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Die duale Berufsausbildung in Deutschland hat ihre Wurzeln im Mittelalter: Das Modell der Lehrlingsausbildung wurde damals von den Zünften erschaffen und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts immer weiterentwickelt - allerdings überwiegend im Bereich des Handwerks. Erst mit der industriellen Revolution kamen auch immer mehr technische Berufe dazu. In jüngster Zeit aber verliert die Ausbildung an Attraktivität. Viele hiesige Unternehmen finden nicht genügend (qualifizierte) Bewerber, allein 2013 blieben rund 33.500 Ausbildungsstellen unbesetzt. So war denn auch die Zahl der Studienanfänger in diesem Jahr erstmals höher als die Zahl der Azubis beziehungsweise Anfänger im dualen System. Warum ist das so und lohnt sich die Ausbildung überhaupt noch? Das wollten wir von unseren Lesern wissen und haben dazu eine Blogparade gestartet. Hier das Ergebnis...

Hat die Ausbildung aus Unternehmenssicht Sinn?

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel - die Begriffe geistern immer wieder durch die Medien und werden ebenso kritisch diskutiert. Sicher ist aber: Industrieunternehmen brauchen Spezialisten. Und da diese nicht unbegrenzt auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, bilden nicht gerade wenige Betriebe diese selber aus. "Gerade in unser sich schnell wandelnden Branche mit einem hohen Maß an Spezialisierung ist die duale Ausbildung eine wichtige Säule der strategischen Personalentwicklung", schreibt Alex Kahl im Comspace-Blog. Nur so sei zu gewährleisten, dass das Unternehmen weiter wachsen könne.

Weiter heißt es dort im Blogbeitrag, die Auszubildenden erfüllen dabei zwei wichtige Punkte:

  • Azubis sind eine wichtige Säule in der Unternehmenskultur. Durch die Arbeit in verschiedenen Bereichen, Teams oder Abteilungen verfügen sie über ein hohes Maß an Identifikation und sind innerhalb der Organisation gut vernetzt.
  • Auszubildende stehen dem Unternehmen langfristig zur Verfügung, können sich parallel zum Beruf weiter qualifizieren und stehen während dieser Zeit mit ihrer Arbeitskraft dem Unternehmen zur Verfügung.

Gerade der zweite Punkt sei für das Unternehmen zunehmend wichtig. Durch duale Studiengänge könnten den ehemaligen Auszubildenden weitere Perspektiven geboten und sie so langfristig an das Unternehmen gebunden werden.

Indirekt bestätigt wird dies von Naj Yekrabretsew, der in seinem Beitrag zur Blogparade hier schreibt:

Ob, die Ausbildungszeit als attraktiv angesehen wird, hängt meistens von der Wertigkeit der übertragenen Aufgaben ab.

Das stimmt zweifellos. Doch wird die Attraktivität der hiesigen Ausbildung häufig verkannt oder auch übersehen.

Und es ist ja auch so, dass es durchaus einige Gründe gibt, die - zumindest dem ersten Anschein nach - gegen eine Ausbildung sprechen. Marion Schaake nennt in ihrem Blogbeitrag gleich ein paar davon:

  1. Die Zahl der Akademiker hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zugenommen. In diesen Familien wiederum ist es – nicht immer, aber doch sehr häufig – eher Usus, dass der Nachwuchs ebenfalls Abitur macht und studiert. Hier wird der Leistungsgedanke weiter gelebt.
  2. In der Presse gibt es immer wieder Artikel, die die Einkommensunterschiede und auch die Wahrscheinlichkeit der Arbeitslosigkeit von Akademikern und Nichtakademikern gegenüberstellen. Wer will schon gern zu den Verlierern zählen?
  3. Das Wissen um den Wert einer Ausbildung ist bei den Jugendlichen nur rudimentär vorhanden. Und der Anspruch innerhalb einer Ausbildung wird vielfach unterschätzt, sodass viele Jugendliche meinen, sie seien dort intellektuell unterfordert.
  4. Viele Jugendliche kennen spannende und anspruchsvolle Ausbildungsberufe gar nicht, sondern wissen nur um die "einfachen", die für sie nicht in Frage kommen.

Wer Abitur macht, braucht keine Ausbildung mehr. So denken viele. "Warum sollte man sich auch sonst acht Jahre mit Latein rumschlagen und die kompliziertesten Matheformeln ins Gedächtnis einbrennen?", fragte sich auch Julia Ruhland, die, vom "Uni-Fieber" ihrer Freunde angesteckt, nach dem Abi mit zunächst dem Studium "Management in der Gesundheitswirtschaft" an der Fachhochschule Rosenheim startete.

