Vielleicht haben Sie schon einmal von den Big Five gehört - oder dem Fünf-Faktoren-Modell in der Persönlichkeitspsychologie. Danach lässt sich, grob gesagt, jeder Charakter anhand der jeweiligen Ausprägung dieser fünf Haupteigenschaften bestimmen. Es sind: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Statt Persönlichkeiten wie früher üblich in "Typen" zu einzuordnen, entstehen mit den Big Five jedoch individuelle Persönlichkeitsprofile...

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Big Five: Psychology meets language

Der Versuch, Menschen anhand von charakterlichen Zuschreibungen in irgendeiner Form zu kategorisieren ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Bereits bei den alten Griechen gab es die Vier-Elemente-Lehre, die Menschen anhand der "Elemente" Wasser, Feuer, Luft und Erde bestimmten Charaktertypen zuordnet.

Die Anfänge der Big Five reichen zwar nicht ganz so weit zurück, haben aber einen völlig neuen Ansatz: Der britisch-amerikanische Psychologe Raymond Bernard Cattell wählte in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts einen lexikalischen Ansatz.

Dem psycho-lexikalischen Ansatz zufolge entwickelt die menschliche Sprache für alle persönlichen Merkmale, die in irgendeiner Form wichtig, interessant oder nützlich sind, spezielle Begriffe. Auch Gordon Allport und Henry Sebastian Odbert hatten 1936 bereits eine liste von 18.000 Adjektiven erstellt.

Sie filterten aus dieser Sammlung 4.500 Adjektive, die stabile, individuelle Persönlichkeitsmerkmale beschrieben. Cattells Verdienst liegt darin, in aufwendigen Berechnungen schließlich auf 16 Persönlichkeitsfaktoren reduziert zu haben (16 PF = 16 personality factors).

Den amerikanischen Psychologen Paul Costa und Robert McCrae gelang es schließlich (auch dank der aufkommenden Computerisierung) den Nachweis zu erbringen, dass fünf Faktoren jede Persönlichkeit ausmachen. Und zwar unabhängig davon, welche statistischen Methoden oder welche Fragebogeninstrumente zum Einsatz kommen oder auch in welchem Kulturraum getestet wird.

Der Begriff "Big Five" geht schließlich auf den amerikanischen Forscher Lewis Goldberg zurück, der die lexikalische Forschung fortführte. In den neunziger Jahren fingen europaweit verschiedene Persönlichkeitsforscher an, die Struktur jeweils auf ihre Sprache zu übertragen.

Big Five: Wie sich Persönlichkeit unterscheiden lässt

Im Englischen werden die fünf Persönlichkeits-Faktoren auch als OCEAN-Modell bezeichnet - ein Akronym, das sich auch den Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe zusammensetzt (Openness, Conscientiousness, Extraversion, Agreeableness, Neuroticism).

OCEAN-Modell-Big-Five-Grafik

So hören sich die Big Five und Charakterzüge vielleicht noch etwas kompliziert an. Daher die Erklärungen zu den einzelnen Eigenenschaften im Detail:

  1. Big Five: Offenheit für Erfahrungen

    (Openness) Personen mit hohen Offenheitswerten geben häufig an, dass sie ein reges Phantasieleben haben, ihre eigenen Gefühle - positive wie negative - deutlich wahrnehmen und an vielen persönlichen und öffentlichen Vorgängen interessiert sind. Sie beschreiben sich als...

    • wissbegierig
    • neugierig
    • intellektuell
    • phantasievoll
    • experimentierfreudig
    • künstlerisch interessiert.

    Menschen mit dieser starken Ausprägung sind eher bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neuartige soziale, ethische und politische Wertvorstellungen einzugehen. Sie sind unabhängig in ihrem Urteil, verhalten sich häufig unkonventionell und erproben neue Handlungsweisen und bevorzugen Abwechslung.

