Am ersten Tag der Schöpfung kam Gott auf die Idee mit dem Licht. Solchen Eingebungen sollte man folgen, denn die ersten sind oft die besten: Ohne Licht gäbe es auf der Erde heute wohl kein Leben. Jedenfalls nicht das, was sich Gott damals darunter so vorstellte.
Wir Menschen tun uns mit solcher Innovation ungleich schwerer. Ein lichter Moment, die zündende Idee – für unsereins ist sie oft ein lange währendes Martyrium. Gemeinerweise sogar meist dann, wenn man sie am nötigsten braucht. Etwa in einer Krise. Wie aber fördern diejenigen, die von Berufswegen regelmäßig kreativ sein müssen, ihren Einfallsreichtum?
Die Frage wurde schon häufig gestellt und ebenso häufig beantwortet. Manchmal sogar befriedigend. Auch von der Harvard-Professorin Teresa Amabile, die sich mit diesem Problem seit mehr als einem Vierteljahrhundert beschäftigt. Sie begann etwa vor einer guten Dekade unter anderem damit rund 12.000 Tagebucheinträge von 238 Menschen auszuwerten, die an kreativen Projekten in verschiedenen Industrien mitwirkten. Diese untersuchte sie auf kreative Gedanken und den genius loci – und heraus kam einiges, was an den Mythen über Kreativität kräftig rüttelt:
- Mythos 1: Kreativität lässt sich verorten. Viele Chefs, die Amabile vor Beginn ihrer Studie befragte, sagten, sie wünschten sich vor allem mehr Einfallsreichtum im Marketing oder in den Forschungsabteilung, jedoch auf keinen Fall in der Buchhaltung. Das sind gefährliche Stereotypen! Dahinter steckt die Idee, manche Mitarbeiter seien kreativ, andere nicht. Manager aber sollten nicht versuchen, Kreativität in ein Ghetto zu sperren, sondern jeden Mitarbeiter zu genialen Ansätzen ermutigen – auch Controller. Tatsache ist: Um internen Gedanken eine Frischzellenkur zu verpassen, braucht es weniger Expertise, aber umso mehr Aufgeschlossenheit.
- Mythos 2: Geld fördert gute Ideen. Schlechte Nachrichten für Prämien-Liebhaber: In den Tagebüchern fand die Wissenschaftlerin, dass Mitarbeiter in ihrer täglichen Arbeit nur selten über ihre Bezahlung nachdachten. Und diejenigen, die es taten, waren weitaus weniger kreativ. Mit Prämien oder mehr Gehalt lassen sich Synapsen nicht anregen. Tatsächlich war den überdurchschnittlichen Erfindern viel wichtiger, dass ihre Ideen anerkannt und unterstützt wurden. Für Manager heißt das: Sie müssen einen Mittelweg finden zwischen fordern und fördern. Wenn die geforderte Arbeit die Fähigkeiten der Mitarbeiter übersteigt, frustriert sie das. Sind sie zu gut ausgebildet, langweilen sie sich. Beides steht dem kreativem Denken im Weg.
- Mythos 3: Zeitdruck fördert Kreativität. Falsch! Amabiles Testgruppe war stets besonders unkreativ im Wettlauf gegen die Zeit. Extreme Zeitnot behinderte sie sogar, weil die Gelegenheit fehlte, sich mit einem Thema intensiv auseinander zu setzen und Ideen reifen zu lassen. Effekt: Selbst wenn der Druck nachließ, waren die die Mitarbeiter an den darauf folgenden Tagen weitaus weniger produktiv als gewöhnlich.
- Mythos 4: Wettbewerb belebt den Geist. Von wegen. Wettbewerb belebt vielleicht das Geschäft. Interner Konkurrenzdruck aber hemmt Innovationen. Nach Amabiles Studie leidet die Kreativität besonders stark, wenn Teams untereinander konkurrieren statt zusammenzuarbeiten. Die geistreichsten Gruppen waren immer diejenigen, die genug Vertrauen zeigten, um Einfälle zu diskutieren und auszutauschen.
- Mythos 5: Angst fördert Geistesblitze. Manchmal stimmt das. So manche Not hat Menschen erfinderisch gemacht. Aber das sind die Ausnahmen von der Regel. Mehrheitlich blockert Angst, weil unser Hirn dann seine Leistungskraft auf Urreflexe reduziert: Flucht, Angriff, Erstarren. Die meisten Tagebuchschreiber waren jedoch schöpferischer, wenn sie ausgeglichen und glücklich waren.
Die Quitessenz daraus: Stimulieren lässt sich Innovation am ehesten, indem Mitarbeitern möglichst viel Freiheit in der Ausgestaltung ihrer Arbeit bekommen. Man kann ihnen sagen, welchen Berg sie besteigen sollen – aber wie sie das machen, sollte den Leuten selbst überlassen bleiben. Besonders wichtig: Die Führungskräfte müssen neue Ideen wertschätzen, selbst Vorbild sein und die kreative Gruppe vor Widerständen innerhalb der Organisation schützen. Dann kommt der Lichtblitz vielleicht sogar tatsächlich über Nacht.







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