Das Fieber hielt allerdings genau zwei Monate an. Danach meldete sie sich vom Studiengang gleich wieder ab, entdeckte ihre Interessen in zahlreichen Nebenjobs und schließlich den Ausbildungsberuf als Kauffrau für Marketingkommunikation, den sie inzwischen bei der Genua mbh, einem Spezialisten für IT-Sicherheit in Kirchheim bei München absolviert. Im Blog schreibt sie dazu:

Warum ich mich als Abiturientin für eine gewöhnliche Ausbildung entschieden habe? Ich wollte erst einmal raus aus dem Klassenzimmer. Mir lag es sehr am Herzen, direkt praktisch in einen Beruf einzusteigen. Und die Blockphasen in denen ich für jeweils drei Wochen in die Berufsschule gehe, stellen sich als schöne Abwechslung zum Arbeitsalltag heraus. Hier trifft man übrigens auch viele junge Leute, die sich nach ihrem Abitur für eine Ausbildung entschieden haben. In meiner Klasse sind es über 90 Prozent der Schüler. Wie war das nochmal mit dem Klischee der traditionellen Akademiker?!

"Für mich persönlich war nach meinem Abitur immer klar: Ich möchte studieren. Aber warum eigentlich? Wenn ich das heute rückblickend betrachte, war mir die Vielzahl der Ausbildungsberufe oder auch die Möglichkeit eines dualen Studiums gar nicht so bewusst", gesteht Julia Böttcher im Blog der Techniker Krankenkasse.

Nicht wenige Schulabgänger fühlten sich unter Druck gesetzt, schnell und möglichst früh wichtige Entscheidungen zu treffen. Zu früh vielleicht. Bei einer eigenen Umfrage unter unter Azubis und potenziellen Bewerbern im Alter zwischen 16 und 25 Jahren habe sich noch einmal bestätigt: Die Zeit nach der Schule ist für junge Menschen vor allem durch eines geprägt: mehr Fragen als Antworten.

Rund 60 Prozent der Befragten sagten, nach der Schule machten sie sich Sorgen, einen Job zu finden und seien oft noch unentschlossen, ob eine Ausbildung oder ein Studium das Richtige für sie ist.

Gerade im internationalen Vergleich fällt oft erst auf, welche Vorteile die hiesige Ausbildung hat. Im Chemie Azubi Blog berichtet Stefanie Lenze beispielsweise von Chemie-Unternehmen, die an ihren ausländischen Standorten das deutsche Ausbildungs-Modell exportieren. Darunter etwa Röchling Automotive, die ihre Azubis als Ausbildungsbotschafter in die USA senden. Das deutsche Berufsbild des Verfahrensmechanikers entspreche in den USA teilweise gleich drei Berufen: In den USA gebe es einen speziellen Facharbeiter für die Materialbeschaffung, ein zweiter verantwortet die Werkzeugbeschaffung und ein dritter steuert den Prozess. "Wenn alles glatt geht, eine feine Sache. Pech nur, wenn ein Problem in der Produktion auftaucht. Dann weiß keiner weiter, während die Produktion stockt."

Der deutsche Verfahrensmechaniker könne dagegen gut beurteilen, wie ein Werkstück hergestellt wird. Er weiß alles über den Herstellungsprozess und überwacht die Produktion eines Bauteils, zum Beispiel einer Autokarosserie: "Ich kann jederzeit und an jeder Stelle die Kunststoffverarbeitung wieder zum Laufen bringen", lobt zum Beispiel Azubi Arslan die Qualität seiner deutschen Ausbildung.

Die Motive der Azubis mit Abitur

In nicht wenigen der teilnehmenden Blogparaden-Beiträge beschreiben die Azubis eine Art Läuterungsprozess: Anfangs bestimmen viele Vorurteile und Bedenken die Ausbildungsentscheidung, im Rückblick aber bedauern diese die wenigsten.

Michelle Fröhlich zum Beispiel hat im September ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei Mann+Hummel begonnen. Die 19-Jährige hat Abitur gemacht, hätte damit also studieren können, entschied sich dann aber doch ganz bewusst für eine Ausbildung:

Ich finde es spannend, die erlernte Theorie direkt in der Praxis umzusetzen. Dadurch ist das Gelernte nicht so abstrakt wie an der Uni, man weiß immer genau, wofür man es braucht. Außerdem ist der Arbeitsalltag eine tolle Abwechslung zur Schule.

Ob sie später noch studieren möchte, weiß Michelle Fröhlich allerdings noch nicht.