    Wer dagegen eine nur schwach ausgeprägte Offenheit besitzt, ist eher konservativ und vorsichtig und bevorzugt das Bekannte und Bewährte.

  2. Big Five: Gewissenhaftigkeit

    (Conscientiousness) Personen mit hohen Gewissenhaftigkeitswerten handeln...

    • organisiert
    • sorgfältig
    • planend
    • effektiv
    • verantwortlich
    • zuverlässig
    • überlegt.

    Diese Charakter-Ausprägung steht vor allem für Selbstkontrolle, Genauigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Zielstrebigkeit. Viele schreiben dieser Eigenschaft maßgeblichen Einfluss auf den späteren beruflichen Erfolg zu.

    Menschen, die weniger gewissenhaft sind, fallen durch einen unbekümmerten und tendenziell spontanen Lebenswandel auf. Man könnte auch sagen: Sie lassen Fünfe gerne mal gerade sein.

  3. Big Five: Extraversion

    (Extraversion) Das Hauptcharakteristikum von Personen mit hohen Extraversions- bzw. niedrigen Introversionswerten ist, dass sie gesellig sind. Sie beschreiben sich gerne als...

    • selbstsicher
    • aktiv
    • gesprächig
    • energisch
    • heiter
    • optimistisch.

    Extravertierte (umgangssprachlich auch "Extrovertierte") mögen die Gesellschaft von Menschen, sie fühlen sich in Gruppen und auf gesellschaftlichen Versammlungen besonders wohl, sie lieben zwischenmenschliche Kontakte, sind Meister des Netzwerkens und alles andere als scheu oder schüchtern.

    Umgekehrt: Introvertierte Menschen lieber allein, arbeiten möglichst für sich und unabhängig von anderen und sind wählerisch bei ihren sozialen Kontakten. Im Extrem können sie sogar regelrecht zurückgezogen und menschenscheu sein.

  4. Big Five: Verträglichkeit

    (Agreeableness) Ein zentrales Merkmal von Personen mit hohen Verträglichkeitswerten ist ihr latenter Altruismus. Sie begegnen anderen...

    • verständnisvoll
    • wohlwollend
    • kompromissbereit
    • mitfühlend

    Sie sind bemüht, anderen zu helfen, und überzeugt, dass diese sich umgekehrt ebenso eines Tages hilfsbereit verhalten werden. Sie neigen zu zwischenmenschlichem Vertrauen, zur Kooperation, zur Nachgiebigkeit, und sie haben ein starkes Harmoniebedürfnis. Konflikten gehen diese Menschen eher aus dem Weg oder geben öfter nach.

    Die Unverträglichkeit gibt es umgekehrt natürlich auch: Diese Menschen scheuen keine Konflikte, sondern gehen vielmehr gerne auf Konfrontationskurs. Das Leben ist für sie im Extrem ein einziger Wettbewerb und Konkurrenzkampf, in dem es nur Sieger und Besiegte gibt. Menschen mit niedrigen Verträglichkeitswerten sind daher tendenziell egozentrisch und misstrauisch anderen gegenüber.

  5. Big Five: Neurotizismus

    (Neuroticism) Personen mit hohen Neurotizismuswerten geben häufiger an, sie seien leicht aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen. Im Vergleich zu emotional stabilen Menschen berichten sie häufiger, negative Gefühlszustände zu erleben oder von diesen geradezu überwältigt zu werden. Sie berichten über viele Sorgen und geben häufig an...

    • erschüttert
    • betroffen
    • beschämt
    • unsicher
    • verlegen
    • nervös
    • ängstlich
    • traurig

    ...zu reagieren. Kurzum: Diese Menschen sind meist hochsensibel und stressanfälliger als andere. Obendrein hallen diese starken Emotionen auch noch länger bei ihnen nach.

    Allerdings wird Personen mit höheren Neurotizismuswerten auch eine höhere Empathie zugeschrieben.

