Darum beurteilen wir andere lieber als uns selbst

Kaum ist die neue Mitarbeiterin über die Türschwelle, schon wird gelästert. Auch über neue Kunden, Geschäftspartner, Lieferanten. Unser Urteil über andere Menschen ist schnell gefällt. Manchmal revidieren wir es, oft bestätigen wir es. Jedenfalls bereitet es uns diebische Freude, über andere Menschen zu richten. Aber Vorsicht! Wer immerfort gut oder schlecht über andere redet, offenbart damit vor allem eines: seinen eigenen Charakter.

Darum beurteilen wir andere lieber als uns selbst

Warum urteilen wir über andere?

In der Bibel heißt es im Brief an die Römer: „Du bist nicht der Herr deines Nächsten. Mit welchem Recht willst du ihn also verurteilen?“ Und Matthäus schrieb: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“

Wahrlich fromme Wünsche. Denn schon in der ersten Sekunde des Kennenlernens richten wir über unsere Gegenüber. Sogar dann, wenn wir die Person nur auf einem Foto sehen.

In einer Studie zeigten Wissenschaftler der Cornell University ihren Probanden Fotos von Frauen. Mal lächelten diese, mal schauten sie missmutig. Hatten die Teilnehmer nun das Gefühl, bei der Person handele es sich um eine freundliche, offene und gewissenhafte Dame, hielt dieser Eindruck auch an, nachdem sich beide persönlich kennengelernt hatten. Hatten sie dagegen den Eindruck, die Frau auf dem Foto sei unsympathisch, überdauerte dieser Eindruck ebenfalls das Gespräch.

Der Witz: Bei der Frau handelte es sich jedesmal um ein und dieselbe Person. Einmal hatte sie liebreizend in die Kamera geschaut, ein anderes Mal einen unausstehlichen Eindruck gemacht. Der erste Eindruck trägt – aber er täuscht bisweilen.

Erster Eindruck, erstes Urteil

Warum aber urteilen wir überhaupt über andere, zumal oft herablassend und negativ? Vor allem an Konkurrenten lassen wir meist kein gutes Haar.

Aus evolutionärer Sicht ergibt das Sinn. Wer andere herabwürdigt, will dadurch sein eigenes Standing verbessern. Und je besser der eigene Stellenwert, desto größer sind unsere Chancen auf Ansehen, Macht, Rohstoffe und – ja, auch das – Paarungsoptionen.

Das könnte man auch als Trash-TV-Syndrom bezeichnen. Wer über die Protagonisten im Frauentausch bei RTL 2 lästert, darf sich selbst umso erhabener, gebildeter, besser fühlen.

Anderererseits ist es unerlässlich, Urteile über andere zu fällen – gerade im beruflichen Kontext. Wie sonst könnten wir etwa guten Gewissens…

  • Neue Mitarbeiter rekrutieren
  • Ein gutes Team zusammenstellen
  • Die Entscheidung treffen, mit jemandem zusammen- oder nicht zusammenzuarbeiten
  • Mit jemandem ein Unternehmen gründen oder nicht

Vor allem teilen Menschen andere offenbar schon im ersten Augenblick in zwei Kategorien ein: Wärme und Kompetenz. Wir mögen Menschen, die warm und kompetent sind. Und wir verachten solche, die kalt und inkompetent sind.

Kalte, aber kompetente Menschen beneiden wir. Warme, aber inkompetente Personen bemitleiden wir.

Wenn Fremde uns besser beurteilen können

Das geht so weit, dass uns andere irgendwann besser einschätzen können als wir uns selbst. Laut Simine Vazire von der Washington State University wissen wir zwar selbst am besten, welche neurotischen Ticks wir haben oder wie ängstlich wir sind. Diese Gefühle könne man schließlich verstecken, so dass sie für andere unsichtbar seien.

Aber: Freunde seien womöglich bessere Barometer, wenn es um Eigenschaften wie Intelligenz und Kreativität geht. Sogar völlig Fremde würden sofort merken, wie intro- oder extrovertiert jemand ist. „Persönlichkeit ist nicht, wie du denkst, wie du bist, sondern wie du bist“, so der Psychologe.

