Simone Janson schreibt als Journalistin u.a. für stern.de, die Finanancial Times oder changeX. Themenschwerpunkte sind Karriere, Bildung und Wirtschaft. Sie hat einige Bücher geschrieben, darunter “Die 110-%-Lüge – Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen” oder “Selbstorganisation und Zeitmanagement” (beide erschienen bei Redline Wirtschaft). Unter Berufebilder.de bloggt sie täglich über Survival-Tipps und Hintergrundinfos für den Berufsalltag.
Frau Janson, Sie sagen Perfektionisten stehen sich meist selbst im Weg. Wie kommen Sie darauf?
Aus der Erfahrung mit einigen sehr perfektionistischen Menschen. Die schaffen es zum Beispiel nicht, ihre Aufgaben rechtzeitig fertig zu stellen, weil sie es immer noch nicht gut genug finden,
obwohl sie Tag und Nacht an der Sache sitzen. Manche werden sogar nie fertig. Und was noch schlimmer ist: Solche Menschen haben nicht nur an sich übertriebene Ansprüche, sondern auch an andere. Wer jedoch anderen ständig das Gefühl vermittelt, dass sie nicht gut genug sind oder ständig herumkritisiert, macht sich schnell unbeliebt – beim Chef und den Kollegen. Nicht gerade karriereförderlich.
Was sind denn die Hauptprobleme der Perfektionisten?
Perfektionisten handeln häufig nicht aus gesunder, positiver Leistungsbereitschaft, sondern aus Unsicherheit: Sie fühlen sich regelrecht dazu gezwungen, alles besonders gut und richtig zu machen, weil sie negative Konsequenzen befürchten und beängstigende Dinge unter Kontrolle halten wollen. Das bedingt dann viele weitere Symptome: Perfektionisten grübeln zum Beispiel viel, schieben Entscheidungen gerne auf, reagieren überempfindlich auf Kritik und Druck oder schaffen es nicht, Nein zu sagen. Allerdings gibt es verschiedene Facetten von Perfektionismus und nicht bei jedem zeigt er sich in gleicher Weise.
Haben Sie etwa ein Plädoyer für das Chaos geschrieben?
Im Gegenteil: Denn interessanterweise kann übertriebener Perfektionismus auch zum Chaos führen; nämlich wenn man Aufgaben oder Entscheidungen immer wieder aufschiebt, weil alles ganz perfekt sein soll. Wenn ich beispielsweise immer alle Unterlagen in die Ablage lege, weil ich denke das könnte ich vielleicht noch mal brauchen, um dann irgendwann alles ganz ordentlich zu sortieren, ist das auch eine Form von perfektionistischer Kontrollsucht und Festhalten an Dingen – aber eine, die dazu führt, dass ich bald nicht mehr durchblicke. Wenn ich hingegen loslasse, gleich aufräume und riskiere, auch Dinge wegzuschmeißen, die ich noch brauchen könnte, passiert das nicht.
Klingt ein bisschen nach der ökonomisch recht erfolgreichen Simplify-Welle. Sie halten das indes für eine Vereinfachungsfalle. Warum?
Simplify ist sicher eine tolle Sache, wenn es um einfache Dinge geht, zum Beispiel das eben erwähnte Aufräumen. Selbst bei Handytarifen ist einfacher zwar nicht immer billiger, aber doch meistens besser. Problematisch wird es allerdings, wenn man komplexe Dinge verallgemeinert – zum Beispiel wenn man zu einfache Erklärungen für das verhalten anderer Menschen sucht: Wenn mich etwa die Kollegin auf dem Flur nicht grüßt, kann ich es mir einfach machen und sagen: Die hat ein Problem mit mir. Denn die Erklärung erscheint unserem Gehirn in der Regel am einfachsten, wenn es sie in bereits bestehende Denkmuster eingliedern kann. Wir nehmen also selektiv wahr, was unsere Überzeugung, unseren bisherigen Erfahrungen, Einstellungen und Interessen stützt. Wir beziehen die Unfreundlichkeit der Kollegin auf uns. Natürlich kann es sein, dass sie einen nicht leiden kann. Es kann aber auch sein, dass Sie Ärger mit dem Chef oder in der Familie hatte oder dass sie einfach ihre Kontaktlinsen vergessen hat. Man muss sich vielleicht gar nicht ärgern und Aggressionen aufbauen. Will sagen: Mit einer solchen Vereinfachung kann man sich viele Optionen verbauen und sich das Leben unnötig schwer machen. Es gibt Leute, die sind derart festgefahren in ihrer selektiven Wahrnehmung, dass sie die Realität gar nicht mehr wahrnehmen.
