Es ist völlig normal, dass jeder Mensch zunächst einmal die Dinge aus seiner eigenen Perspektive sieht. Genauso wichtig ist es jedoch, dass man in bestimmten Situationen den Blickwinkel ändert, versucht, die Position anderer Menschen einzunehmen. Im Arbeits- wie auch Privatleben treffen wir immer wieder auf völlig unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Charaktereigenschaften. Mit einigen kommt man gut klar, mit anderen weniger. Egozentrik zählt zu den Persönlichkeitsmerkmalen, das eher unangenehm auffällt, da es wenig Teamfähigkeit signalisiert. Woran Sie Egozentriker erkennen und wie Sie mit egozentrischem Verhalten umgehen...

Egozentrik Umgang mit Egozentrikern Verhalten

Egozentrik Definition: Das Ich im Mittelpunkt

Egozentrik leitet sich ab von lateinisch ego = ich und centrum = Mittelpunkt und bezeichnet dem Wortsinn nach eine Charaktereigenschaft, bei der die jeweilige Person sich im Zentrum allen Handelns sieht.

Jemand der egozentrisch ist, kann synonym auch bezeichnet werden als:

  • egoman
  • eigennützig
  • ichbezogen
  • selbstbezogen
  • selbstsüchtig
  • ichsüchtig
  • rücksichtslos;
  • zentrovertiert

Typisch für Egozentrik ist, dass diese Person sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann und alles aus ihrer eigenen Perspektive sieht. Das bedeutet, dass ihre Sicht und ihre Meinung die einzig wahre ist.

Die Wahrnehmung ist somit stark reduziert, andere Blickwinkel kann der Egozentriker nicht einnehmen. Das kann bis zur Realitätsverleugnung gehen. Aus dem Blickwinkel der Egozentrik wird alles auf sich persönlich bezogen - alle Dinge, die im Umfeld des Egozentrikers passieren oder gesagt werden, haben in seiner Deutung mit ihm zu tun.

Auch wenn das nicht von anderen Personen so intendiert war - der Egozentriker glaubt das.

Egozentrik ist eine Wahrnehmungsform, die andere Sinneseindrücke ignoriert, weil sie als nicht zur eigenen Person zugehörig empfunden werden.

Unterschied zwischen egozentrisch - egoistisch: Die Absicht

Nah verwandt (aber nicht gleichbedeutend) mit der Egozentrik ist der Egoismus, der auch als Selbstliebe bezeichnet wird.

Einen besonders guten Ruf hat auch der Egoist nicht. Er ist vor allem auf den eigenen Vorteil aus. Aber es gibt unterschiedliche Formen von Egoismus, weshalb Egoismus auch unterschiedlich bewertet wird:

  • Gesunder Egoismus

    Von gesundem Egoismus sprechen wir, wenn jemand seine Ziele und Vorstellungen durchsetzt, ohne anderen zu schaden. Menschliches Miteinander funktioniert nur, wenn es auch Hilfsbereitschaft und Altruismus gibt, denn nicht jeder ist gleich stark und andersherum wird vermutlich jeder einmal in die Situation kommen, dass er Hilfe benötigt.

    Das bedeutet allerdings nicht, dass die eigenen Wünsche und Interessen aus dem Blick verloren gehen sollten. Genau die Gefahr besteht, wenn jemand aus lauter Pflichtbewusstsein nur noch anderen hilft. Auf der Arbeit ist das typischerweise der Fall, wenn Menschen sich nicht nein sagen können und sich immer noch Arbeit ihrer Kollegen aufhalsen lassen, obwohl Sie selbst kaum voran kommen.

    Gesunder Egoismus ist vom Grundgedanken her eine Überlebensstrategie: Man geht davon aus, dass wie im Tierreich früher jeder sich selbst der nächste war, wenn es darum ging, genügend Wasser und Nahrung zu finden.


  • Negativer Egoismus

    Entscheidend ist hier das Wörtchen genügend - alles, was über den eigenen Bedarf hinaus gerafft wird, hat nichts mehr mit dem Überlebenstrieb zu tun, sondern wird im Allgemeinen als negativ bewertet. Hier ist von Selbstsucht und Eigennutz die Rede.

    Egoismus im negativen Sinne bedeutet, die eigenen Ziele und Interessen ohne Rücksicht auf andere Menschen zu verfolgen. Skrupel und Gewissensbisse sind solchen Egoisten fremd, sie sind auf den eigenen Vorteil bedacht.

