Selbstbehauptung lernen: So setzen Sie sich durch

Ein Gastbeitrag von Natalie Schnack

"Ich will endlich ernstgenommen werden", sagen sich viele Menschen, die ihre Interessen im Berufs- und Privatleben klarer und deutlicher vertreten wollen. Und gerade die, die ihre Ellenbogen nicht einsetzen können oder wollen, fühlen sich hier meist im Nachteil. Denn oft haben sie das Gefühl, sich dafür rücksichtsloses oder knallhartes Verhalten und dickes Fell angewöhnen zu müssen. Sie denken, dass sie laut sein müssen und jeden niederwalzen, der ihnen in die Quere kommt. Doch das muss nicht sein, Selbstbehauptung lässt sich auch sanfter lernen.

Selbstbehauptung auf Augenhöhe

Zwar wollen viele Menschen Selbstbehauptung lernen, gleichzeitig schrecken sie jedoch davor zurück, weil sie das Bild des kompromisslosen Ellenbogeneinsatzes im Kopf haben.

Dabei geht es beim Durchsetzen nicht unbedingt darum, als dominanter Sieger aus einer Auseinandersetzung oder einem Gespräch hervorzugehen. Denn wo ein Sieger ist, gibt es immer auch Verlierer. Das liegt nicht jedem. Und es geht auch anders!

Dem anderen auf Augenhöhe zu begegnen, ihn mit ins Boot zu holen, auch wenn er anderer Meinung ist, passt viel mehr in die heutige Zeit und ist wesentlich erfolgsversprechender. Die Gesetzmäßigkeiten dieser Art von Kommunikation lassen sich ausgezeichnet – und ganz einfach! - mit dem Status-Konzept verdeutlichen.

Das Status-Konzept: Wichtiger Teil der Selbstbehauptung

StockLite/shutterstock.comDas Status-Konzept stammt aus dem Improvisationstheater. Keith Jonstone, der Begründer des modernen Improvisationstheaters, hat es in seiner Arbeit mit Schauspielern entdeckt. Es beschreibt, dass Drama und Humor aus Situationen entstehen, in denen einzelne Spieler ihren eigenen sozialen Status gezielt senken oder erhöhen.

Im Improvisationstheater wird zwischen dem Hochstatus und Tiefstatus unterschieden. Diese Unterscheidung dient dazu, auf der Bühne klar zu machen, wer in der Szene dominiert, die Situation bestimmt und wer sich unterwirft. Doch Status spielt nicht nur auf der Bühne eine Rolle, sondern bestimmt unser ganzes Leben.

Jeder von uns hat sich schon mal klein und unbedeutend gefühlt, während uns der Gesprächspartner groß und wichtig vorkam – und anders herum. Das ist völlig normal. In der Kommunikation wird ständig darum gefeilscht, wer führt, wer folgt, wer dominiert, wer sich unterwirft.

In allem, was wir ausdrücken, also in der Art des Sprechens und in der Körpersprache, liefern wir neben dem Inhalt auch unser aktuelles Status-Verhältnis mit. Wir zeigen - non-verbal - wer führt und wer folgt. Holzschnittartig betrachtet läuft es so: Fühlt man mich "klein", befindet man sich im so genannten Tiefstatus. Ist man selbstsicher und fühlt sich seinem Gegenüber überlegen, ist man im Hochstatus.

Status, so wie er hier zu verstehen ist, hat nichts mit Hierarchie, Titeln oder Besitztümern zu tun. Sondern nur mit der eigenen Persönlichkeit und dem daraus resultierenden Verhalten. Er funktioniert also in allen Bereichen der Gesellschaft nach denselben Regeln. Natürlich kann man ihn nicht ganz von der gesellschaftlichen Rangordnung abkoppeln. Doch das ist nicht entscheidend. Der eigene Status hängt erheblich davon ab, wie man sich selbst sieht. Und zwar im Vergleich zu anderen Menschen.

Das Statusverhalten entsteht in unserem Inneren, für andere unsichtbar. Je nachdem wie wir eine Situation beurteilen, wie wir unseren Kommunikationspartner wahrnehmen und uns selbst in diesem Moment sehen, fällt unser Statusgefühl unterschiedlich aus. Nach außen senden wir durch unser Verhalten dann Signale, die auf Dominanz oder Anpassung abzielen.

