Berufe ohne Schulabschluss: Es gibt sie!

Kein Schulabschluss, keine Perspektive: Diese Gleichung war lange Zeit gültig. Und man steigt als Schulabbrecher auch weiterhin nicht zum Daimler-CEO auf, sondern wird vom Arbeitsmarkt abgestraft. Ein Schulabschluss, das ist jawohl das Mindeste! Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Die Perspektiven für Abbrecher, Ungelernte und Geringqualifizierte werden in Wahrheit besser. Berufe ohne Schulabschluss: Das sind sie…

Berufe ohne Schulabschluss: Es gibt sie!

Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Schulabschluss?

Leider sehr hoch. Ungelernte stellen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die Hälfte aller Arbeitslosen in Deutschland. Von allen Erwerbspersonen machen sie dagegen nur 15 Prozent aus, von den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sogar nur zehn Prozent.

Positiv könnte man jetzt einwenden: immerhin zehn Prozent! Die Botschaft lautet: Ungelernte sind keinesfalls zu lebenslangem Hartz IV verdammt. Es gibt Jobs für sie.

Wichtig: Ungelernte sind nicht immer gleichbedeutend mit Schulabbrechern. Allerdings sind junge Menschen ohne Schulabschluss natürlich besonders gefährdet, keinen Berufsabschluss zu erzielen. Die Ungelerntenquote lag 2016 in der Gruppe der 20- bis 34-jährigen Schulabbrecher laut Berufsbildungsbericht 2018 der Bundesregierung bei 70,1 Prozent.

Mit steigendem Schulabschluss sinkt sie. Bei Hauptschülern liegt die Ungelerntenquote bei 32,8 Prozent, bei Realschülern bei 9,8 Prozent und bei Abiturienten nur bei 5,1 Prozent.

Welche Rolle spielt die Region bei der Stellensuche?

Nein, glänzende Perspektiven hat ein Bewerber ohne Schulzeugnis nirgends. Aber es macht durchaus einen Unterschied, ob er in Flensburg oder München auf Stellensuche geht. Die Arbeitsagentur schreibt: „Je höher die Gesamt-Arbeitslosenquote in einer Region, desto größer sind die Abstände zwischen den qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten.“

Das bedeutet übersetzt: Dort, wo es ohnehin viele freie Stellen und kaum Arbeitslose gibt, haben auch Bewerber ohne Schulabschluss bessere Karten. Ergo kommen sie in starken Regionen wie Baden-Württemberg oder Bayern eher in Lohn und Brot als in strukturschwachen wie Mecklenburg-Vorpommern oder dem Ruhrgebiet.

Beispiel Gelsenkirchen: Hier gibt es die bundesweit höchste Arbeitslosenquote mit 14,7 Prozent. Während die Arbeitslosenquote für Akademiker 3,8 Prozent beträgt, liegt sie für Personen mit beruflichem bzw. schulischem Berufsabschluss bei 7,5 Prozent und bei jenen ohne Berufsabschluss bei 39,9 Prozent. Die höchste Arbeitslosenquote für Ungelernte weist der Landkreis Mansfeld-Südharz auf – 55,6 Prozent.

Was erwarten Arbeitgeber?

Bei der Hälfte der gemeldeten Lehrstellen erwartet der Arbeitgeber laut Berufsbildungsbericht mindestens einen Hauptschulabschluss. 36,8 Prozent der Ausbildungsstellen richten sich an Azubis, die mindestens einen Realschulabschluss vorweisen können.

In 7,2 Prozent der Fälle möchte er mindestens die Fachhochschulreife auf dem Zeugnis sehen und in 1,5 Prozent sogar die allgemeine Hochschulreife. Nur in 0,1 Prozent der Fälle erwartet der Arbeitgeber nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Das entspricht insgesamt 471 Ausbildungsstellen.

Dabei handelt es wohlgemerkt um die Minimalbedingungen. Am Ende entscheiden sich viele Unternehmen doch für den Bewerber mit dem höheren Abschluss und den besseren Noten. So verfügen de facto 42,8 Prozent der Neu-Azubis über einen Realschulabschluss, 25,3 Prozent über einen Hauptschulabschluss und 3,1 Prozent über keinen Hauptschulabschluss.

Der Anteil der Azubis ohne Schulabschluss bewegt sich damit seit 2009 im Bereich von drei Prozent.

Aber: Die Vermutung liegt nahe, dass sich diese Quote in Zukunft erhöhen könnte. Das liegt zum Einen daran, dass mehr Ausländer (Flüchtlinge) ohne Vorbildung auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen. Und zum Zweiten, dass es im Niedriglohnbereich eine wachsende Zahl von unbesetzten Stellen gibt, zum Beispiel im Sicherheitsbereich, Handwerk, Gastronomie usw. Dazu gleich mehr…

Ausbildungsberufe: Wo bekomme ich ohne Schulabschluss eine Lehrstelle?