Big Five English: Video

Die "großen Fünf" kommen nicht nur aus Amerika, wir haben hier auch ein Video auf Englisch für Sie. Es erklärt in kurzer Zeit, worauf es bei dem Persönlichkeitsmodell des Big Five ankommt:

Big Five: Ein Merkmal führt zum Erfolg

Was für eine Aussagekraft haben die Big Five nun und was bedeuten sie für die Arbeitswelt? Einige Forscher gehen davon aus, dass etwa 30 Prozent unserer Persönlichkeit durch die Umwelt beeinflusst werden, das heißt, der überwiegende Teil von 70 Prozent ist genetisch bedingt.

Andere sehen die Persönlichkeit eines Menschen zu 50 Prozent vererbt und zu 50 Prozent von der Umwelt beeinflusst. So oder so ändern sich die Ausprägungen später nicht mehr stark. Mit Erreichen des dreißigsten Lebensjahres ist in der Persönlichkeit eine stabile Phase erreicht, die lediglich im Alter nochmals wechselt - beispielsweise nimmt die Offenheit bei vielen Menschen ab.

Die Big Five dienen Psychologe als Grundlage, um zu verstehen, warum manche Menschen mehr Erfolg haben als andere. Zwar spielt die Intelligenz eine große Rolle, aber ebenso die Persönlichkeitsstruktur: Heinz Schuler von der Universität Hohenheim hat herausgefunden, dass Gewissenhaftigkeit das wichtigste Merkmal für Erfolg im Berufsleben ist.

Gewissenhaftigkeit - auch Rigidität genannt - scheint sich bei allem, was Menschen anpacken, positiv auszuwirken. Das ist einleuchtend, denn gewissenhaft vorzugehen bedeutet, dass jemand planvoll, überlegt, sorgfältig und zuverlässig handelt. Diese Effizienz trägt schließlich zum Gelingen bei.

Genau dieses Vorgehen wird beispielsweise als Vorbereitung für Prüfungen empfohlen. Es ist kein Geheimnis, dass Wissensaneignung einen Tag vorher wenig zielführend ist. Ebenso wirkt sich Schuler zufolge auch ein anderes Persönlichkeitsmerkmal der Big Five negativ für den Erfolg aus: Der Neurotizismus.

Neurotizismus bedeutet, dass jemand bei starker Ausprägung sehr viel nervöser und weniger stressresistent ist. Das kann darin resultieren, eine größere Unzufriedenheit zu entwickeln und beispielsweise bei ausbleibendem Erfolg schneller aufzugeben.

Wird Erfolg am Einkommen gemessen, schlägt sich das auch finanziell nieder: Untersuchungen zeigen, dass Menschen, bei denen Neurotizismus stark ausgeprägt ist, häufig ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit haben und weniger risikofreudig sind. Sind dann das Leistungsmotiv und das Pflichtbewusstsein bei ihnen wenig ausgeprägt, verdienen sie deutlich weniger.

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Big Five im Berufsleben

Je nachdem, welches Persönlichkeitsmerkmal besonders ausgeprägt ist, eignen sich manche Berufe mehr, andere weniger. Offenheit ist beispielsweise ein Charakteristikum, dass Schauspieler und Künstler mitbringen, denn sie lieben die Abwechslung. Dem Organisationspsychologen Lars Satow zufolge lassen sich anhand der Big Five die Berufsgruppen erklären:

