Kompromisslosigkeit, immer der Beste sein zu wollen – das kann enorm motivieren. Häufiger aber führt es in einen Teufelskreis: Egal, was man erreicht, es ist nie genug. Die Suche nach Perfektion ist eine ewige Jagd, die niemals endet und deshalb oft in vermindertem Selbstvertrauen mündet oder dafür sorgt, dass man sich an Erreichtem nicht mehr freuen kann. Das Glück – es ist einem immer einen Schritt voraus.
Nicht selten verbirgt sich hinter der Perfektionssucht das unerfüllte Verlangen nach Beachtung oder Beifall, der Wunsch nach mehr Kontrolle und der Versuch, sich vor Schimpf und Schande zu schützen. Oft sind Perfektionisten willensstarke Menschen mit harter Schale aber äußerst sensiblem Kern. Verstehen Sie mich nicht falsch: Stets sein Bestes zu geben und die Latte jedes Mal höher zu legen, ist nichts Falsches. Aber daraus entsteht leicht eine Abwärtsspirale aus Streben und Scheitern.
Ein wichtiger Schritt aus dieser Falle ist, zu erkennen, dass die Erwartungen (an sich oder andere) womöglich unrealistisch hoch oder unzumutbar sind. Fünfe auch mal gerade sein zu lassen, zeugt ebenfalls von Größe. Der zweite Fehler der Perfektionisten: Sie denken in Schwarz-Weiß-Kategorien. Wer nicht perfekt ist, wird automatisch zum Verlierer. Bei dieser Sicht erhalten aber menschliche Fehler ein zu großes Gewicht. Folge: Perfektionisten versuchen vorrangig Fehler zu vermeiden, werden zunehmend risikoaverser und kontrollsüchtiger – bis sie nur noch auf der Stelle treten. Die britische Sängerin Mel C sagte mal von sich: „Ich war nie mit mir zufrieden, nichts erschien mir gut genug. Ich wollte immer perfekt sein. Am Schluss blieb mir nur der Gang zum Therapeuten.“ Etwas Imperfektion spart sogar Geld.
Damit Sie nicht in dieselbe Falle tappen, heute 11 Tipps für mehr Imperfektion:
- Behalten Sie das Große Ganze im Auge. Viele Perfektionisten verzetteln sich in Details. Effekt: Das Projekt dauert länger als es sollte und die Sache wächst ihnen schließlich über den Kopf. Detailliebe führt nur zu einem Tunnelblick.
- Seien Sie gnädig mit sich selbst. Hören Sie auf, sich selbst zu zerfleischen, wenn etwas mal nicht geklappt hat wie geplant. Laborieren Sie nicht an dem, was Sie eh nicht können, sondern stärken Sie lieber Ihre Stärken. Chronische Selbstzweifel ziehen nur runter und machen Sie mit jedem Mal unsicherer. Minderwertigkeitskomplexe beginnen so.
- Hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen. Jeder kann etwas – und manche eben etwas besser als andere. Talente sind nunmal ungleich verteilt. Ihre Aufgabe ist aber nicht, für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern das Beste aus Ihren eigenen Begabungen zu machen. Das reicht doch schon, oder?!
- Setzen Sie realistische Erwartungen. Kein Mensch wird von Ihnen Wunder erwarten. Warum also Sie? Es reicht, dass Sie versuchen, Ihre Sache gut zu machen. Oft reichen bereits 80 Prozent vom Optimum völlig aus, um sein Ziel zu erreichen. Die Gefahr ist sonst, wichtige Entscheidungen immer wieder aufschieben, bis alles so ist, wie man es gern hätte. Und das passiert nie oder der Zug ist längst abgefahren.
- Rechnen Sie damit, Fehler zu machen. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Deutsche Ingenieure vielleicht auch noch. Aber der Rest von uns muss damit leben, Fehler zu machen. Mehr noch: Aus Fehlern lernen wir oft mehr als aus Erfolgen. Sehen Sie sie also nicht als Feind, sondern als Chance. Ohne Fehler hätte Christoph Kolumbus zum Beispiel nie Amerika entdeckt.
