Es ist jetzt genau 22 Uhr. Wenn Sie immer noch wach sind und am Rechner hängen, Ihre Feeds und dieses Blog lesen, parallel SMS verschicken oder E-Mails über das Handy abrufen und versenden, ja, dann haben Sie vermutlich schon Karriere gemacht. Denn so siehts aus: Die ständige Erreichbarkeit dank des technischen Firlefanz’ hat nicht nur Berufs- und Privatleben entgrenzt und den Feierabend zu einem aussterbenden Ritual gemacht (wie die Mahlzeit übrigens auch), sie teilt die Menschen ebenso zunehmend in Ober- und Unterschicht. Denn, wie es mein Berufskollege Adam Soboczynski im aktuellen ZEIT Magazin schreibt, “die Bäckereifachangestellte werde gewiss nicht abends noch vom Bäcker angerufen wegen diesem oder jenem. Es sei denn, sie habe ein Verhältnis mit dem Bäcker.” Und die Putzfrau wird wohl auch nicht abends noch ihre Mails ckecken müssen. In anderen Worten:
Der Feierabend sei heute – wie Übergewicht, Rauchen und schlechte Haut – ein Unterschichtenphänomen.
Falls Sie also bis hierhin noch nicht abgeschaltet haben und dies noch mitten in der Nacht lesen: Willkommen in der Oberschicht, du Wahnsinniger!







limone
es gibt führungskräfte (vorzugsweise die alter schule), die immer noch einen richtigen feierabend haben, weil sie sich abzugrenzen verstehen gegen die ständige erreichbarkeit – bei der ich eher an it-supportmitarbeiter denken muss. muss denn wirklich jede führungskraft ständig und überall erreichbar sein?
Klaus
Ach deshalb kriegen “Karriere”-Menschen keine Kinder mehr.
Wird also der gute alte Darwin auch dieses Problem lösen müssen… :-)
Silke
Ich denke, der Feierabend ist vor allem ein sehr gesundes Phänomen: Abschalten und wirklich Pause machen schützen vor dem Burn-Out und anderen bösen Erkrankungen.
cdv!
Ich lese gerne am späten Abend meinen Feedreader, um dann etwa die Posts hier zu entdecken. Ich arbeite auch gern am späten Abend, weil dann das Telefon nicht mehr klingelt. Für viele unsichtbar: Wenn ich am Morgen in aller Ruhe jogge, wenn ich zwischendurch am Tag mit meinem Sohn spiele, wenn ich so nebenbei die Hausarbeit erledige. Und ab und zu bin ich gar nicht erreichbar. Und bin seit vielen Jahren selbstständig. Nebenbei: Untergewicht, Mischhaut, Raucher. Was soll man denn davon halten?
marcussplitt
ich musste bei diesem Post einfach lachen. Sehr amüsant!
Holger Reich
hmm, es ist 22:54 Uhr, ich sitze mit menem privaten Notebook und “daddel so rum” (eMails, eigene Webseite, BusibessClub online). Bei der Frage, ob ich ein Karrieremensch bin muß ich schmunzeln, mein Chef lachen und das Finanzamt nickt helftig. Ergo, alles eine Frage der Perspektive.
So, und nun gehe ich langsam offline, da mein Handywecker um 6:00 klingelt. (schöne neue und bunte Welt, Danke)
Holger Reich
… und ich stelle fest, das die Serveruhrzeit nicht stimmt ;-)
da muß doch was zu machen sein …
Jochen Mai
@Holger: Zur Winterzeit stimmt sie ja wieder…
@Marcussplitt: Ja, die Oberschicht hat noch was zu lachen…
@CDV: Mehr essen, weniger rauchen.
@Silke: …und ist gut für die Partnerschaft.
@Klaus: Guter Hinweis! “coitus interruptus” erlangt so eine ganz neue Interpretation.
@Limone: Muss nicht. Die wollen aber, brauchen das Gefühl unersetzbar zu sein, Motto: ohne mich läuft nix!