    Welche Konsequenzen daraus für andere folgen, spielt für Egoisten keine Rolle, denn Rücksicht würde bedeuten, sich selbst zurücknehmen zu müssen und das kommt nicht infrage.

Hier liegt auch der Unterschied zwischen Egozentrik und Egoismus: Beide Charaktereigenschaften zeichnen zwar eine Person, die ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist, jedoch ist es im Falle der Egozentrik eher ein Produkt bestimmter Umstände, während der Egoist im schlimmsten Falle als niederträchtig empfunden wird.

Ein Egoist entscheidet sich bewusst für bestimmte Handlungsweisen, der Egozentriker nicht. Ihm fällt es im Gegenteil häufig gar nicht auf, dass er sich ichbezogen verhält.

Das Wechselverhältnis zwischen Altruismus und Egoismus ist schwierig - manche behaupten gar, Altruismus sei auch nur ein verkleideter Egoismus, denn irgendeinen Nutzen ziehen altruistische Menschen ja aus ihrer scheinbaren Selbstlosigkeit - und sei es nur das Gefühl der moralischen Überlegenheit.

In gewisser Hinsicht kann zu viel Entgegenkommen Egozentrik sogar befördern: Wer sowieso schon in seinem Denken nur um sich kreist, wird wenn andere um ihn kreisen erst recht nicht auf die Idee kommen, etwas zu ändern.

Egozentrik Psychologie: Typisch für Kinder

Betrachtet man den Menschen in seiner Entwicklung, so ist Egozentrik bis zu einem gewissen Alter völlig normal. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget sprach vom "Egozentrismus der Wahrnehmung" bei Kindern. Bis zum Alter von sieben Jahren kennzeichnet dieser die kognitiven Möglichkeiten von Kindern.

Ihnen fehlt in diesem Entwicklungsstadium schlicht die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und somit nimmt der eigene Standpunkt automatisch eine bevorzugte Sichtweise ein. Irgendwann verwächst sich diese Unfähigkeit normalerweise und das Kind lernt auch Dinge, Menschen und Denkweisen in sein Handeln miteinzubeziehen, die zuvor noch außen vor geblieben wären.

Je nachdem, wie ausgeprägt die Egozentrik beim erwachsenen Menschen ist, kann sie pathologisch sein. Psychologen sehen sie dann als Teil der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Die Ursachen für so eine Ausprägung liegen oft in der Kindheit: Wer als Kind von seinen Eltern kaum wahrgenommen und in seinen Bedürfnissen nicht unterstützt wurde, scheint dies im späteren Leben zu kompensieren.

Ebenso ist es möglich, dass Egozentrik sich als Folge von einer Überbehütung in der Kindheit entwickelt. Das Kind hatte keine Möglichkeit, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Narzissten haben nie gelernt, dass sie auch als eigenständige Person liebenswert sind.

Das Gefühl des Defizits zeichnet auch Egozentriker aus: Das geringe Selbstwertgefühl muss ausgeglichen werden, indem Sie Lob und Anerkennung von anderen suchen, ständig auf ihre Leistung aufmerksam machen.

Schwierig wird es, wenn dabei die Leistung der Kollegen abgewertet wird, nur um die eigenen Fähigkeiten hervorzuheben.

Dabei muss Egozentrik nicht automatisch unsympathisch sein: So mancher Egozentriker hat durchaus positive Wesenszüge und lenkt sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit in berufliche Bahnen, von denen auch andere profitieren: Solche Menschen sind häufig "Rampensäue", sie sind dann als Entertainer, Schauspieler und Künstler tätig.

Wie gut jemand mit seiner Egozentrik klarkommt, ist eine Frage der Selbstreflexion. Bleibt der Erfolg und damit die gewünschte Anerkennung aus, kann das gerade bei solchen Persönlichkeiten zum Absturz mit Alkohol und Drogen führen. Hier kann eine Therapie helfen, das Selbstwertgefühl zu erlernen.

Egozentrik auf dem Vormarsch?

Egozentriker VerhaltenDer amerikanische Psychologe John Cacioppo forscht zur Einsamkeit und fand in seinen Studien heraus, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung sich einsam fühlen. Für seine von 2002 bis 2013 durchgeführte Studie befragte er jährlich 230 Teilnehmer zwischen 50 und 68 Jahren.