  • Arbeiter: Arbeiter haben sehr geringe Werte im Bereich Offenheit und Extraversion. Sie haben daher ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, Leistung und Anerkennung.
  • Angestellte: Angestellte haben eher mittlere Werte. Sie zeichnet weder ein ausgeprägtes Machtstreben noch ein starkes Leistungsmotiv aus. Für ihren Job setzen sie Vorgaben um, sie erschaffen nichts Neues, also ist auch keine Kreativität gefragt.
  • Beamte: Typisch für Beamte sind die hohen Werte für Gewissenhaftigkeit, einhergehend mit geringen Werten bei Extraversion und Offenheit. Auch hier dominiert der Wunsch nach Sicherheit. Hält man sich den Umgang mit sensiblen Daten vor Augen, ist verständlich, dass Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit in diesem Berufsfeld sehr nützliche Eigenschaften sind. Es erklärt allerdings auch, warum so viele (verbeamtete) Lehrer in ihrem Job ausharren, obwohl sie unglücklich sind - das Sicherheitsbedürfnis wird hier natürlich am ehesten befriedigt.
  • Selbständige: Sie zeichnet ein hohes Maß an Offenheit und geringe Neurotizismuswerte aus. Der Wille, neue Wege zu erkunden, verbunden mit der notwendigen Furchtlosigkeit, Risiken einzugehen. Wenig verwunderlich ist das Sicherheitsbedürfnis bei ihnen gering ausgeprägt. Aber sie wollen ihr eigener Herr sein, das Machtbedürfnis und das Leistungsmotiv sind bei ihnen stark vorhanden.

Big Five ist nicht nur für die Selbstbeschreibung, sondern auch für die Fremdbeschreibung geeignet. So lassen sich beispielsweise auch Persönlichkeitsprofile derer anlegen, die in einem Unternehmen arbeiten sollen. Das hilft entscheidend bei der Personalauswahl, die auf Grundlage einer Eignungsdiagnostik getroffen wird.

Genauso gut sind Persönlichkeitstests, die auf den Big Five basieren dazu geeignet, ein besseres Verständnis für die unterschiedlichen Charaktere im Team zu gewinnen. Dieses Wissen ist wertvoll, wenn man Arbeitsfelder neu strukturiert, aber dient auch der individuellen Potenzialentwicklung.

Auch für die Auswahl geeigneter Führungskräfte eignen sich die Big Five. Denn für gewöhnlich sind dort Eigenschaften wie beispielsweise erhöhte emotionale Belastbarkeit, größere geistige Offenheit, Beweglichkeit, geringeres Entgegenkommen, Entscheidungsfreude und Risikobereitschaft von Bedeutung.

Welches Persönlichkeitsprofil letztlich aber genau bei einer Führungskraft gefragt ist, hängt eben vom Unternehmen und dem Tätigkeitsbereich selbst ab.

Extrovertierte haben mehr Spaß - und leben länger

Extrovertierte haben mehr SpaßTimothy Church, Psychologie-Professor an der Washington State Universität, untersuchte mit seinem Team das Verhalten von Studenten in den USA, in Venezuela, China, den Philippinen und Japan. Dabei kategorisierten sie die Muster nach den sogenannten Big Five Persönlichkeitsmerkmalen - und stellten global fest: Probanden, die regelmäßig aus sich heraus gingen (vulgo: Extrovertierte), zeigten im Alltag besonders häufig positive Gefühle, fühlten sich angenommen, emotional stabil, frei, kurzum: Sie waren glücklicher als der Rest. Und das über Kulturen hinweg.

Schon 2012 fand der Wissenschaftler William Fleeson, ebenfalls Psychologie-Professor aber an der Wake Forest Universität in North Carolina, heraus, dass Introvertierte glücklicher und zufriedener sind, wenn sie extrovertierte Verhaltensmuster annahmen, wie zum Beispiel Fremden zulächeln oder einfach mal ein paar alte Bekannte anrufen.

Eine Untersuchung der Universität von Illinois aus dem Jahr 2011 wiederum kam zu dem Schluss, dass Menschen, die glücklich sind, eine längere Lebenserwartung haben, unter anderem auch deshalb, weil Lebensfreude das Immunsystem stärkt und Stress reduziert.

Verkürzt ließe sich also sagen: Extrovertierte leben länger.

Ob Sie dem nun zustimmen oder nicht: Ab und an aus sich heraus zu gehen, kann sicher nicht schaden...

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]