- Bitten Sie um Hilfe. Keiner kann alles alleine schaffen. Es ist sogar ein Zeichen von Größe, seine eigenen Schwächen einzugestehen und an jenen Punkten um Hilfe zu bitten.
- Konzentrieren Sie sich auf das Hier und Jetzt. Wer das mögliche Scheitern bereits imaginiert, bevor er angefangen hat, läuft Gefahr, dass seine Sorgen zu selbsterfüllenden Prophezeihung mutieren. Man kann sich mit Vorahnungen auch verrückt machen.
- Lernen Sie, mit Kritik umzugehen. Es ist ein Irrglaube, dass Perfektion vor Kritik schützt. Es allen recht machen zu wollen, wirkt wie Nervengift: erst vernebelt es, dann lähmt es. Wer es versucht, wird sich zwangsläufig verzetteln, verliert sein Ziel aus den Augen und opfert obendrein sein Rückgrat. Wer sich jedem Widerstand beugt, besitzt weder Standfestigkeit noch Durchsetzungskraft. So jemand wird andere nie anleiten: Er wird bereits geführt – von allen!
- Analysieren Sie weniger. Man kann Probleme auch überanalysieren. Auch das ist eine Form von Detailversessenheit. Oder eine Form von Aufschieberitis: Aus Angst loslegen zu müssen und dann womöglich Fehler zu machen, wird einfach weiter analysiert. Nichts gegen gute Planung. Aber betrügen Sie sich dabei nicht selbst!
- Machen Sie es einfach. Den Satz dürfen Sie in seiner doppelten Bedeutung wörtlich nehmen: Legen Sie endlich los – und verkomplizieren Sie die Dinge nicht unnötig.
- Entspannen Sie sich. Bevor der Stress überhand nimmt, schenken Sie sich eine Auszeit. Perfektionisten neigen dazu, übermäßigen Druck aufzubauen – gegenüber sich oder ihrer Umwelt. Das macht nicht nur graue Haare, sondern auch unsympathisch.
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zeitblueten.com
Tolle Tipps!
Ich selbst neige oft bei bestimmten Aufgaben zur Perfektion – also bei einigen Aufgaben mache ich mehr, als verlangt bzw. bezahlt wird. Deshalb setze ich mir für diese Aufgaben bewusst ein straffes Zeitlimit oder lege sie knapp vor einem Termin. Damit erledige ich diese Aufgaben in der von mir knapp bemessenen Zeit so gut als möglich, aber nicht mehr. Das wirkt bei mir – naja, manchmal wenigstens :-)
Roland Kopp-Wichman
Gute Tipps. Aber wie bei allen gutgemeinten Tipps vernachlässigen Sie die Ursache der Perfektionismus-Falle. Gerade Perfektionisten kennen meist diese Tipps (perfekt wie sie sind), doch bleiben diese graue Theorie. Denn die Ursache ist nicht ein Mangel an Rezepten.
Aus meiner Sicht steckt hinter der Perfektionismus-Falle der Drang, etwas beweisen zu müssen. Etwas beweisen muss man aber nur, wenn man einem jemand etwas nicht zutraut! Es braucht ein Mißtrauen, das einem jemand entgegenbringt.
Ein schönes Beispiel für meine Argumentation liefert die Anzeige eines Internet-Wettbüros: “Sie glauben, etwas von Fussball zu verstehen? Beweisen Sie’s!” Wer darauf anspringt, landet schnell im Teufelskreis des Beweisen-Müssens, denn wann hat er bewiesen, dass er etwas davon versteht? Bei drei richtigen Ergebnissen? Bei dreissig – oder bei dreihundert? Die Falle besteht darin, dass es hier keine Ziellinie gibt.
Jochen Mai
@Roland: Ich empfehle die langfristige Lektüre dieses Blogs: Die Ursachen wurden hier bereits mehrfach beschrieben – unter anderem hier…
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Luisa B.
Hallo, ich muss gerade für die Schule eine Arbeit zum Thema Perfektionismus schreiben und wollte fragen, ob ich dafür das BIld dieser Seite verwenden darf, wenn ich den Weblink angebe.
Liebste Grüße,
Luisa
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