Ähnlich begründet das auch Sarah Stöferle, Auszubildende zur Industriekauffrau im 1. Ausbildungsjahr bei der Lapp Group. Auch sie hat Abitur, entschied sich dann aber für die Laufbahn einer Azubine. Warum?

Nach so vielen Jahren Theorie in der Schule, wollte ich auch mal die praktische Seite kennen lernen, das "echte" Berufsleben. Ein Studium wollte ich nach Abschluss meiner Fachhochschulreife nicht beginnen, da ich das Entdecken der freien Wirtschaft interessanter fand. 12 Jahre Schule waren sehr lang für mich, doch gerade die letzten beiden Jahre mit BWL und wirtschaftsbezogenen Themen im Unterricht, fand ich sehr interessant – die Ausbildung zur Industriekauffrau war somit naheliegend. Überzeugt hat mich besonders der Aspekt, dass mein Karriereweg nach der Ausbildung noch lange nicht zu Ende ist – und eine solide Basis durch meine Ausbildung kann mir auch niemand mehr nehmen.

Die Datev-Azubine Kerstin Rockenmaier wiederum beweist, dass auch ein ganz anderer Weg funktionieren kann: Sie hatte vor ihrer Ausbildung als Kauffrau für Dialogmarketing schon ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert. Doch nach sechs Jahren grauer Theorie und fehlenden beruflichen Perspektiven habe sie sich entschlossen, noch einmal etwas ganz Neues zu wagen - mit einer Ausbildung.

"Die Entscheidung für eine Ausbildung war auf jeden Fall die richtige", sagt sie im Datev-Blog Endlich könne sie das in der Berufsschule erworbene Wissen auch praktisch einsetzen:

In meiner Abteilung arbeiten nette Kollegen und die Aufgaben, die jeden Tag auf mich warten, sind vielfältig und spannend. Vor dem Ausbildungsstart habe ich gehofft, dass ich den an mich gestellten Erwartungen auch gerecht werde und ich gleich in den Kreis der Kollegen integriert werde. Beides ist der Fall und ich fühle mich sehr wohl mit meiner Entscheidung für eine Ausbildung bei der Datev.

Die Lust auf Praxisluft

Schule aus - und dann? Das Motiv, nach langen Jahren in der Theorie und auf der Schulbank endlich auch mal das Wissen (und sich selbst) praktisch zu erproben, ist allerdings nach wie vor das größte.

Jasmin Trübenbach machte beispielsweise eine Ausbildung bei der Ergo Direkt Versicherung. Diese ging im Juli 2013 zu Ende, die 20-Jährige ist inzwischen im Direktvertrieb tätig. Rückblickend erklärt sie ihre Motivation, eine Ausbildung zu machen, im ErgoDirekt-Blog so:

Nach meinem Abschluss an der Realschule hatte ich auch keine Lust mehr auf Schule. Ich wollte zunächst einmal mein eigenes Geld verdienen. Da ich bei meinem Ausbildungsbeginn erst 16 war, dachte ich mir, dass ich danach immer noch schulisch weitermachen kann. Für mich gibt es viele Vorteile: Man sammelt praktische Berufserfahrung, aber die Theorie kommt durch die Berufsschule auch nicht zu kurz. Auszubildende erhalten ein eigenes Gehalt, mit dem man sich endlich eigene Wünsche erfüllen kann (Urlaub, Auto, Shoppen). Die Ausbildung fördert auch die persönliche Weiterentwicklung. Vor allem durch schwierige Situationen – zum Beispiel bei Kundenbeschwerden – konnte ich schnell lernen, professionell mit Kritik umzugehen und richtig zu reagieren.

Markus wiederum berichtet im Thyssen Azubiblog beispielsweise über ein Programm, das eine komplette Übersicht über das Qualifizierungs- und Servicecenter ermöglicht.

Und Nicole Fritsche schreibt im Daimler-Blog:

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass man überall sehr schnell mit eingebunden ist und zum Team dazu gehört. Egal, ob einer Hauptschulabschluss oder Abitur hat, egal ob jemand Russe, Japaner oder Deutscher ist, egal ob man wohlhabende oder Geringverdiener als Eltern hat, in Latzhose sehen wir alle gleich aus und werden auch so behandelt. Selbst die Meister, welche jeden Morgen zu den Kollegen gehen und guten Morgen wünschen, reden mit einem auf Augenhöhe.

