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Autismus - früher ein Ausschlusskriterium, heute die Eintrittskarte für den Top-Job. Das ist - zugegeben - eine klitzekleine Übertreibung. Doch es stimmt: Menschen mit Asperger-Syndrom oder einer anderen Form des Autismus haben auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile realistische Chancen, eine vollwertige Stelle zu finden. Vor allem im IT-Bereich gibt es Chancen. Autismus im Job: Karrierebibel hat die wichtigsten Fakten für Sie.

Autisten: Aktiv auf dem Arbeitsmarkt

Vorweg die gute Nachricht: Die Zeiten, in denen Menschen mit Asperger-Syndrom (oder einer anderen Form des Autismus) im besten Fall in einer Behindertenwerkstatt unterkamen, sind vorbei. Mittlerweile gibt es "richtige", gut vergütete Jobs für sie.

Und das nicht, weil die Unternehmen plötzlich zu Wohlfahrtsorganisationen mutiert wären, sondern weil speziell Autisten Qualitäten mitbringen, die auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden.

Da gibt es zum Beispiel das Unternehmen Auticon aus Berlin, das bereits über 100 Autisten beschäftigt und als IT-Consultants an andere Unternehmen vermittelt. Zu den Kunden zählen so bekannte Namen wie Deichmann, Siemens, HypoVereinsbank, Allianz und die Postbank.

Und auch Software-Gigant SAP hat sich zum Ziel gesetzt, langfristig ein Prozent seiner Arbeitsplätze mit Menschen aus dem Autismusspektrum zu besetzen. Ende 2015 waren nach eigenen Angaben immerhin schon 100 Autisten in insgesamt acht Ländern beschäftigt.

Autisten: Weniger emotional

Natürlich: Verallgemeinerungen sind immer heikel, auch reicht das Spektrum hier immerhin von frühkindlichem Autismus bis hin zur Inselbegabung. Doch lassen sich durchaus einige allgemeingültige Aussagen treffen. Zum Beispiel diese: Autisten treffen Entscheidungen im Gegensatz zu Nicht-Autisten weniger stark auf emotionaler Basis. Das hat erst kürzlich das Londoner King's College nachgewiesen.

Beispiel: Drücken Sie einem Nicht-Autisten 70 Euro in die Hand, dann zockt er mit dem Geld mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit dann, wenn er "50 Euro verlieren" kann, als wenn er "20 Euro behalten" kann. Die Aussicht, Geld zu verlieren, verstärkt in uns den Drang, dieses Szenario aktiv zu verhindern. Dabei sind beide Szenarien im Prinzip völlig identisch. Einen Autisten hingegen würde dieses Psycho-Spielchen völlig kalt lassen, er würde rein rational entscheiden.

Ja, Autisten seien psychologisch gesehen atypisch, so Psychologe Punit Shah vom King's College, "aber ihre Beschaffenheit kann auch Vorteile in Situationen bringen, in denen es nützlich sein könnte, nicht dem Herzen, sondern dem Verstand zu folgen." Und weiter: "Unsere Arbeit hilft bei der Erklärung, warum autistische Menschen logischere Entscheidungen treffen, weil sie sich nicht so leicht von ihrem Empfinden oder Bauchgefühl beeinflussen lassen."

Was können Autisten?

Die Forschung und subjektive Erfahrungen lassen also durchaus die Schlüsse zu, dass Autisten meist

  • sehr gründlich und genau arbeiten
  • exzellent mit Zahlen, Daten, Formeln umgehen können
  • analytisch-logisch denken
  • ehrlich sind

Talente, die auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt im Überfluss vorhanden sind, aber umso stärker nachgefragt werden. Im Übrigen handelt es sich nicht ausschließlich um Zahlenmenschen, auch überragende Fremdsprachenkenntnisse oder künstlerisch-musische Begabungen sind bei Autisten keine Seltenheit (und nicht nur bei Inselbegabten).

Im Gegenzug aber sind viele Autisten nicht sonderlich - sagen wir mal - alltagstauglich. Praxisbeispiel: Wenn jemand Redewendungen stets wörtlich nimmt, könnte er damit im Büro und anderswo Probleme bekommen. Autisten verstehen nur schwer Sarkasmus oder Ironie, können keinen Smalltalk, Sozialkompetenz ist sicherlich nicht ihr Steckenpferd.

In Bereichen, in denen man andere Menschen führen, beraten oder lesen muss - zum Beispiel im Personalwesen - dürften Autisten in der Regel überfordert sein.

Welche Jobs gibt es für Autisten?

Typische Einsatzfelder liegen dagegen im IT-Bereich, für die Arbeit mit dem Computer sind Autisten geradezu prädestiniert. An Tätigkeiten und Jobprofilen bieten sich beispielsweise an:

  • Dateneingabe und Datenbankverwaltung
  • IT-Migration
  • IT-Security
  • Software-Testing und Qualitätskontrolle
  • Big Data und Business Intelligence

Aber: Die aktive Integration von Autisten in den ersten Arbeitsmarkt steht im Prinzip noch ganz am Anfang. Bedeutet: Es gibt sicherlich eine Reihe adäquater Einsatzfelder, die erst noch entdeckt und freigelegt werden müssen.

Was ist Autisten im Job wichtig?

Für Arbeitgeber wichtig: Wie binde ich den autistischen Mitarbeiter ins Team ein? Was muss ich beachten? Ein Platz im Großraumbüro dürfte beispielsweise nicht unbedingt die richtige Wahl sein, da hier der Lärmpegel hoch und Ablenkungen allgegenwärtig sind. Vielen Autisten sind diese Punkte wichtig:

  • Feste Ansprechpartner bzw. Mentoren
  • Ruhige Arbeitsumgebung
  • Wiederholende Abläufe
  • KEIN Zeitdruck
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