Eine Ihrer Thesen lautet: 80 Prozent vom Optimum tun es auch. Ist das nicht eher die klassische Rechtfertigung von Schlampern, um sich weniger Mühe zu geben?
Um genau zu sein lautet meine These: 80 Prozent bringen in vielen Fällen mehr als das absolute Optimum. Denn niemand schafft es, immer 100 Prozent zu geben – schon aus Zeitgründen. Wer das versucht, ist bald derart gestresst, dass er automatisch Fehler macht und schlampig arbeitet. Das hat physische Gründe: Wenn man sich überfordert, weil man immer 100 Prozent schaffen will, wird Angst zum Antriebsmotor und es entsteht negativer Distress. Der tritt auf, wenn man keinen Ausweg weiß, weil das menschliche Gehirn aufgrund fehlender Erfahrungen auf die Schnelle keine Lösung für ein Problem parat hat. Schweizer Forscher haben herausgefunden, dass Distress sogar unser Gedächtnis blockiert. Daher ist bei negativem Stress klares Denken schwierig, die Motivation leidet und man absolviert oft nur noch ein Pflichtprogramm. Es ist also überhaupt nicht produktiv, sich derart zu überfordern. Wenn wir uns hingegen machbare Herausforderungen suchen, indem wir nur 80 Prozent vom Optimum anstreben, gehen wir von vorneherein optimistisch an die Sache heran: Wir denken vorwärtsgerichtet, sind motiviert und glauben, dass wir die Aufgabe gut bewältigen können. Wir haben dann zwar auch Stress, allerdings positiven Eustress. Dadurch werden Glückshormone ausgeschüttet, die wie eine Belohnung für die vorherige Anstrengung wirken – ein sogenanntes Flow-Erlebnis. Auch das Gehirn arbeitet besser. Dadurch, dass wir uns etwas weniger vornehmen, sind wir also viel produktiver. Wenn wir dann unser Ziel erreicht haben, macht das Lust auf mehr, wir sind motiviert, neue Aufgaben anzugehen. Und auf diese Weise arbeiten wir im Endeffekt oft sogar besser und schaffen mehr, als wenn wir immer 100 Prozent erreichen wollen.
Glauben Sie denn, Chefs oder gar Kunden geben sich mit 80 Prozent Qualität zufrieden?
Davon abgesehen dass es ihnen natürlich nicht egal ist, ist das ja der Punkt: Die Qualität muss nicht zwangsläufig leiden, nur weil man weniger tut. Wichtig ist viel mehr, dass man das Richtige tut. Einige Perfektionisten machen leider das genaue Gegenteil: Sie schützen in blindem Aktionismus Geschäftigkeit vor, während sie Aufgaben, die eigentlich Priorität haben, immer weiter hinausschieben, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Tatsächlich haben Managementberater festgestellt, dass mancher erschöpfte, hart arbeitende Workaholic bis zu 80 Prozent seiner Arbeitszeit mit eher unnötigen Tätigkeiten füllt: Telefonate, unnötige Meetings, Herumtragen von Unterlagen oder das Herumspielen am Computer gehören zu den bevorzugten Ablenkungsmanövern. Meist überprüft niemand, wie effizient ein Perfektionist wirklich arbeitet und auch diesem selbst ist der fehlende Sinn hinter vielen seiner Handlungen oft gar nicht klar.