Die Tendenz ist klar: Immer mehr Ausbildungsplätze in Deutschland bleiben unbesetzt. Das ist sowohl im Westen als auch im Osten der Fall. So blieben laut Berufsbildungsbericht zuletzt 48.900 Stellen unbesetzt. Auf der anderen Seite fanden 23.700 Bewerber keinen Ausbildungsplatz. Wie kann das sein?

Experten sprechen von Versorgungs-, Besetzungs- und Passungsproblemen. In der Praxis gibt es in manchen Berufen zu viele Bewerber, in anderen zu wenige. Manchmal sind die Bewerber als Lehrlinge nicht zu gebrauchen (z.B. weil sie kein Deutsch sprechen), manchmal sind die Betriebe zu anspruchsvoll. Und manchmal gibt es in einer bestimmten Region zu viele Bewerber und in der anderen zu wenige.

Eine Vielzahl von Gründen, die Bewerber ohne Schulabschluss aber auch strategisch für sich nutzen können. Zum Beispiel, indem sie sich in der „richtigen“ Region und im „richtigen“ Beruf bewerben – nämlich da, wo die Konkurrenz geringer ist.

Beispiele: Von den Azubi-Plätzen zum Gerüstbauer blieb zuletzt fast jeder vierte unbesetzt. Von denen zum Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk sogar mehr als jeder Dritte. Das enstpricht immerhin 3.667 Stellen. Warum nicht in diesem Bereich eine Bewerbung wagen?

Berufe ohne Schulabschluss: In welchen Branchen gibt es sie?

Faustregel: Ungelernte müssen sich im Job mehr beweisen als andere. Aber wenn sie Fleiß, Ausdauer, gute Umgangsformen und Lernbereitschaft mitbringen und dauerhaft an den Tag legen, können sie Arbeitgeber von sich zu überzeugen.

Vor allem in Branchen, in denen körperlich gearbeitet wird:

  • Gastronomie
  • Reinigungsbranche
  • Handwerk
  • Versandhandel und Lagerlogistik
  • Bauwirtschaft
  • Landwirtschaft
  • Sicherheitsbranche
  • Gartenbau
  • Gesundheitswirtschaft

Ohne Schulabschluss: Hier entstehen Jobs

Engpässe sind nicht nur in der IT-Branche ein Thema. Auch die Speditionen stöhnen. So stieg laut der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der offenen Stellen für Berufskraftfahrer innerhalb von fünf Jahren bundesweit um 44 Prozent auf zuletzt knapp 16.000. Zugleich ging die Zahl der Arbeitssuchenden für diese Stellen um rund 30 Prozent zurück.

Und: In den kommenden 15 Jahren gehen zwei Drittel der heutigen Fahrer in Rente. Für Bewerber ohne Schulabschluss tun sich hier Möglichkeiten auf – es sei denn, selbstfahrende Brummis kommen schneller als gedacht…

Auch Paketfahrer werden händeringend gesucht. Grund: der boomende Online-Handel. DHL, Hermes oder DPD können Tausende Stellen nicht besetzen. Allein die Deutsche Post will bis 2020 rund 10.000 neue Jobs schaffen – davon dürfte ein gar nicht so kleiner Teil an Geringqualifizierte gehen.

Legende ist der Arbeitskräftemangel auch in der Gastronomie, zum Beispiel unter Kellern und Köchen. Ohnehin Chancen gibt es für Bewerber ohne Schulabschluss als Hilfskräfte, Leiharbeiter, Lager- oder Security-Mitarbeiter.

Das sind die bestbezahlten Jobs für Ungelernte

Laut Gehaltsplattform gehalt.de sind das die bestbezahlten Jobs für Ungelernte. Allerdings stammt die Auswertung noch aus der Zeit vor dem gesetzlichen Mindestlohn. Auch für Arbeitnehmer ohne Schulabschluss gehen die Gehälter seitdem nach oben…

  • Call-Center-Agent: 2.301 Euro
  • Versandmitarbeiter: 2.182 Euro
  • Berufskraftfahrer: 2.099 Euro
  • Mitarbeiter in der Lagerwirtschaft: 2.069 Euro
  • Kassierer: 1.713 Euro
  • Automatenbefüller: 1.630 Euro
  • Kurierfahrer: 1.621 Euro
  • Kellner: 1.566 Euro
  • Reinigungskraft: 1.464 Euro
  • Taxifahrer: 1.430 Euro
  • Produktionsarbeiter: 1.422 Euro
  • Müllfahrer: 1.320 Euro
  • Sicherheitsfachkraft: 1.229 Euro
  • Autowäscher: 1.048 Euro
[Quelle: gehalt.de]
[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
12. Mai 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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