Minderwertigkeitsgefühle überwinden: Ursachen, Symptome, Behandlung
Wer an Minderwertigkeitsgefühlen leidet, leidet vor allem an einem verzerrten Selbstbild. Die Betroffenen sind überzeugt davon, minderwertig und unzulänglich zu sein. Nicht selten führt diese Selbstentwertung in eine Art Negativspirale, aus der es nur schwer wieder herausgeht. Im Vordergrund steht immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein, daran aber auch nichts ändern zu können. Wie Minderwertigkeitsgefühle entstehen, wie sie sich äußern und manifestieren und wie sich Minderwertigkeitsgefühle überwinden lassen, erfahren Sie hier...

Minderwertigkeitskomplex Definition

Minderwertigkeitskomplex Definition: Selbstbild und Selbstwert Grafik

Minderwertigkeitsgefühle - auch Minderwertigkeitskomplex genannt - drücken sich durch ein Gefühl der Unvollkommenheit aus. Betroffene fühlen sich generell unterlegen, klein und unbedeutend. Nicht wenige kämpfen dabei mit Depressionen und sind Suizid gefährdet.

Ihren Ursprung haben Minderwertigkeitsgefühle oft schon in der Kindheit. Nicht selten gehen sie auf fehlende elterliche Liebe und Anerkennung zurück, die dann noch durch und mangelnde Wertschätzung und Probleme in der Schule und im Freundeskreis verstärkt werden. Betroffene werden so immer wieder mit ihren Mängeln konfrontiert und werden sich der ebenso vorhandenen Stärken nicht bewusst.

Minderwertigkeitsgefühle können aber auch bei Kindern entstehen, die zu viel Aufmerksam erhalten haben und zu stark verwöhnt wurden.

Entscheidend kann zudem die soziale Komponente des Umfelds sein: Wer sich schwer tut, Freundschaften aufzubauen, sucht die Schuld oft bei sich selbst und entwickelt die Einstellung, er oder sie sei es einfach nicht wert, geliebt zu werden.

Solche Gefühle manifestieren sich zum Beispiel durch Gedanken, wie: Ich bin nichts wert; ich bin schlechter als alle anderen. Natürlich ist das eine Fehleinschätzung.

Anders sein, bedeutet nicht, minderwertig zu sein!

Zu diesem negativen Selbstbild und geringem Selbstwertgefühl gesellt sich meist noch die Annahme, dass es kaum möglich ist, etwas an dieser Situation zu ändern: Egal, was man tut, es wird nichts Bedeutendes oder Wertvolles sein, den (eigenen) Anforderungen nicht gerecht werden und vor allem schlechter abzuschneiden als das, was andere leisten.

Den Begriff des Minderwertigkeitskomplexes hat der Psychologe Alfred Adler im Jahr 1912 aus der Kunst- und Literaturtheorie in die Individualpsychologie übertragen. Anfangs nutzte Adler die Begriffe Minderwertigkeitskomplex und Minderwertigkeitsgefühl noch synonym. Später jedoch differenzierte er den Minderwertigkeitskomplex davon als "abnorm gesteigertes Minderwertigkeitsgefühl".

Minderwertigkeitsgefühle erkennen: So äußern Sie sich

Minderwertigkeitsgefühle entstehen schnell, wenn das eigene Handeln als generell unzulänglich eingestuft wird, die Betroffenen also davon überzeugt sind, (den eigenen) Ansprüchen nicht zu genügen.

Minderwertigkeitsgefuehle Selbstvertrauen Selbstentwertung

Emotionale Reaktionen darauf sind ein permanentes schlechtes Gewissen, Scham- und Schuldgefühle, die allerdings durch ein ebenso permanentes Streben nach Wiedergutmachung kompensiert werden - Hauptsache, das Selbstbild lässt sich so wieder stabilisieren.

Minderwertigkeitsgefühle offenbaren sich gerade im Umgang und Kontakt mit anderen Menschen. Betroffene können zum Beispiel...

  • nicht "Nein" sagen. Weil Sie das Gefühl haben, sonst nicht gebraucht zu werden oder wertvoll (nützlich) zu sein. Oder aber weil sie glauben, ein "Nein" könnte zu Ablehnung führen.
  • Lob nur schwer ertragen. Weil sie nicht glauben, dass es ehrlich gemeint und berechtigt sein kann. Oder weil sie unterstellen, ihr Gegenüber will sie damit nur manipulieren.
  • nur schwer zu ihrer Meinung stehen. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese ohnehin keinen interessiert oder generell unwichtig ist. Oder weil sie auch hierbei Ablehnung befürchten.
  • schlecht neue Kontakte knüpfen. Weil sie meinen, dass sie sowieso unattraktiv, langweilig und uninteressant für andere sind.
  • kaum Neues versuchen. Weil sie sich sicher sind, dass sie ohnehin scheitern werden. Wie so oft.

Zwar haben wir alle ab und an Phasen, in denen wir uns minderwertig oder unzulänglich fühlen. Diese gehen aber in der Regel vorbei oder werden durch wahrgenommene (!) Erfolge Lügen gestraft. In ausgeprägterer Form aber haben Minderwertigkeitsgefühle Folgen wie...