In einer Studie hatte man den Probanden vor einigen Jahren Videos von Paaren vorgespielt. Relativ mühelos konnten sie ausmachen, wer von beiden wen betrogen hatte. Ähnliches war bei Videos von Speed-Datern zu beobachten. Wie groß das romantische Interesse einer Person war, ließ sich von außen verblüffend gut einschätzen.

Das geht sogar dann, wenn Kinder die Hauptfiguren sind. So können Fremde erstaunlich präzise Einschätzungen über ein Kind treffen. So präzise, dass sie sich von denen der Eltern kaum unterscheiden.

Mit anderen Worten: Wenn ich einem fremden Kind nur wenige Minuten beim Spielen zuschaue, weiß ich annähernd genauso viel über dessen Charakter wie seine Eltern, obwohl die schon ihr ganzes Leben mit ihm verbracht haben.

Menschenkenntnis: Ungleich verteilt

Und trotzdem: Menschenkenntnis ist keine Gabe, die mit der Gießkanne über die Menschheit verteilt wurde. Manche fällen bessere, treffsichere Urteile als andere.

Auch der Better-than-Average-Effekt spielt hier eine Rolle. Demnach schätzen sich Menschen prinzipiell selbst besser ein als andere. Und sie überschätzen oftmals ihre eigenen sozialen Kompetenzen – und ihr Urteilsvermögen.

Intelligente Menschen dagegen zeichnen sich laut einer Oxford-Studie dadurch aus, dass sie ihren Mitmenschen mehr Vertrauen entgegenbringen. Aber warum?

Eine mögliche Erklärung: Intelligente Menschen verfügen über ein besseres Urteilsvermögen und größere Menschenkenntnis als weniger intelligente. Darum bauen sie vornehmlich Beziehungen zu Menschen auf, denen sie wirklich vertrauen können und die sie mit geringerer Wahrscheinlichkeit hintergehen.

Wer andere schlecht redet, ist…

„Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul“, lautet ein kluges Bonmot. Und so sagt es auch eine Menge über uns aus, wie wir andere beurteilen, wir wir über andere denken und sprechen.

Wer sich vornehmlich positiv über andere äußere, habe selbst ein positives Gemüt, will die Wake Forest vor einigen Jahren herausgefunden haben.

„Andere positiv zu beurteilen offenbart unsere eigenen positiven Eigenschaften„, sagte damals Studienautor Dustin Wood. Diese Menschen seien selbst leidenschaftlicher, glücklicher, höflicher, gutherziger und emotional stabiler.

Wer andere hingegen häufig schlecht rede, sei oft narzisstisch veranlagt und unsozial. „Die simple Tendenz, andere Menschen in einem negativen Licht zu sehen, ist mit einer größeren Wahrscheinlichkeit von Depressionen und diversen Persönlichkeitsstörungen verbunden“, behauptete Wood gar.

Das bedeutet nach Ansicht der Psychologen auch: Wer einen Mitarbeiter nach seiner Meinung über einen Kollegen frage, findet womöglich mehr über Ersteren heraus.

Urteil fällen: Aber wie?

Eine Frage aber bleibt offen: Wie finde ich eigentlich heraus, ob mein Urteil stimmt? Wie komme ich dem wahren Charakter eines Menschen auf die Spur?

Dabei komme es nicht nur darauf an, was derjenige letztlich tue und wie er sich verhalte, sagt die Universität von Kalifornien. Nicht nur die Taten zählen, auch der Kontext spiele eine Rolle.

Nehmen Sie ein Social-Media-Unternehmen, das persönliche Daten über seine User sammelt. Die Regierung fordert das Unternehmen auf, diese Daten preiszugeben. Zur Terror-Bekämpfung. Der CEO entscheidet, ob er die Daten freigibt oder nicht.

Die Preisfrage lautet: Ist der CEO ein moralischer Mensch, wenn er die Daten hergibt? Oder ist er es, wenn er es nicht tut?

Antwort der Kalifornier: Ein CEO, der seinem eigenen Ethik-Kodex folgt, wird als moralischer wahrgenommen. Sogar dann, wenn man eine Abweichung von der Norm – wie dem Terrorkampf – im Einzelfall für gerechtfertigt hält. Das Vertrauen der anderen, dass er sich auch in Zukunft vernünftig und prinzipientreu verhalten wird, steigt.

[Bildnachweis: igorstevanovic by Shutterstock.com]
16. September 2017 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px

Andere Besucher lesen gerade diese Artikel:



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.


Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!