Bewerbungstrainer: Was manche (leider) verschweigen

Bewerbungsstrategie, Stellensuche, Recherche, Anschreiben verfassen, Lebenslauf gestalten – die Elemente einer erfolgreichen Jobsuche und Bewerbung sind vielfältig und anspruchsvoll. Da ist es kein Wunder, dass Bewerbungstrainer seit Jahren Konjunktur haben. Sie unterstützten Bewerber primär bei der Gestaltung der individuellen Bewerbung und helfen (hoffentlich) dabei, den neuen Job zu bekommen. Doch es gibt einige Aspekte der Bewerbung, die Bewerbungstrainer (leider) verschweigen…

Bewerbungstrainer: Was manche (leider) verschweigen

Warum Bewerbungstrainer manche Aspekte verschweigen?

Der Leistungsumfang von Bewerbungstrainern unterscheidet sich von Trainer zu Trainer. Die häufigsten Arbeitsgebiete und Leistungen bestehen jedoch aus der Beratung und Unterstützung beim Verfassen und Formulieren von Anschreiben und Lebenslauf. Auch die Gestaltung von Unterlagen und Bewerbungsmappen sowie das Optimieren der Online-Profile auf Xing oder Linkedin gehört bei vielen Bewerbungstrainern zum Leistungsportfolio.

Nicht ganz so weit verbreitet, aber ebenfalls anzutreffen, ist die Unterstützung bei der Entwicklung einer individuellen Bewerbungsstrategie. Hier verschwimmt dann häufig die Grenze zwischen Bewerbungstrainern und sogenannten Outplacement-Beratern, was aber nicht schlimm ist.

Letztlich geht es in beiden Fällen darum, den Klienten möglichst schnell und zielsicher in einen neuen Job zu bringen.

Allerdings ist dabei zuweilen auch ein Umdenken auf Seiten der Bewerber erforderlich. Sei es, weil deren Ansprüche zu hoch oder die Qualifikationen für die angestrebten Berufsbilder zu niedrig sind. Oder weil die bisherige Vorgehensweise einfach nicht funktionieren kann.

Wenn Bewerbungstrainer ihren Kunden Dinge verschweigen kann das zwar auch opportune und wirtschaftliche Gründe haben, muss es aber nicht. Nicht jeder Bewerbungstrainer schweigt aus finanziellen Gründen. Der eine oder andere Bewerbungstrainer schweigt auch, um…

  • Bewerber nicht zu demotivieren.
  • Grundsatzdiskussionen zu vermeiden.
  • Kompetenzen nicht zu überschreiten.

Leider ist es hierbei allerdings so wie mit vielen anderen (unangenehmen) Wahrheiten auch: Gut gemeint, ist das Gegenteil von gut gemacht. Auch wenn ehrliches Feedback zuweilen schmerzhaft ist, realistische Einschätzungen und Erwartungen können die Bewerbungschancen mehr steigern und Fehlern vorbeugen.

Wahrheiten, die Bewerbungstrainer (besser nicht) verschweigen (sollten)

Die häufig verschwiegenen, jedoch wichtigen Erkenntnisse (auch aus unserer Beratung) beziehen sich daher allesamt auf Wahrheiten, die Bewerber zwar oft nicht gerne hören, die aber zu ihrem Besten sind:

  • Ihr Jobwunsch passt nicht zu Ihrem Profil.

    Zahlreiche Bewerbungstrainer konzentrieren sich bei der Beratung auf rein handwerkliche und formale Ansprüche der Bewerbung. Ob die angestrebten Stellen zu dem Profil des Bewerbers passen und realistisch zu bekommen sind, bleibt dagegen leider außen vor. Dabei hat das ganz wesentlichen Einfluss auf den Erfolg. Manchmal kann ein Downshifting der schnellere und bessere Weg zurück in Lohn und Brot sein als bloßes Anspruchsdenken.

  • Ich überarbeite Ihr Anschreiben, formulieren müssen Sie es selbst.

    Viel zu häufig lassen sich Bewerber ihr Anschreiben komplett vorschreiben. Das ist für Bewerbungstrainer zwar lukrativ, und für Kandidaten der bequemste Weg. Spätestens im Vorstellungsgespräch kann sich das aber rächen. Etwa dann, wenn sich der schriftliche Eindruck von Eloquenz und Elan nicht mit der Persönlichkeit deckt oder auf Rückfragen nur Gestammel kommt. Sinnvoller ist es daher, wenn Bewerber das Anschreiben zunächst selbst formulieren, um es anschließend von einem Profi überarbeiten und optimieren zu lassen – idealerweise mit entsprechenden Begründungen. Die Gespräche und Diskussionen dazu, helfen nicht nur bei der Selbstreflexion, sondern sind auch ein gutes Training für das Vorstellungsgespräch.

  • Die Jobsuche kann Wochen, vielleicht sogar Monate dauern.

    Unschön, aber leider wahr: Der Weg von einem Job in den nächsten (falls Sie nicht direkt ein neues Angebot haben) kann mitunter ein halbes Jahr dauern. Natürlich ist das individuell verschieden, weswegen sich manche Bewerbungstrainer hier auch vor der Aussage drücken. Eine noch so gute Bewerbung ändert aber nichts an der aktuellen Arbeitsmarktlage oder daran, wer gerade gesucht wird und wer nicht. Insbesondere ältere Arbeitnehmer sind oft verzweifelt, weil sie nur Absagen bekommen. Professionelles Bewerbungstraining kann hier zwar Chancen erhöhen, die leider durchaus existente Altersdiskriminierung abschaffen, kann es nicht. Hier wäre eine realistische Einschätzung und entsprechende Anpassung der Bewerbungsstrategie die bessere Alternative.

  • Eine Standardbewerbung bringt Sie nicht weiter.

    Zahlreiche Bewerber sparen hier am falschen Ende und glauben: Wer sich einmal eine professionelle Bewerbung machen lässt, kann diese immer wieder verwenden. Das gilt vielleicht eine zeitlang für den professionellen Lebenslauf, nicht aber für das Bewerbungsanschreiben. Das sollte jedes Mal individuell an das adressierte Unternehmen und die jeweilige Stellenanzeige angepasst werden. Mit dem Hinweis macht man sich als Bewerbungstrainer zwar unbeliebt und wirkt latent als Kostentreiber. Es wäre aber ehrlicher und effektiver.

  • Ihre Erwartungen sind deutlich zu hoch.

    Zugegeben, eigentlich ist es nicht der Job des Bewerbungstrainers, seine Klienten zu belehren und mehr Probleme zu machen. Der Job ist es, Probleme zu lösen und die Bewerbung zu optimieren – und die Kandidaten handwerklich, formal und sprachlich bei der Bewerbung zu unterstützen. Wenn in einem Anschreiben aber zum Beispiel völlig unrealistische Gehaltsvorstellungen genannt werden, sollte das zur Sprache kommen. Das beste Anschreiben hilft nicht, wenn die Wünsche und Vorstellungen des Bewerbers völlig unrealistisch und am Markt vorbei sind.

Wie gesagt: Nicht jeder Bewerbungstrainer, der diese Punkte nicht anspricht oder verschweigt, ist deswegen zwangsläufig unseriös. Zu einer erfolgreichen Beratung gehören aber eben immer zwei: Jemand Mutiges, der die Wahrheit ausspricht – und jemand, der zuhört und den Rat annimmt.

[Bildnachweis: g-stockstudio by Shutterstock.com]
20. Mai 2017 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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