Der Wunsch nach Perfektion ist also nicht karrierefördernd. Das ist eine ziemlich steile These.
Natürlich kann der Wunsch, alles richtig machen zu wollen, auch gut für die Karriere sein: Man gilt als leistungsbereit und verlässlich. Und sicher schätzen Chefs solche Züge. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass Menschen mit typisch perfektionistischem Verhalten, vor allem auf der mittleren Managementetage anzutreffen sind. In den Top-Positionen finden sich eher gelassene Naturen.
Das müssen Sie jetzt aber erklären.
Das erklärt sich, wenn man sich anschaut, warum Menschen perfekt sein wollen: Meist sind diese Leute relativ unsicher und erbringen nicht aus Freude an der Arbeit Höchstleistungen, sondern aus Angst vor den Konsequenzen falls nicht. Und da sie selbst nie ganz mit sich zufrieden sind, verkaufen Sie sich auch entsprechend schlecht. Das wirkt aber alles andere als souverän und hier auch liegt der Hund begraben: Chefs denken dann nicht: Super, der ist so strebsam, den befördere ich zur Belohnung, wie der Perfektionist im Stillen hofft, sondern sie denken: Den kann ich nicht befördern, der glaubt ja selbst nicht an sich. Oder: Das ist ja praktisch, dass der so viel leistet und so wenig fordert, der bleibt mal schön wo er ist. Wenn der Chef dann die Unsicherheit noch ein wenig schürt, indem er statt des erwarteten Lobes Kritik übt, hat er das perfekte Arbeitstier. Das ist natürlich sehr plakativ ausgedrückt: Nur machen sich offenbar viele Leute, die in so einem Hamsterrad hängen, nicht bewusst, wie diese feinen Manipulations-Mechanismen funktionieren. Dagegen kann man dann nur selbst etwas tun, weil der Chef das von sich aus kaum ändern wird.
Sie bezeichnen sich selbst als “Perfektionistin auf Entzug”. Und, wie klappt das?
Es klappt nicht immer, aber immer öfter. Mir hat es da ungemein geholfen, mich selbständig zu machen. Als Angestellter kann man für Unzufriedenheit und Stress auch mal seinen Chef verantwortlich machen. Als Selbständiger aber ist man für seine Zeiteinteilung und seine Arbeitsweise vollkommen selbst verantwortlich. Das kann zunächst verunsichern. Dabei habe ich erst gemerkt, wie sehr ich mir durch den Druck, den ich mir mit meinen zu hohen Ansprüchen selbst aufbaute, die Freude an meiner Arbeit vermieste. Dadurch, dass ich mir das allmählich klar gemacht habe, arbeite ich heute mit mehr Freude und – nach der Auftragslage und dem Kundenfeedback zu schließen – auch besser.
1. Kommentar
Roland Kopp-Wichmann
22.02.09 um 18:04 Uhr
Guter Artikel!
Vor allem der Hinweis, dass hinter Perfektionismus oft eine unbewusste Unsicherheit steckt. Der Perfektionist glaubt ja, er habe einfach nur hohe Ansprüche und die wolle er erfüllen. Doch hinter diesem hohen Anspruch steckt eben oft die Angst, Fehler zu machen und dafür kritisiert zu werden.
Doch für die meisten Situationen reicht ein 80prozentiges Ergebnis völlig aus. Auch deshalb,weil außer dem Perfektionisten kaum jemand die “fehlenden” zwanzig Prozent vermisst. Natürlich gibt es Bereiche, wo Null Fehlertoleranz notwendig ist. Wenn ich mich operieren lasse oder ins Flugzeug steige, wünsche ich mir da auch eine hundertprozentige Leistung.
