Barrierefreiheit: Warum alle davon profitieren

Wer jung, gesund und körperlich nicht eingeschränkt ist, hat wenig Probleme, von A nach B über ein grobes Kopfsteinpflaster zu gelangen, sich in einem vielleicht nicht ganz modernen Bürogebäude ohne Fahrstuhl oder auch mit engen Treppen zu bewegen. Wer allerdings körperlich beeinträchtigt ist oder auch einen Kinderwagen schiebt, kennt bereits die diversen Probleme bei der Fortbewegung. Aber Barrieren gibt es in vielerlei Hinsicht, nicht nur in baulicher. Wie man Barrierefreiheit am Arbeitsplatz umsetzen kann und warum alle davon profitieren, lesen Sie hier…

Barrierefreiheit: Warum alle davon profitieren

Definition Barrierefreiheit: Was bedeutet das?

Barrieren – das bedeutet zunächst, dass es Hindernisse gibt, die Menschen in ihrer Freiheit einschränken. Diese abzuschaffen, haben sich verschiedene Organisationen und Verbände zur Aufgabe gemacht. Durch Barrierefreiheit soll allen Menschen Zugänglichkeit und Benutzbarkeit für sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens gewährleistet werden.

Dabei hat sich im Laufe der Zeit der Fokus verändert: War früher vor allem von behindertengerecht die Rede, geht es jetzt darum, die Bedürfnisse aller Menschen gleichberechtigt zu berücksichtigen. Das heißt: Menschen mit verschiedenen Behinderungen, aber genauso gut ältere Menschen, Personen mit Kinderwagen, Menschen mit Seh- oder Gleichgewichtsstörungen, im Rollstuhl oder mit Rollator.

Der Ansatzpunkt dabei ist folgender: Nur vier Prozent aller Behinderungen sind angeboren. In der überwiegenden Zahl aller Fälle löst eine Krankheit oder ein Unfall eine Behinderung aus. Auch das Alter spielt eine Rolle bei Behinderungen:

Die Hälfte aller Menschen mit Schwerbehinderung ist zwischen 55 und 75 Jahren alt – und damit zumindest teilweise noch vor Renteneintrittsalter. Angesichts der Tatsache, dass alle Menschen altern, profitieren also auch nachfolgende Generationen von Barrierefreiheit.

Gesetzliche Basis der Barrierefreiheit

ParagrafVerschiedene Gesetze und Bestimmungen regeln in Deutschland die selbstbestimmte Teilhabe behinderter Menschen. So besagt Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes:

Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Mit dem Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) trat am 1. Mai 2002 ein Gesetz in Kraft, das dieses Gebot umsetzte. Zentrale Aussage des Gesetzes ist die Umsetzung einer umfassenden Barrierefreiheit, die in § 4 des BGG beschrieben wird:

Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.

Diese Barrierefreiheit gilt für die Nutzung von…

  • Gebäuden,
  • Verkehrsmitteln
  • Straßen,
  • Wegen,
  • Automaten,
  • technischen Gegenständen wie Handys und
  • Internetseiten.

Das gilt allerdings nicht für natürliche Lebensbereiche, in die bisher nicht vom Menschen eingegriffen wurde wie beispielsweise ein Wald, ein Sandstrand oder eine Felswand.

Auch das 2006 erlassene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll behinderte Menschen vor Diskriminierung schützen. Das AGG ist im Prinzip die erweiterte Fassung des Zivilrechtlichen Antidiskriminierungsgesetzes (ZAG).

Barrierefreiheit am Arbeitsplatz: Das barrierefreie Büro

Die gute Nachricht ist, dass immer mehr Menschen mit Behinderung eine Arbeit auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt finden, derzeit etwa 1,15 Millionen. Selbst manche Schwerbehinderte müssen nicht mehr in Behindertenwerkstätten oder ähnlichen geförderten Einrichtungen unterkommen.

Um einen barrierefreien Arbeitsplatz zu ermöglichen, müssen die Mittel individuell auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten werden. So vielfältig wie die Einschränkungen von Menschen mit Behinderung sind die Hilfsmöglichkeiten, hier einige Beispiele:

  • Hörbehinderung

    Arbeit in einem schallisolierten Raum statt in einem Großraumbüro. Der Vorteil liegt darin, dass es keine ablenkenden Geräusche gibt und bessere Konzentration auf die Arbeit ermöglichst wird.

    Der Einsatz von Bild- und Schreibtelefonen oder Lichtsignalanlagen an Maschinen. Eine weitere Möglichkeit der persönlichen Ausgestaltung von Barrierefreiheit wären Arbeitsassistenten oder Gebärdendolmetscher.

