Ein Gastbeitrag von dem Coach und Autor Michael Moesslang

Wer Menschen führt, braucht Authentizität. Das trifft auf einen Mitarbeiter zu, der einen Praktikanten anleitet, ebenso wie auf den Vorstand eines DAX-Konzerns. Doch reicht es dazu, authentisch zu sein?

Der britische Sänger Robbie Williams war in den Jahren 1997 bis 2005 einer der erfolgreichsten Künstler und wurde von seinen Fans auf der Bühne gefeiert und geliebt. Er gilt immer noch als einer der besten Popstars in Europa. Doch ist er authentisch?

Nein, denn auf der Bühne ist er ganz anders als privat. Im wahren Leben machte er wiederholt Schlagzeilen und zeigte sich in Interviews als abhängig von Drogen, Alkohol und Tabletten, als einsam und depressiv – ein zerstörerischer Charakter. Auf der Bühne dagegen wirkt er selbstsicher, erotisch, schlagfertig und spielt mit seiner souveränen Wirkung mit dem Publikum. Wenn er mit den Augenbrauen zuckt, seine Hüften schwingt oder jemandem ein paar Blicke oder Worte zuwirft, dann ist er einfach unschlagbar gut. Und unschlagbar authentisch. Es ist jedoch eine inszenierte Authentizität – oder, wie ich es ausdrücke, eine „professionelle Authentizität“.

Führungspersönlichkeiten brauchen ein Auftreten, das für die jeweilige Situation das am besten geeignete ist. Eine natürliche Authentizität besitzen die meisten Menschen, auch jemand, der mit den Händen in der Hosentasche, einem breiten Dialekt und einer schnoddrigen Art in das eine oder andere Fettnäpfchen tritt. Denn „authentisch“ sein heißt „echt“ sein. Das entspricht jemandem, der sich so verhält, wie er eben ist. Ich nenne das einen Kiesel – vom Umfeld geschliffen, grau und rund.

Wäre Robbie Williams auf der Bühne so, wie er im normalen Leben ist, hätte er bestenfalls das Sternschnuppen-Dasein einer Amy Winehouse erreicht. Mal sehen, wie das bei Lena Meyer-Landrut wird. Denn sie ist authentisch, sehr sogar, und das macht sie beliebt. Aber es ist diese natürliche Authentizität, die nicht reicht, um dauerhaft einen Job zu machen, der die Menschen überzeugt.

Eine professionelle Authentizität ist zielgerichtet. Es entsteht das Juwel, dessen Besonderheit erst durch den richtigen Schliff zur vollen Geltung kommt. Je weiter nach oben in der Führungshierarchie Sie aufsteigen, desto mehr Anforderungen haben mit Ihrer Persönlichkeit und den Soft Skills zu tun. Immer weniger ist das Fachwissen des eigentlichen Berufs relevant. Führung hat vorwiegend mit Kommunikation, Motivation und der Fähigkeit zu überzeugen zu tun.

Um andere zu führen, ist oft nicht das alte Verhalten ausreichend, das Sie bis hierher gebracht hat. Viel wichtiger ist ein glaubwürdiges, wirkungsvolles und auf andere authentisch wirkendes Auftreten. Denn es geht nicht darum, authentisch zu sein, es geht darum, in dem neuen Verhalten absolut authentisch zu wirken. Dazu müssen Sie auch Ihre Komfortzone verlassen, um neue Fähigkeiten hinzuzufügen und damit Ihr natürliches Repertoire zu erweitern.

Manager brauchen Persönlichkeit

Wer beispielsweise zu einer Gruppe Menschen spricht, hat natürlicherweise eine körperliche Reaktion: Adrenalin, Aufgeregtheit, Anspannung. Mancher hat gelernt, damit umzugehen, viele erleben es als Nervosität oder Lampenfieber.