Es ist also eine Strategie, um bewusst und unbewusst Ziele zu erreichen. Wir wählen die jeweilige Strategie danach aus, was wir in einer bestimmten Situation für nützlicher und erfolgversprechender halten. Doch wie entsteht dieses Statusverhalten?

Wir nehmen immer nur einen Ausschnitt der Realität wahr. Das Wahrgenommene wird durch unsere individuellen inneren Filter verarbeitet und bewertet. Diese Bewertung ist abhängig von...

  • unseren Werten und Glaubenssätzen.
  • dem, was wir über uns selbst denken.
  • unserer Einstellung zu anderen Menschen.
  • den Zielen, die wir verfolgen.
  • und den durch diese Bewertung entstehenden Emotionen.

Erst danach entscheiden wir, wie wir darauf reagieren. Nicht dass wir uns missverstehen: Sowohl Tief- als auch Hochstatus sind für eine eindeutige Kommunikation sehr wichtig. Die Frage ist nur, in welcher Ausprägung. Wer es mit der Dominanz übertreibt wird genauso wenig dauerhaft erreichen, als jemand der sich total unterwirft.

Der Augenhöhe-Status: Selbstbehauptung ohne Ellenbogen

Photographee.eu/shutterstock.comDeswegen habe ich neben den im Improvisationstheater genutzten Hoch- und Tiefstatus, den Augenhöhe-Status entwickelt: Statusverhältnis jenseits von Dominanzgehabe oder Unterwerfung.

Kennen Sie Menschen, die scheinbar mühelos Beziehungen aufbauen? Die sich behaupten, ohne auf dem anderen "herumzutrampeln"? Diese Personen, die eine Art natürliche Autorität haben und sehr angenehme Gesprächspartner sind, streben nach einem Status-Verhältnis, das ich Augenhöhe-Status nenne.

Denken Sie dabei an ein wirklich gutes Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin: Jeder erzählt abwechselnd, man lacht zusammen, ist "auf einer Wellenlänge", keiner bestimmt über den anderen, keiner muss sich unterordnen, beide fühlen sich wohl – das ist das Maßstab für ein Gespräch im Augenhöhe-Status. Das heißt, in jedem Gespräch, das Sie ab jetzt führen werden, achten Sie künftig darauf, inwiefern sich dieses Gefühl einstellt.

Nun hat man natürlich nicht zu jedem Gesprächspartner das gleiche herzliche Verhältnis wie zum besten Freund oder zur besten Freundin. Und dennoch ist das Ziel, diese Qualität – passend zur Situation und zu dem Kontext, in denen man sich begegnet – in möglichst jedem Gespräch zu erleben.

Für die Anwendung von Augenhöhen-Status gelten folgende Voraussetzungen:

  • Sie wissen, wer Sie sind, wo Sie stehen und was Sie wollen.
  • Sie wissen, in welchem Status-Bereich Sie sich wohl fühlen.
  • Sie gehen gelassen und entspannt mit sich selbst und anderen um.
  • Sie haben ein Gespür für die Situation und dafür, welches Statusverhalten aktuell angemessen ist entwickelt.
  • Sie zeigen unbedingten Respekt, sowohl sich selbst als auch Ihrem Gesprächspartner gegenüber.
  • Sie gehen unbeschwert und natürlich mit Status um – Sie haben Lust auf das Spiel mit dem Status, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen.
  • Sie Begreifen den Hochstatus als Möglichkeit zum Führen und des Tiefstatus als Möglichkeit zum Folgen und haben keine Angst davor, die ganze Status-Palette – Hochstatus und Tiefstatus – zu nutzen.
  • Sie sind bereit, sowohl die Führung zu übernehmen, ohne den anderen mit der Dominanz zu erdrücken, als auch entspannt dem anderen die Führung zu überlassen, ohne sich restlos zu unterwerfen.

Bei der Kommunikation auf Augenhöhe geht es darum, den Status-Unterschied zum Gesprächspartner möglichst gering zu halten, damit abwechselnde Führen und Folgen überhaupt möglich ist. Weil der Status von zwei Menschen niemals identisch ist, gibt es immer jemanden der führt – wie im Tanz zur zweit: Einer geht vor, der andere muss zurück und dann anders herum. Und wenn dieser gemeinsame "Tanz" richtig in den Fluss kommt, dann ist das Gespräch von Leichtigkeit geprägt und beide Partner gehen aufeinander ein.

