Labern Sie Ihre Idee nicht zu Tode

Das wird nur ein kurzer Impuls. Bei aller Begeisterung für Ihre Ideen: Reden Sie diese nicht zu Tode. Allen und jedem davon erzählen zu wollen, ist so, als wollten Sie mit dem Radio diskutieren. Vielleicht fühlen Sie sich danach besser, aber es ändert nichts. Sollte, könnte, hätte, würde… all das bringt Sie nirgendwo hin. Natürlich ist es wichtig, an die eigenen Ideen zu glauben (wenn Sie es schon nicht tun, wer sollte es dann?). Auch die Euphorie darüber ist nur menschlich. Aber Sie gewinnen keinen Preis allein mit dem Mund. So sehr wir uns nach Unterstützern, Verstehern und Claqueuren sehnen – sie setzen nichts für uns um. Walt Disney hat es einmal so formuliert: „Um anzufangen, müssen Sie aufhören zu reden – und anfangen.“ Recht hat er.

Labern Sie Ihre Idee nicht zu Tode

Hören Sie auf, Ihre besten Ideen zu killen!

Zu häufig landen eigene Ideen in der Ablage P unseres Großhirns. Weil wir sie nicht zu Ende denken, nicht gründlich genug betrachten, uns hinterher aus Scham selbst zensieren. Nicht gut.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Angestellter eines exklusiven Fitnessclubs. Ihr Club hat 40 Duschkabinen – 20 für Männer und 20 für Frauen – von denen jede mit einem sündhaft teuren Shampoo bestückt ist. Dieses Shampoo gibt es sonst nur in ausgewählten Friseusalons, Ihre Kunden sind ganz versessen auf das Luxus-Gimmick.

Unglücklicherweise aber kommen Ihnen die Shampoo-Flaschen mit schöner Regelmäßigkeit abhanden, die Klau-Rate liegt bei unerhörten 33 Prozent. Das ist für Ihren Club ein doppeltes Problem. Erstens bedeutet das einen nicht hinnehmbaren materiellen Verlust. Zweitens häufen sich die Beschwerden der (ehrlichen) Kunden; deren Frustration steigt ebenso wie Ihre.

Der Betreiber zieht nun alle Register, er ermahnt, droht, verkauft das Shampoo sogar zum Vorzugspreis an der Kasse. Alles ohne Erfolg. Noch immer stehlen viel zu viele Kunden die teuren Luxus-Flaschen aus der Dusche.

Jetzt bittet Sie Ihr Chef persönlich um Hilfe. Er sucht nach einer Lösung, die das Problem wohlgemerkt nicht reduziert oder minimiert, sondern komplett beseitigt. Die Lösung soll einfach, praktikabel und billig sein; den Kunden vor allem keine zusätzlichen Kosten und Unannehmlichkeiten aufbürden. Und natürlich soll das begehrte Haarwaschmittel weiterhin frei verfügbar sein. Was schlagen Sie Ihrem Chef vor? Nehmen Sie sich ruhig einmal fünf Minuten Zeit dafür.

Killer-Idee: Was würden Sie tun?

Zu den häufigsten Antworten zählen unter anderem:

  • Shampoo-Flaschen nur noch an der Rezeption beim Ein- und Auschecken ausgeben
  • Aufsichtspersonal einstellen
  • Kameras installieren
  • Sporttaschen beim Verlassen kontrollieren
  • Extra-Gebühr für das Shampoo erheben
  • Flasche irgendwie an der Wand befestigen
  • Shampoo in billigere Behälter umfüllen
  • Flaschen immer so leer wie möglich halten

Schön und gut. Das kann man alles machen. Aber jede dieser Ideen verletzt die Vorgaben – mal mehr, mal weniger – und erfordert zusätzliche Kosten oder Kontrollmechanismen. Eine elegante Lösung des Problems ist jedenfalls weit und breit nicht in Sicht.