Die Folge ist, dass der Körper unbewusst Signale aussendet, die wenig sicher wirken: die Hand in der Hosentasche, spielen mit dem Stift in der Hand, eine Berührung im Gesicht, ein unruhiger Stand, eine angehobene Fussspitze, verdrehte Beine, ausweichender oder zu kurzer Blickkontakt, hängende Schultern oder ein unruhiges kontinuierliches seitliches Schwanken des ganzen Körpers. Nicht, dass das besonders auffällt, denn viele machen es ebenso. Doch die Zuhörer registrieren es unbewusst und basteln daraus ein Gesamtbild der Persönlichkeit.

Wirkt diese Persönlichkeit in Summe eher unsicher, wird die Führungskraft viel Kraft brauchen, um überzeugend zu führen oder kompetent zu wirken. Wirkt sie sicher und selbstbewusst – nicht zu viel, denn Schwächen machen auch menschlich – wird ihr automatisch Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit und Kompetenz zugeschrieben.

Es ist die Persönlichkeit, die überzeugt – nicht die Argumente. Auch Kompetenz wird einer Person zugeschrieben, die ein sicheres Auftreten hat. Kompetenz ist nicht sichtbar oder messbar im Berufsleben. Deshalb dient die persönliche Wirkung als Ersatz dafür, wie kompetent, intelligent und selbstsicher wir jemanden einschätzen. Ein Mensch, dem diese Eigenschaften zugeschrieben werden, gewinnt andere. Ihm wird Führung zugetraut. Das ist es, warum eine Führungspersönlichkeit sich viel leichter tut. Sie führt andere schlicht durch ihre Wirkung. Nur Führungskräfte brauchen Kraft – Führungspersönlichkeiten überzeugen mit ihrer Persönlichkeit.

Das Gefühl von Sicherheit bestimmt die Wirkung

Was bleibt, ist das innere Gefühl. Um gut zu wirken, bedarf es vor allem einer inneren Sicherheit. Denn wer innerlich unsicher ist – und mal ehrlich, wer ist schon in jeder Situation sicher? – wird es normalerweise zeigen.

Unsicherheit zu verbergen ist schwierig und zeigt sich in kleinsten Signalen, beispielsweise in sogenannten Micro-Expressions. Das sind kleinste Bewegungen der Mimik, die sich nicht bewusst verbergen lassen und denen sich eindeutig Emotionen zuordnen lassen. Andere überspielen diese Unsicherheit und geben vor, sicher zu sein. Das Ergebnis ist dann Arroganz.

Umgekehrt kann jemand, der sich sicher und der Situation gewachsen fühlt, ohne Probleme bestimmen, wie er sich verhält. So kann er sich sicher bewegen, aber auch mal im sogenannten Tiefstatus auftreten. Das ist ein Begriff aus der Schauspielerei, vom Schauspiellehrer Keith Johnstone so benannt. Im Tiefstatus sind die Unsicherheit-Signale zu erleben. Das bedeutet nicht gleich, dass man verloren hat. Denn um mit jemanden erfolgreich zu kommunizieren, der selbst total unsicher ist, kann es durchaus helfen, sich etwas „kleiner“ zu machen. Oder aber um jemand anderem, der sehr dominant auftritt, zu entgegnen, ohne sich auf das Angebot des miteinander Messens einzulassen.

Selbstsicherheit ist erlernbar

Die Grundvorraussetzung, um seine eigene Wirkung gezielt einzusetzen, ist also innere Sicherheit. Doch wie kann jemand, der unter regelmässiger Unsicherheit leidet, diese erlangen?

Die Karrierebibel hat sich diesem Thema schon in unterschiedlichen Beiträgen gewidmet. Ich glaube auch nicht, dass es ein einfaches Patent-Rezept gibt. Ich habe für Sie einige praktische Tipps, die helfen können, sich in mehr und mehr Situationen sicher zu fühlen:

  • Gehen Sie auch oft abends zu Bett mit Gedanken wie „Ich habe heute wieder so vieles nicht geschafft!“ oder „Was heute wieder alles schief gelaufen ist!“. Dann verfestigen sich diese negativen Gedanken im Schlaf. Die Folge ist, dass Sie sich mehr und mehr ungenügend fühlen. Machen Sie das Gegenteil: notieren Sie sich direkt vor dem Schlafen Ihre Leistungen und Erfolge des Tages. Denn neben all den unerledigten Dingen und Misserfolgen haben Sie vermutlich eine Menge geleistet – nur ist es Ihnen nicht bewusst genug. Das Aufschreiben ist dabei stärker als nur daran zu denken. Nun verfestigen sich die positiven Dinge. Mit der Folge, dass Sie schon bald stolz darauf sind, was Sie so alles leisten. Es funktioniert, so einfach es erscheinen mag.
  • Eine andere Methode ist es, sich klar zu machen, wie gut es Ihnen geht und wie viel Sie können. Dabei hilft es, wenn Sie sich bewusst machen, wie viele Menschen weit schlechtere Vorraussetzungen und Möglichkeiten haben als Sie. Warum fokussieren wir uns gerne auf das, was nicht so gut läuft? Wenn Sie es schaffen, sich darauf zu fokussieren, was gut läuft, stärkt dies schon nach kurzer Zeit Ihr Selbstvertrauen.
  • Und als dritte Methode biete ich Ihnen noch eine einfache Technik an, die von vielen Sportlern praktiziert wird. Das Ankern. Es kommt aus dem NLP, dem Neurolinguistischen Programmieren, und ist vergleichbar mit dem Pawlow’schen Hund. Sie erinnern sich vielleicht an den Versuch, bei dem Hunde zusammen mit der Fütterung immer eine Glocke hörten. Nach einer Weile wurde nur geläutet – ohne Futter zu reichen. Die Hunde erzeugten trotzdem einen starken Speichelfluss. Die Glocke war zum Anker geworden, von russischen Forscher Pawlow „Konditionieren“ genannt. Sportler setzen solche Anker ein, um sich im richtigen Moment in eine Zustand zu bringen, der Ihnen Höchstleistung erlaubt. Dazu erinnern sie sich an einen vergangenen Erfolg und versuchen, die Gefühle dazu so stark wie möglich wieder zu erleben. Erinnern Sie sich ebenfalls an einen Moment, in dem Sie sich absolut sicher und souverän gefühlt haben. Im Moment stärksten Gefühls setzen Sie einen Anker. Das kann beispielsweise ein Druck mit dem Daumennagel auf die Innenseite des kleinen Fingers sein. Wenn Sie dies oft genug machen – meine Empfehlung: 30 Tage lang, jeden Tag drei Mal – dann löst dieser Anker sofort Ihren Höchstleistung-Zustand aus, ohne dass Sie sich an die Gefühle erinnern müssen.

Werden auch Sie zum Juwel!

Wenn Sie innere Sicherheit fühlen und wissen, mit welchem Verhalten Sie welche Wirkung erzeugen, dann können Sie ihre Mitarbeiter positiv für sich gewinnen. Sie werden zum Juwel, das mit seinem perfekten Schliff funkelt und brilliert. Ein Juwel besitzt Individualität, hat viele Facetten, einen perfekten Schliff und lenkt die Blicke auf sich. Eine echte Führungspersönlichkeit ist ein Juwel und führt mit Leichtigkeit und Souveränität. Sie wirkt dabei vollkommen authentisch.

Über den Autor:
Michael Moesslang ist professioneller Redner, Coach und Autor. Er hält unter anderem Keynote-Vorträge und Seminare zu den Themen Präsentation und Rhetorik, persönliche Wirkung und Körpersprache sowie professionelle Authentizität. Zu dem letzten Thema hat er gerade auch ein gleichnamiges Buch veröffentlicht.