Selbstbehauptung lernen: So funktioniert’s

Sich zu behaupten bedeutet standhalten, erhalten, bewahren, bestehen, aushalten. Das heißt: Sich nicht aus dem Konzept bringen lassen, sich nicht erschüttern lassen vom Verhalten anderer und sich nicht dazu verleiten lassen, einen respektvollen Umgang zu sich selbst und anderen aufzugeben. Kurzum: Es geht bei der Selbstbehauptung um Standing und Respekt.

Im Improvisationstheater spricht man vom Behaupten, wenn es darum geht, den Mut zu haben, eigene Ideen in die Szene einzubringen und konsequent zu verfolgen. Doch da ist man natürlich auf die Mitspieler angewiesen, denn wenn diese die Idee nicht akzeptieren, nicht unterstützen oder sogar sabotieren, verpufft die Idee im Niemandsland, egal wie toll sie war. Mit bloßer Dominanz kommt man da nicht weit. Es geht vielmehr darum, die anderen von der eigenen Idee zu überzeugen.

Wir finden die Menschen überzeugend, die...

  • für ihre Sache einstehen.
  • Ideen und Ziele durchdenken und trotzdem offen bleiben.
  • handeln, steuern und auf Kurs bleiben.

Dabei spielt zusätzlich zum Respekt auch die Sympathie eine große Rolle. Man gewinnt andere schneller für sich und die eigenen Ideen, wenn man auch gewinnend auftritt.

Wenn Sie sich also behaupten wollen, müssen Sie wissen, was Sie überhaupt erreichen möchten, und dann sich dafür einsetzen. Es geht darum, dass Sie die Verantwortung dafür übernehmen, wie andere Menschen mit Ihnen umgehen, wie Sie sich anderen gegenüber verhalten und dass Sie mit Ihren Anliegen gehört und ernst genommen werden.

Nun aber konkret. Stehen Sie vor einer Situation, in der Sie sich gegenüber anderen behaupten wollen? Dann habe ich folgende Tipps für Sie:

  1. Klären Sie Ihre Lebensrolle

    Jeder von uns erfüllt verschiedene Lebensrollen im Leben. Sie können ein Freund, ein Kollege, ein Vorgesetzter oder ein Sportkamerad sein, je nach Situation. Es gibt auch Rollenvermischungen. Jede Rollenkonstellation bringt ein bestimmtes Statusverhältnis mit sich. Wenn Sie zum Beispiel mit Ihrem Kollegen befreundet sind, werden Sie ihm anders begegnen, als wenn Sie ihn als Konkurrenten erleben.

  2. Sorgen Sie für das Gefühl der Augenhöhe

    Dazu sind folgende Überlegungen notwendig:

    • Wie stehen Sie zu sich: Wie denken Sie über sich? Was finden Sie an sich gut und was nicht? Für wie wichtig halten Sie sich in dieser Situation?
    • Wie stehen Sie zu Ihrem Gegenüber: Was denken Sie über diese Person? Was finden Sie an ihr gut, was weniger gut? Für wie wichtig halten Sie diese Person in dieser Situation? Fühlen Sie sich überlegen oder eher unterlegen.
    • Machen Sie sich klar, dass Sie in dieser konkreten Situation genauso wichtig sind, wie die anderen Personen. Das gleiche gilt für Ihr anvisiertes Ziel.
    • Bereiten Sie konkrete Argumente vor, die für Ihr Ziel sprechen.
  3. Behaupten Sie sich

    Wenn Sie sich behaupten wollen, dann in dem Sie jeder betreffenden Person auf Augenhöhe begegnen, respektvoll und positiv. Wenn Ihre Beziehung geklärt ist, ist die Basis für Ihr weiteres Vorgehen geschaffen. Legen Sie Ihre vorbereiteten Argumente auf den Tisch. Lassen Sie sich zu keinem Zeitpunkt dazu hinreißen, respektlos zu reagieren, ganz egal wie Ihre Ansprechpartner sich verhalten. Sie haben Ihr Ziel vor Augen und sind davon überzeugt. Also behaupten Sie sich! Auf Augenhöhe. Mit Win-Win.

Über die Autorin

Foto Natalie SchnackNatalie Schnack ist Wirtschaftsingenieurin und Sichtbarkeits-Coach. Sie unterstützt vor allem Introvertierte, sich auf ihre Art sichtbar zu machen und der Welt zu zeigen, was in ihnen steckt. Sie ist Autorin der Ratgeber "30 Minuten Selbstbehauptung" und "Leise überzeugen". Im Jahr 2015 hat sie die "Akademie für Introvertierte" gegründet.

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