Doch für die meisten Bereiche sind eben hundertprozentige Leistungen kontraproduktiv, weil sie viel zu viel Zeit brauchen und das Verhältnis von Aufwand und Nutzen nicht mehr stimmt.
“Perfektionistin auf Entzug” ist ein schöner Begriff. Denn es ist tatsächlich ein schwieriger Prozess, davon Abstand zu nehmen. Denn die zu gewinnenden zwanzig Prozent an Zeit sind für den Perfektionisten erst mal kein Anreiz. Er empfindet vor allem den Verlust an Sicherheit, die ihm das Streben nach Vollkommenheit gegeben hat. Sich ebenso “normal” und “unvollkommen” zu gebärden, wie alle anderen, ist für ihn erst einmal abschreckend.
2. Kommentar
tokumei
22.02.09 um 21:55 Uhr
“… Wenn der Chef dann die Unsicherheit noch ein wenig schürt, indem er statt des erwarteten Lobes Kritik übt, hat er das perfekte Arbeitstier. …”
Letztlich dienen Lob und Kritik der Manipulation und hier stellt sich die Frage, in wie weit jemand, der diesen Zusammenhang erkannt hat, überhaupt in einem Betrieb erwünscht ist.
3. Kommentar
Simone Janson
23.02.09 um 10:39 Uhr
@Roland Kopp-Wichmann: Danke für die Ergänzung, dass der Zeitgewinn für den Perfektionisten erstmal Sicherheitsverlust bedeutet, weil er dann eben genau so normal und unvollkommen wäre wie alle anderen. Das ist ein wichtiger Punkt.
@tokumei: Naja, es ist doch die Frage wie ich mit der Erkenntnis, dass ich manipuliert werde, umgehe. Wenn ich gleich zum Chef renne und ihm das auf die Nase binde, kommt das blöd. Aber vielleicht gibt es da subtilere Methoden: Etwa einfach mal öfter freundlich oder bestimmt “Nein” sagen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen auch wenn es schwer fällt (80 Prozent sind ja meist auch genug) oder eine gewisse Betriebsamkeit vortäuschen – letzteres ist für viele Perfektionisten, die einfach brav und ehrlich ihre Leistung erbringen wollen, ja genau das Problem. Aber es gibt Studien, die zeigen, dass es nur zu 10 % auf Leistung ankommt, hingegen zu 60 % auf das, was der Chef wahrnimmt. Sprich, im Meeting öfter aktiv werden und dem Chef Wünsche von den Augen ablesen wird wahrscheinlich mehr bringen, als still in seinem Büro bis zum Umfallen vor sich hinzwerkeln. Nur das diese Art Selbstdarstellerei für viele Perfektionisten eben ein Problem ist. Dazu gibt es übrigens auch ein Kapitel in meinem Buch.
4. Kommentar
René Fischer
23.02.09 um 22:55 Uhr
Der Link (berufebilder.de) verweist auf http://www.studisurf.ch/news/article/berufsfelder-fuer-geistes-und-sozialwissenschaftler/www.berufebilder.de und klappt somit nicht.
5. Kommentar
Jochen Mai
24.02.09 um 07:37 Uhr
@René: Da hat sich irgendwo ein Fehler eingeschlichen. Jetzt stimmts wieder. Danke!
6. Kommentar
Jeanette Fuchs
25.02.09 um 17:13 Uhr
Ich finde, die 80 %-Theorie ist durchaus eine Überlegung wert! 80 % Eigenwahrnehmung kann immer noch 100 % für die Umwelt bedeuten und wäre somit absolut ausreichend. Fremd- und Selbstwahrnehmung stimmen ja bekanntlich selten überein.
Zu diesem Thema empfehle ich übrigens auch die anschauliche Beschreibung und kreativ-kuriose Umsetzung von “Pareto’s Law – 80/20 Principle” und “Parkinson’s Law” aus dem Buch “The 4-Hour Workweek” von Timothy Ferriss / http://www.fourhourworkweek.com
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