Vielleicht kauen Sie gerade einen Kaugummi. Dann geht es Ihnen sicher, wie den meisten Menschen: Mit der Zeit hat man das Gefühl, das Ding wird im Mund immer kleiner. Stimmt ja auch. Aber hätten Sie auch gedacht, dass Sie das ganz anders wahrnehmen, wenn Sie Hunger haben?

Zurzeit herrscht ja Fastenzeit. Und all jene, die Fasten schwärmen immer wieder: Hungern erhöhe die Sensibilität für Gerüche und Geschmäcker. Selbst ein Stück Apfel werde zum Festmahl, habe man vor dem Verzehr nur ausreichend gefastet. Aber lässt sich das auch wissenschaftlich belegen? Das fragten sich jetzt die Würzburger Sozialpsychologen Sascha Topolinski und Philippe Türk Pereira – und entdeckten dabei ein paar bemerkenswerte Zusammenhänge.

In insgesamt vier Experimenten wollten die beiden Forscher herausfinden, ob Hunger die Wahrnehmung tatsächlich beeinflussen kann, insbesondere die Größenwahrnehmung im Mund. Was eher nach einem Party-Gag klingt, ist tatsächlich eine interessante Frage, denn es gibt dazu recht widersprüchliche psychologische Theorien. Was also machten die Wissenschaftler?

Experiment 1: Trinkhalme schätzen

Hierbei sollten 30 Freiwillige drei Stunden lang keine Nahrung zu sich nehmen (Hunger! Kontrollgruppe aß vorher, war also satt). Dann mussten sie blind die Länge von handelsüblichen Trinkhalmen schätzen, die vorher in drei Zentimeter lange Schnipsel geschnitten worden waren. Aber mit dem Mund! Ergebnis: Die hungrigen Teilnehmer schätzten die Röhrchen im Schnitt 0,4 Zentimeter länger ein als die satten Probanden. Mehr noch: Je mehr Hunger die Probanden hatten, desto größer schätzten sie das Plastikstück ein.

Experiment 2: Kaubonbons schätzen

Gleicher Versuch, diesmal mit 50 neuen Freiwilligen und mit kleinen länglichen Kaubonbons von 3,8 Zentimetern Länge. Und diesmal durfen die Teilnehmer sie sogar nach der Größenschätzung essen. Resultat: Wieder schätzen die Hungrigen das Bonbon im Schnitt 0,3 Zentimeter länger ein als die Satten.

Experiment 3: Unterschiedliche Längen

Jetzt sollten 60 Probanden mehrere verschieden lange Trinkhalme nacheinander beurteilen und mit dem Mund “messen”. Wieder überschätzten die Hungrigen die Länge. Jedoch nur anfangs. Mit der Zeit aber verschwand der Effekt was die Forscher als Hinweis werteten, dass die Überschätzung durch Hunger mit Sensibilität zu tun hat. Das aber wollten sie genauer wissen und starteten…

Experiment 4: Kaugummi kauen

Nun traten 44 Freiwillige gegeneinander an – hungrige und satte in gleicher Zahl. Allerdings bekam ein Teil von ihnen vorab einen Kaugummi zu kauen. Effekt: Der verstärkte den Hunger zwar, das Kauen aber desensibilisierte zugleich den Mund. Resultat: Hungrige und satte Probanden, die zuvor Kaugummi gekaut hatten, schätzten die Testobjekte ähnlich groß ein. Ohne Kaugummi indes überschätzten die Hungrigen noch immer die Objekte im Mund.

Was das für die Fastenzeit bedeutet?

Laut den Psychologen macht Hunger den Mund tatsächlich empfindlicher und lässt uns Dinge darin größer einschätzen. Auch Kaugummi, aber eben nur anfangs.