entdecken…”

Das sind freilich alles nur Anregungen. Sie sollten diese auf keinen Fall schablonenartig auswendig lernen und so im Vorstellungsgespräch herunterbeten. Das überzeugt keinen. Ihre ganz persönlichen Argumente müssen Sie schon selbst finden und formulieren. Entscheidend ist aber, dass Sie diese rechtzeitig und überzeugend anbringen.

Und falls selbst diese Medizin versagt: Manchmal versuchen Unternehmen die Arbeitsmarktsituation auch nur schamlos auszunutzen, um Sie tatsächlich runterzuhandeln und auszubeuten. Dann liegt es ganz allein an Ihnen, ob Sie das Spiel mitspielen oder nicht.