Demnach stieg die Egozentrik im Laufe der Zeit an. Umgekehrt war Egozentrik aber auch ein Hinweis auf Einsamkeit. Das Gefühl von Einsamkeit korreliert zur Psyche wie Schmerzen zum Körper: Es signalisiert, dass die Person sich um sich selbst und ihre sozialen Kontakte kümmern muss.

Sind diese nicht oder nur im geringen Maße vorhanden, führt das dazu, dass man sich um sich selbst kümmert - bis hin zur Egozentrik. Angesichts der Tatsache, dass nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland die Zahl der Single-Haushalte ständig ansteigt.

2014 waren es fast 40 Prozent, so könnte man zu dem Schluss kommen, dass unsere Gesellschaft insgesamt immer egozentrischer wird. Andererseits bedeutet ein Single-Haushalt nicht zwangsläufig, dass die Person sich einsam fühlt. Viele Singles lieben ihre Unabhängigkeit und umgekehrt bedeutet eine Partnerschaft noch längst keinen Austausch.

Cacioppo zufolge ist Einsamkeit kurzfristig völlig unbedenklich, da sie dabei helfen kann, sich über die eigenen Bedürfnisse klar zu werden. Langfristig hingegen gefährde Einsamkeit sowohl körperlich als auch psychisch die Gesundheit eines Menschen.

Egozentrisch-narzisstisches Verhalten am Arbeitsplatz

Ein Kollege, der sich durch Egozentrik auszeichnet, bezieht sämtliche Vorgänge und Handlungen anderer immer auf sich. Er vergleicht sich permanent mit anderen und kommt zu dem Ergebnis, dass nur seine Vorgehensweise die korrekte ist.

Hier stecken viele Gemeinsamkeiten zum Narzissten. In der griechischen Mythologie verliebte Narziss sich in sein Spiegelbild und so betrachtet auch im modernen Arbeitsleben jemand mit einem egozentrisch-narzisstischen Arbeitsstil sämtliche Arbeitsleistungen als symbolische Repräsentation seiner selbst.

Er kompensiert damit die mangelnde Anerkennung und Aufmerksamkeit durch die Eltern. In seinen eigenen Vorstellungen ist er omnipotent. Genau das muss er allerdings von anderen Menschen immerzu bestätigt bekommen. Seine Kollegen werden instrumentalisiert und dienen ihm in erster Linie als kritiklose Ja-Sager.

Echte, freundschaftliche Bindungen haben daher für so jemanden keine Bedeutung. Da seine Arbeitsweise die einzig korrekte ist, neigt er dazu, die Vorgehensweise anderer abzuwerten. Das wiederum erschwert das ein Delegieren von Aufgaben, denn dann würden sie nach dieser Lesart automatisch schlecht erledigt.

Ebenso ist er absolut unfähig, Kritik aufzunehmen und reagiert überempfindlich bis aggressiv darauf.

Umgang mit Egozentrik beim Kollegen

Wie kann man nun mit jemanden zusammenarbeiten, der sich selbst - ob bewusst oder unbewusst - als das Maß aller Dinge betrachtet? Die eigene Menschenkenntnis erleichtert zunächst einmal den Umgang mit herausfordernden Kollegen. Sie schärft die Sinne und Empathie, und beides hilft dabei, situationsangemessen zu reagieren.

Manchmal hat jemand vielleicht nur einen schlechten Tag. Wer so etwas im Hinterkopf behält und auch mal "fünfe gerade sein lassen" kann, trägt entscheidend zur Konfliktlösung bei. Die Einschätzung eines bestimmten Charakters ist von Nutzen, sich sprachlich auf die Person einzulassen und beispielsweise missverständliche Formulierungen zu vermeiden.

Natürlich wird ständige Selbstbeweihräucherung auf Dauer anstrengend, erst recht, wenn Sie nicht nur einen, sondern mehrere solcher Kollegen haben. Dann geht es oftmals um Konkurrenz und Selbstprofilierung.

Sie können dem begegnen, indem Sie den Kollegen auch ruhig einmal offen für seine Arbeit loben. Andersherum: Wer eigene Schwächen und Fehler zugeben kann - und hier sind besonders Führungskräfte gefragt - nimmt auch den Zwang zum Perfektionismus bei einigen Mitarbeitern.

Im Idealfall gleichen sich verschiedene Stärken und Schwächen eines Teams sowieso untereinander aus.

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