Bemerkenswert daran ist, dass Männer und Frauen hierbei zuweilen recht unterschiedlich reagieren:

  • Minderwertigkeitsgefühle bei Männern

    Männer kompensieren ihr geringes Selbstwertgefühl - vor allem in jungen Jahren - häufig durch eine nach außen gerichtete Aggressivität, durch eine extreme Sprache der Aus- und Abgrenzung, durch übermäßigen Alkohol- oder Drogenkonsum oder die Flucht in Statussymbole und überteuerte Wertgegenstände, die sie entsprechend zur Schau stellen.

  • Minderwertigkeitsgefühle bei Frauen

    Frauen dagegen neigen eher zu einer nach innen gerichteten Aggressivität: Die Betroffenen verurteilen sich vor allem für körperliche Merkmale (krumme Nase, flache Brüste, dicker Po, ...) oder bestrafen sich gar durch Selbstverstümmelung (Ritzen). Minderwertigkeitsgefühle bei Frauen können sich aber auch durch kompensatorische Aus- und Abgrenzung nach außen offenbaren. Dies wird dann vom Umfeld oft als Arroganz wahrgenommen.

Im Extrem können Minderwertigkeitskomplexe zu Sprachhemmungen und Beziehungsarmut, zu sozialen Abhängigkeiten (extremer Hörigkeit) oder Soziophobie und der ständigen Angst führen, etwas falsch zu machen.

Menschen mit chronischen Minderwertigkeitsgefühlen resignieren irgendwann und flüchten in eine Art Opferrolle (siehe auch Drama-Dreieck nach Stephen Karpman.)

Das hat dann verschiedene Kompensations- und Verschleierungsreaktionen zur Folge: Während manche in Passivität nahezu erstarren (Motto: Die Umstände, alle anderen, das Schicksal sind Schuld...), rücken andere ihr angeschlagenes Selbstbild durch Autosuggestionen und Selbsttäuschungen wieder zurecht. Selbst stichhaltige Fakten und Tatsachen werden dann einfach ausgeblendet und durch andere Dinge ersetzt, die besser zu den Betroffenen oder ihrem Selbst- und Weltbild passen.

In solchen (pathologischen) Extremen hilft dann oft nur noch eine professionelle Behandlung und sogenannte "Minderwertigkeitskomplexe Therapie".

Diese beginnt in der Regel durch eine ausführliche Diagnose durch ein oder zwei mehrstündige Sitzungen bei bei einem Psychologen oder in einer psychiatrischen Ambulanz, wobei die Betroffenen mehrere Gespräche führen sowie standardisierte Fragebögen ausfüllen. Entsprechend dem Ergebnis folgt anschließend die eigentliche Therapie.

Minderwertigkeitsgefühle überwinden: Das können Sie tun

Je länger und tiefer Minderwertigkeitsgefühle im eigenen Denken verankert sind, desto schwieriger wird es, sich von diesen zu lösen und die Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.

Das negative Selbstbild wird immer mehr zur Normalität, Erfolge werden ausgeblendet, Rückschläge überhöht. Die Selbstentwertung gräbt sich tief in die Persönlichkeit - ohne Aussicht auf Besserung, da es zur Natur der Minderwertigkeitsgefühle gehört, an die eigene Unfähigkeit zu glauben.

Umso wichtiger ist es, solchen Gefühlen schon frühzeitig zu begegnen. Zunächst durch ehrlichere Selbstreflexion:

  1. Finden Sie die Ursachen.

    Ein schwieriger, aber notwendiger Schritt, ist die Frage nach den Auslösern: Wann fühlen Sie sich minderwertig oder abgelehnt und warum?

    Wenn Sie die Ursachen der Minderwertigkeitsgefühle besser kennen und verstehen, wird es leichter, richtig mit diesen umzugehen und den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Entlarven Sie klassischen Selbstbetrug und entsprechende Lügen.

    Vor allem: Ändern Sie Ihre Einstellung zu sich selbst. Sie sind eben NICHT schlechter als andere, sondern mindestens ebenso liebenswert - mitsamt Ihren Macken und Schwächen. Überhaupt ist Selbstliebe eine wesentliche Voraussetzung für Glück und Erfolg.

  2. Machen Sie sich Ihre Stärken bewusst.

    Jeder Mensch hat individuelle Schwächen, aber auch Stärken und Talente. Beide Seiten gehören zu Ihrer Persönlichkeit.

    Minderwertigkeitsgefühle sorgen allerdings dafür, dass wir wie unter einem Brennglas nur noch die Schwächen wahrnehmen - und die auch noch übergroß. Umso wichtiger ist es, dieses Bild zu entzerren: Konzentrieren Sie sich bewusst auf die Dinge, die Sie gut können, die bisherigen Erfolge (egal wie klein) und die guten Leistungen, die Sie erbracht haben.

    Oft hilft es, diese Stärken und Erfolge täglich (!) aufzuschreiben, um sie sich regelmäßig in Erinnerung zu rufen.

  3. Bleiben Sie fair zu sich selbst.

    Sich selbst immerzu dem Druck der Perfektion auszusetzen, sorgt nur dafür, dass die Minderwertigkeitsgefühle noch stärker werden. Niemand kann solchen Erwartungen gerecht werden.

    Beurteilen Sie sich selbst also nicht nach einem überhöhten Maßstab und hören Sie auf, sich mit anderen zu vergleichen. Sie stehen nicht in einem endlosen Wettbewerb mit Ihrer Umwelt, sondern sind ein Individuum.

    Klüger ist sowieso aus den Fehlern (die alle machen) zu lernen und sich von der Aufmerksamkeit und Anerkennung durch andere unabhängig zu machen. Auch wenn man Sie nicht lobt, bleiben Sie wertvoll!

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