Das erste Ausbildungsjahr bei der R+V wird zum Beispiel von der sogenannten Poolphase bestimmt: Dabei lernen alle Auszubildenden eines Standortes gemeinsam in ihrem eigenen Büro die theoretischen und praktischen Grundlagen des Berufs, die Prozesse und Besonderheiten der einzelnen Versicherungssparten und die Abläufe innerhalb des Unternehmens kennen. Statt einzelne Abteilungen zu durchlaufen, kommen dabei die jeweiligen Fachausbilder zu den Auszubildenden in den "Pool". Dank elektronischer Postverteilung können die Azubis so von Anfang an an realen Fällen arbeiten und erhalten – alle gemeinsam – einen guten Überblick über die verschiedenen Sparten. "Das Lernen im Team fällt dabei nicht nur leichter, es schweißt auch zusammen", schreibt etwa Katharina Zehner im R+V Blog.

Die Weiterqualifikation zum Techniker und schließlich zum Servicetechniker bei der Krones AG biete nicht nur "spannende Auslandsreisen im Außendienst" und ein "Kennenlernen von neuen Kollegen und Kunden" - die Ausbildung sei vor allem ein "Turbo-Reifeprozess für die Persönlichkeit", schreibt Lea Müller. Einer der Azubis meint dazu im Interview:

Die größte Herausforderung war es, Freizeit, Beruf und Technikerschule ohne Leistungsverlust und mit bestmöglichstem Ergebnis unter einen Hut zu bringen. Um das zu schaffen, braucht man viel Ehrgeiz und Zielstrebigkeit.

"Alles in allem ist kein Tag alltäglich und bringt stets eine neue und lehrreiche Aufgabe für mich", schwärmt Laura Riemensperger im Kuka-Blog über ihre Erfahrungen im zweiten Ausbildungsjahr.

Alternative: Duales Studium

Neben der klassischen Ausbildung entscheiden sich manche allerdings auch für einen Zwischenweg aus Praxisbetrieb und Studium - dem sogenannten Dualen Studium. Hierbei sind die Betreffenden in ihrem Unternehmen fest angestellt, werden aber für Vorlesungen, Lern- und Klausurphasen freigestellt - bei vollem Gehalt.

Auch Mareike hat sich für ein solches Duales Studium entschieden und sagt im Lingner-Blog:

Da ich bereits eine rein schulische Ausbildung als Grafik-Designerin absolviert hatte, wollte ich endlich Praxisluft schnuppern und Berufserfahrung sammeln. Dennoch hatte ich den Wunsch, mich weiterzubilden. Für mich war es wichtig, zu studieren. Trotzdem wollte ich parallel unbedingt Praxiserfahrung sammeln und einen Einblick in ein Unternehmen bekommen. Mit dem dualen Studium konnte ich beides verbinden. Jetzt habe ich einen Bachelor-Abschluss und Berufserfahrung!

"Die Welt entdecken, reisen, mit Menschen verschiedener Kulturkreise zusammenarbeiten – kurzum: Internationalität hautnah erleben." - Das waren auch die Beweggründe von Paulina Cattau, die vor einiger Zeit ein duales Studium zur Wirtschaftsingenieurin bei Conti in Hannover begonnen hat. Bereits im ersten Jahr habe sie nicht nur zahlreiche Abteilungen des Unternehmens durchlaufen - danach stand auch gleich die erste Dienstreise an:

Während meiner Tätigkeit im Engineering bot sich mir die Möglichkeit, meinen Chef und zwei Kollegen zu einer Maschinenabnahme nach Malaysia zu begleiten. Durch persönliche Führungen durch das Werk und unterstützende Aufgaben bei der Maschinenabnahme bekam ich einen umfassenden Einblick in die Produktionsabläufe. Diese Gelegenheit nutze ich, um eine Projektarbeit für die Uni zu verfassen. All diese sehr positiven Erfahrungen, nicht nur in Malaysia, haben mich in meiner Wahl, ein duales Studium bei Conti zu beginnen, bestätigt.


Kurzum: Die Frage, ob sich die Ausbildung noch lohnt, beantworten die Teilnehmer der Blogparade zumindest mit einem indirekten "Ja". Reue für die Wahl einer Ausbildung beschreibt kein Azubi, negative Erfahrungen auch nicht.

Zwar setzen sich nur wenige Beiträge wirklich objektiv und analytisch mit der Ausbildung und den Argumenten dafür oder dagegen auseinander, das Gros bleibt leider meist nur narrativ-deskriptiv, doch zeigen die einzelnen Erfahrungen, dass die Vorteile der deutschen Ausbildung nur wenig bekannt und deshalb in der Regel auch unterschätzt werden.

[Bildnachweis: Robert Kneschke by Shutterstock.com]