Die Aufgabe stammt, so viel Ehrlichkeit muss sein, nicht von uns, sondern von Matthew May, einem amerikanischen Buchautoren und Berater. In seinem neuesten Werk „Winning the Brain Game“ beschreibt er, warum wir gewissermaßen falsch denken, warum wir so häufig unsere eigenen Ideen – und die der anderen – killen. May gebraucht dafür die sperrig-unschöne Wortschöpfung Ideacide, abgeleitet von Genocide, ein Ideen-Massaker sozusagen.

Ideacide: Ideen-Gemetzel

Zu den häufigsten Fehlern zählen demnach unter anderem …

  • Zusammenhänge verkomplizieren
  • Falsche oder voreilige Schlüsse ziehen
  • In alten Denkmustern festsitzen
  • Sich mit der B-Lösung zufriedengeben

Und ein Kardinalfehler: Wir sammeln nicht genügend Informationen, bevor wir uns auf Ideensuche begeben. So auch in diesem Fall: Warum stehlen die Besucher denn das Shampoo? Weil manche unehrlich sind, sicher. Aber vor allem, weil es sich um ein teures Produkt handelt, die Versuchung groß und die Gelegenheit günstig ist. Daher lautet die Lösung: Beseitige die falschen Anreize, nimm ihnen die Versuchung.

Deshalb: Entfernen Sie die Deckel der Shampoo-Flaschen. Alles andere bleibt, wie es ist. Niemand wird eine offene Flasche in die Sporttasche stecken, wenn die Flüssigkeit komplett auszulaufen droht.

In 4 Schritten zum Ideenretter

  1. Fragen stellen

    Erster Schritt: Die eigene Idee bzw. die Aufgabenstellung umreißen. Was sind die Fakten? Was ist wichtig, was muss bedacht werden? Was könnte noch eine Rolle spielen? Geben Sie nicht dem Bedürfnis nach, voreilige Schlüsse zu ziehen und Ad hoc-Antworten zu produzieren. Das sei ein Grundfehler, den wir aus Bequemlichkeit immer und immer wieder begehen würden. Nicht an der Oberfläche kratzen, sondern sich dem Kern der Aufgabe nähern. Also: Zunächst einmal Fragen stellen, statt sofort die erstbeste Antwort aus dem Hut zu zaubern. May nennt das Framestorming.

  2. Pro: 3 Gründe finden

    Welche drei (oder mehr) Gründe sprechen für meine Idee? Schreiben Sie sie auf. Aber denken Sie vorher lang, hart, intensiv darüber nach. Dieser Hinweis ist offenbar wichtig, denn May will festgestellt haben, dass sich speziell in Management-Kreisen Meditationsübungen mehr und mehr ausbreiten. Meditation ziele auf die Abwesenheit von Gedanken (obwohl sie sehr häufig selbst gute produziert). Problemlösung erfordere aber auch aktives Nachdenken. Meditieren Sie gerne, aber strengen Sie sich auch aktiv an!

  3. Contra: 3 Gründe finden

    Das gleiche Spielchen spielen, nur in der gegenüberliegenden Spalte. Seien Sie des Teufels Advokat und bennenen Sie drei oder mehr Gründe, die gegen Ihr eigenes Konzept sprechen. Das fällt uns in vielen Fällen deutlich leichter.

  4. Gewinn: 3 Schlüsse ziehen

    Aber auch die Cons haben in jedem Fall einen Lerneffekt zur Folge. Aber welche? Welche positiven Folgen könnte ein Scheitern oder die Ablehnung Ihrer Idee haben? Bitte ebenfalls aufschreiben. Vorteile der Herangehensweise: Man wendet den Fokus erstens von der Vergangenheit ab („Das hat doch noch nie funktioniert“) und richtet ihn klar in die Zukunft. Zweitens verfügt man nun über Argumente, mit denen man seine Idee präsentieren und diskutieren kann. Und drittens nimmt man in jedem Fall etwas Positives, neuen Input und Folgeideen mit in die nächste Runde. Einfach wegwerfen ist jedenfalls nicht die Lösung.

Eines Tages oder Tag eins

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
29. Oktober 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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