  • Körperbehinderung

    Hier kann ein Arbeitsplatz so umgebaut werden, dass der Einhandbetrieb für einen handamputierten Menschen ermöglicht wird. Rampen und Fahrstühle erleichtern gehbehinderten Menschen den Zugang zum Arbeitsplatz.

  • Sehbehinderung

    Eine gute Beleuchtung und Belichtung ist für sehbehinderte Menschen Voraussetzung, da sie häufig nur starke Konturen und Kontraste wahrnehmen können. Ein Großbildmonitor oder eine extra große Tastatur am Computer erleichtern die Arbeit im Büro. Des Weiteren brauchen Sehbehinderte oft Vergrößerungshilfen. Hier sind (beleuchtete) Lupen denkbar.

  • Blindheit

    Die Ausrüstung eines Computerarbeitsplatzes mit einer Braillezeile ist für blinde Menschen von Bedeutung. Da Blinde sich ausschließlich an ertastbaren oder akustischen Informationen orientieren, müssen visuelle Informationen durch haptische oder hörbare Informationen ergänzt werden.

Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer

Für Rollstuhlfahrer geht es in erster Linie um eine entsprechende bauliche Gestaltung des Arbeitsplatzes. Diverse Gesetze und Bestimmungen wie beispielsweise die Arbeitsstättenverordnung regeln die Anforderungen an barrierefreie Arbeitsplätze.

Die zugrunde liegende Norm dafür ist DIN 18040-1. Wenn ein Arbeitgeber Menschen mit Behinderung beschäftigen möchte, müssen folgende Bereiche berücksichtigt werden:

  • Lage der Pkw-Stellplätze

    Die Parkplätze sollten so liegen, dass eine Verbindung zwischen Stellplatz und Gebäudezugang auf dem kürzesten Weg erfolgen kann. Für den Seitenausstieg ist eine Breite von mindestens 3,50 Metern und eine Länge von fünf Metern erforderlich.

  • Erreichbarkeit von Anlagen

    Das ist durch Rampen, Hebeplattformen und Aufzüge zu ermöglichen. Bei Rampen muss die Rutschgefahr (durch Regen beispielsweise) vermieden werden. Das ist durch Überdachung und/oder Verwendung bestimmter Beläge gewährleistet. Rampen sollen eine maximale Steigung von sechs Zentimetern haben.

  • Konstruktion des Gebäudes

    Spezielle Brandschutzkonzepte berücksichtigen Menschen, die sensorisch oder motorisch beeinträchtigt sind.

  • Bewegungsflächen im Gebäude

    müssen leicht zu reinigen und rutschhemmend sein. Da Rollstuhlfahrer Stufen und Steigungen, die höher als drei Zentimeter sind nicht überwinden können, sollte ein schwellenloser Zugang zu allen Gebäudeebenen (zum Beispiel durch einen Aufzug) möglich sein. Des Weiteren ist eine Breite von mindestens 1,50 Metern für Verkehrswege und eine Breite von mindestens 90 Zentimetern für Durchgänge erforderlich.

  • Gestaltung des Büros

    Das Büro benötigt Rangierplatz von mindestens 1,50 x 1,50 Metern. Ungestörte Beweglichkeit bedeutet auch, dass der Raum den Rollstuhlfahrer nicht durch hervorspringende Möbelteile oder bauliche Hindernisse eingeschränkt. Arbeitstische müssen mit mindestens 1,20 Metern unterfahrbar sein und 90 Zentimeter Beinfreiraum gewährleisten. Bodenbeläge müssen antistatisch sein.

  • Höhe der Bedienungsvorrichtungen

    Bei der Aufstellung der Arbeitsutensilien ist auf eine ergonomisch sinnvolle Griffhöhe zu achten. Aber auch Schalter, Türgriffe und andere Bedienungselemente müssen in 85 Zentimetern Griffhöhe sein.

  • Sanitäranlagen

    Toiletten und Waschräume erfordern aufgrund des höheren Rangierbedarfs von Rollstuhlfahrern eine Größe von mindestens 1,50 x 1,50 Metern. Türen öffnen sich nach außen. Armaturen, Seifenspender und Handtuchhalter müssen im Sitzen erreichbar und der Waschtisch unterfahrbar sein.

Barrierefreiheit im Internet

Extra-Tipp-IconBarrierefreiheit im Internet beispielsweise kommt vielen zugute: Es ermöglicht auch soziale Teilhabe für diejenigen, die nicht uneingeschränkt mobil sind. Das kommt Menschen mit körperlichen Behinderungen zugute, aber auch Senioren.

Die sogenannten Silversurfer sind eine wichtige Zielgruppe. