Die Wahrheit ist… Entschuldigung, dass ich diesen Artikel so beginne, auch wenn das immer schrecklich anmaßend klingt, weil die absolute Wahrheit sowieso keiner kennt und wer es trotzdem behauptet, ja meist nur darüber hinweg täuschen will, dass er lediglich Halbwissen verbreitet oder noch schlimmer: halbgares Wissen – das aber dafür auf hohem dramaturgischem Niveau. Nur nicht in diesem Fall. Hier und jetzt ist das anders, glauben Sie mir. Echt jetzt.
- Also noch mal…
Die Wahrheit ist: Wir alle neigen dazu, nach einem gewissen Maß an Professionalität zu streben, nach einem bestimmten Grad an Perfektion. Und wenn wir eben dieses erreicht haben, dann bleiben viele von uns stehen, blicken zufrieden zurück und laben sich am Erfolg. Ich will kein Spaßverderber sein, so eine Verschnaufpause ist nicht verkehrt. Siege soll man genießen. Nur birgt das immer auch die Gefahr, dass wir es uns dabei zu bequem machen, von neuen Ambitionen träumen – und unser Potenzial vergessen.
Zum Beispiel Manager. Sie alle haben einmal klein angefangen. Haben hart an sich gearbeitet, haben gelernt, verzichtet, Demütigungen ertragen, sind hingefallen und wieder aufgestanden, haben Prioritäten gesetzt – vermutlich sogar die richtigen. Denn irgendwann sind sie ihrem Ziel ein gutes Stück näher gekommen, sind aufgestiegen, die Karriereleiter empor geklettert und managen nun andere. Das ist eine noble Aufgabe, keine Frage. Und doch ist das Führen anderer, so flirrend und bunt wie Konfetti. Es hat Glamour, aber man wird nicht besser darin, nur weil man es machen kann. Was gute Manager von großartigen unterscheidet, ist, dass Letztere nie aufgehört haben, vor allem sich selbst zu managen.
Nicht wenige Chefs (aber nicht nur die) konzentrieren sich irgendwann nur noch darauf, dass ihr Team wächst, ihr Budget oder ihr Bonus. Sie fokussieren sich auf die Annehmlichkeiten des Erfolgs, auf dessen Resultate – und verlieren den Bezug zu dem, was diesen Erfolg bis dahin überhaupt erst möglich gemacht hat: eben das Lernen, sich hinterfragen, das hart an sich Arbeiten und ewige Weiterentwickeln. Das ist der weniger angenehme Teil, aber der wichtigere. Es ist ein fortwährender und oft anstrengender Prozess, eine Reise über Jahre, begleitet von vielen Erfahrungen, chaotischen Wechseln, sogar Brüchen, an denen wir reifen dürfen und manchmal müssen.
Der Weg zu Spitzenleistungen führt nun mal über Mühen, Ausdauer und Rückschläge. Der Aikido-Meister George Leonard beschrieb 1992 einmal den Lernprozess als Plateauphasenmodell. Demnach lernen wir nicht linear, sondern von Ebene zu Ebene: Wenn wir beginnen, eine neue Software, die Vokabeln einer fremden Sprache oder einen frischen Golfschwung zu lernen, erfolgt zuerst eine Phase des schnellen Fortschritts. Durch alte Verhaltensmuster erleiden wir jedoch irgendwann einen leichten Rückfall, es geht vorerst nicht weiter und wir erreichen das erste Plateau. Ab hier heißt es üben, üben, üben, bis wir die Zwischenschritte intus haben. Durch Wiederholung schleifen sie sich ein. Erst dann erklimmen wir, durch weiteres Üben, die nächste Ebene.
Das Modell ist zugegebenermaßen ziemlich simpel. Dafür veranschaulicht es gut, warum einige wahre Meister werden, während andere nur den Dilettantenstatus perfektionieren. Letztere lassen sich in drei Typen unterscheiden:
- Die Ersten gehen anfangs euphorisch an die neue Aufgabe heran. Dann allerdings kommt der erste Rückschlag – und mit ihm verpufft die Euphorie. Sie brechen frustriert ab.
- Die Zweiten verharren auf dem ersten Plateau. Sie sind jetzt keine Anfänger mehr und das Halbwissen reicht ihnen, um durchzukommen. Wozu mehr Mühe? Diese Typen treffen ein bequemes, aber gefährliches Arrangement.
- Die Dritten nutzen die Chance des Plateaus nicht, um das Antrainierte zu vertiefen. Kaum haben sie die eine Ebene erreicht, klettern sie weiter und weiter – bis sie ausrutschen und abstürzen. Manche Dinge brauchen eben Zeit.
Der Meister hingegen lässt sich von Rückschlägen nicht abbringen, gibt sich aber auch nicht mit dem Erreichten zufrieden. Er behält sein Ziel im Auge und entwickelt sich weiter – egal, wie mühevoll das ist. Beherrscht er schließlich sein Metier, verlässt er die Routine, um seine Grenzen erneut zu erweitern. Bis zum Sempai.
Welche Eigenschaft mich so erfolgreich macht? Die wichtigste ist, dass ich mich nie zufriedengebe. Dass ich laufend Dinge infrage stelle und dabei auch vor der eigenen Person nicht haltmache.
Jürgen Großmann, RWE-Chef (im ZEIT-Magazin)
20 Fragen zum Selbstcoaching
Natürlich kann ein solcher Artikel intensives Selbstmanagement oder Persönlichkeitscoaching nicht ersetzen. Er kann nur dessen Bedeutung aufzeigen und ein paar Hinweise geben. Oder eben Fragen aufwerfen, die Sie sich selbst stellen können. Immer wieder. Und idealerweise zum Wochenende hin. Denn die Wahrheit ist auch: Wer (sich) fragt, der führt (sich schon)…
- Was war die größte Leistung, der größte Erfolg der vergangenen Woche? Vorsicht: Sagen Sie jetzt nicht, Sie hatten keinen Erfolg! Es gibt immer einen – vielleicht ist es eben nur ein kleiner. Und hierbei geht es um den relativ größten davon. Loben Sie sich dafür, seien Sie stolz auf sich. Und fragen Sie sich gleich dazu, ob Sie dieses Paradestück in der kommenden Woche wiederholen können? Oder gar steigern? Wie?
- Mit wem sollte ich mich mal wieder treffen oder reden? In der Frage stecken gleich zwei mögliche Ziele. Das erste ist offensichtlich: netzwerken. Jobkontakte muss man schließlich pflegen. Das zweite ist jedoch oft wichtiger: persönliche private Beziehungen erhalten. Jeder Mensch braucht gute Freunde. Und wenn der Stress im Alltag wächst, verliert man solche Beziehungen leicht aus dem Blickfeld. Nicht gut. Denn hier stecken die wahren Stressreduzierer, Ratgeber, Leitplanken.
- Welchen Streit sollte ich dringend klären? Ärger gibt es immer wieder. Vor allem im Job. Wenn solche Auseinandersetzungen unausgesprochen bleiben und schwelen, können daraus leicht Intrigen oder gar veritable Feindschaften erwachsen. Ein offenes persönliches Gespräch (nicht per Telefon, schon gar nicht per E-Mail!) nimmt manchem Ärgernis den Stachel.
- Wem könnte oder sollte ich danken? Dankbarkeit ist ein Schlüssel zum Erfolg. Sie verbessert sowohl die Beziehungen zu anderen Menschen, wie auch deren Einstellung und Motivation. Und sie macht selber glücklicher.
- Falls hinter Ihnen eine Horrorwoche liegt: Wie komme ich zu neuer Kraft? Natürlich gehört dazu auch die Frage: Wie kommen Sie jetzt erst einmal wieder runter von dem hohen Stresslevel? Beides gehört aber zusammen und wirkt meist symbiotisch.
- Warum tue ich das? Haben Sie sich schon dabei erwischt, an etwas zu arbeiten ohne zu wissen warum? Das ist uns allen schon passiert, denke ich, also kein Grund zum Zweifel. Dennoch sollten wir uns alle ab und an fragen: Wozu ist das gut, was ich gerade mache? Wer profitiert davon? Was ist meine Motivation dafür? Wer die Antwort auf diese Fragen kennt, bekommt sofort bessere Laune und neuen Schwung für den Job.
- Welches Problem löse ich damit? Oder anders gefragt: Was ist überhaupt das Problem? Hilft das unseren Kunden? Hilft es uns? Und lost das, woran ich arbeite, wirklich ein reales Problem? Nicht wenige exekutieren nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, statt wirkliche Probleme aus der Welt zu schaffen. Und allein letzteres bringt einen persönlich und das Unternehmen weiter.
- Ist das nützlich, was ich tue? Die Frage korrespondiert mit der davor, geht aber noch einen Schritt weiter. Es reicht ja nicht nur ein Problem zu lösen – es muss dafür auch eine Nachfrage geben. Oder anders gesagt: Was immer Sie entwickeln, es muss Ihrer Zielgruppe einen gefragten Nutzen bringen. Denn nur so haben Sie eine Chance, dass daraus auch ein Geschäftsmodell wird.
- Wo liegt der Mehrwert? Und wie hoch ist dieser? Angenommen Sie entwickeln einen neuen Kugelschreiber: Sie lösen damit ein Problem (Wie schreibe ich es auf?) und Ihr Produkt ist nützlich (Schreibt immer und verschmiert nicht). Aber welchen Mehrwert liefern Sie damit? Kugelschreiber gibt es längst in allen Ausführungen. Es gibt sie in bunt und billig, in ausgefallen und simpel. Was also können die Kunden aus Ihrem Schreiber mehr herausholen? Und manchmal – aber das nur am Rande – ist weniger mehr wert. Ich denke da zum Beispiel an Apple-Produkte: Nicht 10 Knöpfe, sondern einer; nicht 10 Formen und Features, sondern nur die wichtigen. Herausgekommen sind dabei Kultprodukte wie der iPod oder das Mac Book Air.
- Was bewirkt es? Diese Frage sollten sich vor allem Forscher, Researcher, Berater & co. stellen. Macht es einen Unterschied, wenn ich weiß, es sind 41 Prozent statt 39 Prozent? Hat es Folgen sich mit 0,04 Minuten oder 2,1 Promille zu beschäftigen. Manchmal ja, manchmal nein. Aber bevor man solche Informationen beschafft und analysiert, hat es mehr Sinn sich zu fragen, ob die Daten und das Ergebnis wirklich zu Veränderungen führen (sollen).
- Geht es einfacher? Oft geht das so: Wir haben das Problem erkannt – und legen los, initiativ, inspiriert, intuitiv. Aber warum umständlich, wenn es auch leichter geht? Kurz darüber nachdenken, was der bessere Weg ist, kostet vielleicht etwas Zeit, spart hinterher aber mehr Ressourcen. Das Denken in Alternativen und Opportunitätskosten sollte zum Alltagsrepertoire gehören. Und diese Frage darf man sich nicht nur am Anfang stellen! Auch zwischendurch hat das immer wieder Sinn.
- Was habe ich vergangene Woche gelernt? Vielleicht ist es nur eine kleine Erkenntnis darüber, wie Sie Ihren Alltag künftig besser organisieren. Vielleicht aber auch eine persönliche Erfahrung mit Kollegen, denen Sie künftig besser nicht mehr trauen – oder jetzt erst recht. Vielleicht haben Sie aber auch etwas über die Liebe und das Leben gelernt. Jeder Mensch lernt jede Woche etwas hinzu. Wichtig ist nur, dass Sie die Lektion für sich festhalten und memorieren.
- Was waren die schönsten Momente der vergangenen Woche? Gedanken haben Macht. Womit wir uns gedanklich beschäftigen, worüber wir grübeln, das prägt uns, unsere Gefühle und unser Handeln. Memorieren Sie also – entgegen der üblichen Gewohnheiten – vor allem positive Erlebnisse.
- Was war der größte Fehler der Vergangenheit? Die Frage steht nicht im Widerspruch zur vorherigen. Sie soll nicht herunterziehen, sondern dient ebenfalls einem Lerneffekt. Denn daran schließen sofort die Fragen an: Machen Sie den Fehler chronisch? Können Sie ihn sich abgewöhnen? Wie? Was sind die typischen Folgen – und kann man das abändern?
- Bin ich meinen Zielen näher gekommen? Auch hier gibt es zwei mögliche Perspektiven: Sind Sie den Zielen Ihres aktuellen Projektes näher gekommen – oder Ihren langfristigen Karrierezielen? Letztere sollten Sie nicht aus den Augen verlieren. Natürlich müssen Sie dabei keine Karriere-To-Do-Liste abhaken. Das wäre albern. Aber sich hin und wieder zu fragen: Wo will ich eigentlich hin – und bin ich noch auf meinem Weg? bringt Sie Ihrem Ziel in jedem Fall näher, mindestens aber hält es Sie auf Kurs.
- Was hält mich ab? Oder anders gefragt: Was hindert Sie daran, Ihren Zielen näher zu kommen? Sind es (unbestimmte/unbegründete) Ängste, Kollegen, Konstellationen, mangelnder Mut, Planlosigkeit? Sie müssen in naher Zukunft ja nicht alle Hürden auf einmal ausräumen, Hauptsache Sie beginnen möglichst bald damit.
- Was möchte ich verändern/verbessern? Das können Arbeitsabläufe sein, aber auch das eigene Image im Unternehmen sowie das Verhältnis zum Chef (was oft korreliert).
- Warum ist mir dieses Ziel so wichtig? Welche Bedürfnisse würden damit befriedigt: mehr Selbstwert, Freiheit, finanzielle Sicherheit?
- Was müsste ich tun, um diesem Ziel näher zu kommen? Und sind Sie bereit, jeden Preis dafür zu zahlen? Wann wäre Schluss? Worauf müssten Sie dafür verzichten? Könnten Sie das?
- Was sind die Herausforderungen der kommenden Woche? Es ist gut sich seine Kräfte einzuteilen und sich auf die dicksten Brocken zuerst zu konzentrieren. Erstens, weil man dafür die meiste Zeit braucht, aber auch die größten Lorbeeren ernten kann. Zweitens, weil der Rest einem dann wesentlich leichter von der Hand geht.







Alexander
Um bei der Wahrheit zu bleiben: Es gibt keine Alternative dazu, sich selbst zu managen. Nur die, von anderen gesteuert zu werden.
Christopher
Wahrheit – he he, wo gibt es die denn? Der Erfinder der Wahrheit war doch ein Lügner :) (Heinz von Förster)
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