Fachkräftemangel: Hier gibt es ihn wirklich
Fachkräftemangel - ein Reizwort, für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Unternehmen klagen über schlechte (oder gar keine) Bewerber, langjährige Arbeitssuchende fühlen sich von Politik und Medien dagegen eher verschaukelt. Gibt es den Fachkräftemangel wirklich? Antwort: Ja, aber nur in ganz wenigen Branchen und Regionen Deutschlands ...

Fachkräfte: Alle da

„Ein flächendeckener Fachkräftemangel ist in Deutschland nicht zu beobachten.“ Das ist die Kernaussage einer aktuellen Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie deckt sich damit unter anderem mit den Einschätzungen der Bundesagentur für Arbeit, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Der Fachkräftemangel - er ist gar keiner. Zumindest nicht in der Fläche, denn einzelne Branchen und Regionen, in denen die Personalgewinnung extrem schwer ist, die gibt es schon. Und es gibt außerdem eine große Ausnahme: die Gesundheits- und Pflegebranche. Sie ist momentan der einzige Wirtschaftsbereich, in dem es deutschlandweit laut BAMF schwierig bis unmöglich ist, neues qualifiziertes Personal zu akquirieren.

Noch mal ein Schritt zurück: Was ist überhaupt unter Fachkräftemangel konkret zu verstehen? Generell fließen in die Definition verschiedene Kriterien ein, unter anderem die branchenspezifische Altersstruktur, Arbeitslosenquote und Vergütungsstruktur. Ein wichtiger Indikator ist die Vakanzzeit, die die Dauer angibt, bis eine offene Stelle wieder besetzt wird.

Wann spricht man von einem Fachkräftemangel?

Von einem Fachkräfteengpass spricht die Bundesagentur für Arbeit daher, wenn ...

  • die durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit im betrachteten Beruf um mindestens 40 Prozent über den Vakanzzeiten aller Berufe liegt,
  • auf 100 Stellen im Bestand der Bundesagentur für Arbeit weniger als 300 gemeldete Ar- beitslose kommen und
  • die durchschnittliche Vakanzzeit in dem betrachteten Beruf um mindestens zehn Tage gegenüber dem Referenzzeitraum des Vorjahres gestiegen ist.

In einem Bundesland liegt wiederum ein Fachkräftemangel dann vor, wenn ...

  • die regionale Vakanzzeit mindestens 40 Prozent über dem Bundesdurchschnitt aller Berufe liegt und es weniger als 150 Arbeitslose je 100 gemeldete Stellen gibt oder
  • es weniger Arbeitslose als gemeldete Stellen gibt.

Kommen dagegen 300 Arbeitslose auf 100 bei der BA gemeldete Stellen im jeweiligen Beruf, spricht man lediglich von "Anzeichen für einen Fachkräfteengpass". Bedeutet: Auch in Mangelberufen sind Sie als Arbeitssuchender nicht zwingend in der Lage, den Unternehmen Ihre Bedingungen diktieren zu können - Ihre Konkurrenz ist zwar deutlich kleiner, aber nicht komplett verschwunden. Gibt es mehr als 300 Arbeitslose pro 100 Stellen oder liegt die Vakanzzeit unter dem Bundesdurchschnitt für alle Berufe, liegt auch offiziell "kein Fachkräftemangel" vor.

Was ist eigentlich eine Fachkraft?

Als Fachkraft definiert die Bundesagentur Personen, die eine mindestens zweijährige Berufsausbildung absolviert haben. Als Spezialist gelten Meister, FH- und Uni-Absolventen, als Experte Personen mit mindestens vierjähriger Hochschulbildung. Grundsätzlich ist Deutschlands Arbeits- mittlerweile ein Fachkräftemarkt, auf dem es für Geringqualifizierte immer weniger Bedarf gibt. Fachkräfte stellen hierzulande bereits 86 Prozent aller Arbeitskräfte. Diese Tendenz hat sich in den letzten Jahren verfestigt und nimmt weiter zu.

Wo gibt es nun wirklich einen Engpass an qualifiziertem Personal? Laut BA aktuell hier:

Fachkräftemangel: Hier gibt es ihn wirklich

Bundesland Berufsgruppe Qualifikationsniveau
Baden-Württemberg Metallbau und Schweißtechnik Spezialist
Hochbau Spezialist
Informatik Spezialist
Bayern Hochbau Spezialist
Informatik Spezialist
Softwareentwicklung und Programmierung Spezialist
Berlin - -
Brandenburg Metallbau und Schweißtechnik Fachkraft
Nichtärztliche Therapeutenberufe Spezialist
Bremen Metallbau und Schweißtechnik Fachkraft
Ver- und Entsorgung Fachkraft
Hamburg Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schiffbautechnik Fachkraft
Hessen Verkauf (ohne Produktspezialisierung) Experte
Steuerberatung Fachkraft
Mecklenburg-Vorpommern - -
Niedersachsen Metallbau und Schweißtechnik Fachkraft
Ver- und Entsorgung Fachkraft
Nordrhein-Westfalen - -
Rheinland-Pfalz Chemie Fachkraft
Saarland - -
Sachsen Feinwerk- und Werkzeugtechnik Fachkraft
Sachsen-Anhalt - -
Schleswig-Holstein Fahrzeug-, Luft-, Raumfahrt- und Schiffbautechnik Fachkraft
Thüringen Metallerzeugung Fachkraft
Metallbau und Schweißtechnik Fachkraft
Techn. Zeichen, Konstruktion, Modellbau Spezialist
[Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2015]


Außerdem zeigen die Daten, dass sich ein Fachkräfteengpass auch wieder in Luft auflösen kann. So gibt es Berufe, die von Dezember 2013 bis Juni 2014 durchgängig als "Engpassberuf" gelistet waren, mittlerweile aber wieder aus der Kategorie verschwunden sind. Vor allem die Unternehmen in Baden-Württemberg können ihren Bedarf demnach wieder besser decken, denn KEINEN Fachkräftemangel mehr gibt es im Südwesten in ...

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