Roman
Ober- und Unterschicht, was soll denn das für ein Mist? ;-) Typische, eingekerbte Denkweise, dass sich der “westliche Mensch” nach seiner beruflichen Laufbahn einsortieren lassen soll. Es ist eine Frage des Lebensstils, welche Rolle gewählt wird. Nicht umgekehrt. Einmal mehr verwechselt hier ein “Oberschichtler” namens Adam Form und Inhalt.
Natürlich ist es bequemer, etwas mehr Geld zu haben. Aber längst nicht alle Menschen sind bereit, dafür einen derart hohen Preis zu bezahlen und wählen daher eine Rolle aus der “Unterschicht”. Zu Gunsten einer echten Lebensqualität, statt einer versnobten Oberschichtlerei. Da klingt selbstverständlich ein starkes Stück Eifersucht mit – ich bin nämlich Unterschichtler ;-)
Jochen Mai
Um diese Uhrzeit noch so viele Kommentare… Seid Ihr alle verrückt (mich eingerechnet)??? Morgen ist erst Freitag, nix Wochenende!!!
@Roman: Der verwechselt doch nichts, der spitzt zu. Und ich gebe ihm da durchaus Recht. Die Leute, die im Flieger, in der Bahn, im Café, am Strand sofort ihr Laptop aufklappen, die schon an der Bushaltestelle oder beim Joggen per Blackberry E-Mails checken, die neben Outlook auch Xing, Twitter und das noch nicht erfundene Plapprr bedienen können – das sind nicht Erna Kasuppke und Karl-Heinz Schlonz aus Rheda-Wiedenbrück. Das sind die Typen, die mir immer wieder Interviews geben und die mich auf der Autobahn im 5er BMW oder A6 überholen.
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Dirk Deimeke
Ich finde das hochinteressant. Vor allem aber zeigt es, dass die Unterschicht das lebenswertere Leben hat …
Gerhard Zirkel
:) Also ob das Lesen dieses Blogs zur Arbeit gehören würde – ist doch Vergügen!
Ich gehöre auch zu den Selbstständigen und habe keinen Feierabend weil es für mich die Trennung zwischen Beruf (=schlecht) und Freizeit (=gut) gar nicht mehr gibt. Warum auch, ich habe nur ein Leben und sehe keinen Grund es in zwei Teile zu teilen.
Da kann es schon mal vorkommen dass ich zwischen zwei Kundenterminen die Wäsche aufhänge oder Vormittags gemütlich am See liege und Abends arbeite.
Immer erreichbar bin ich übrigens nicht und war das auch noch nie. Meine Handynummer kennen nur ganz wenige Menschen und meine Kunden gehören überwiegend nicht dazu.
Ich finde es auch äußerst unhöflich mit jemandem telefonieren zu müssen, der gerade im Auto sitzt und gleichzeitig Brotzeit macht weil er so im Stress ist. Dabei kann niemals ein vernünftiges Gespräch herauskommen.
Gerhard Zirkel
Hermann
Und was macht die Bäckereifachangestellte mit ihre vielen Freizeit?
Vielleicht sitzt sie gerade vor Ihrem PC, checkt Ihre eMails, liest in Ihren Lieblings-Blogs und chattet mit Ihren Freunden.
Will sagen – bei vielen sieht der Feierabend nicht anders aus,
nur mit dem Unterschied die tuns freiwillig.
Anastasia
Dabei geht es doch nicht nur um Erreichbarkeit. Im IT-Bereich zum Beispiel muss man sich ständig über die neuen Technologien, Ansätze, Entwicklungen usw. informieren. Oder man arbeitet einfach auch mal abends. Da wird der Feierabend ja zum Luxus, leider… Aber dann freue ich mich darauf, zwischendurch Ihr Blog zu lesen!
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Renate
Wirklich amüsant. Liest sich gut. Sehr schön formuliert – manchmal auch etwas provokant, aber durchaus lesenswert. Ich lese die “Karrierebibel” übrigens auch in der Freizeit. :-) Also auch eine von den “Wahnsinnigen”, die nicht abschalten können, ständig erreichbar und immer auf dem neuesten Stand sein wollen.
Jochen Mai
@Renate: Auch “wahnsinnige” Stammleser freuen mich sehr.
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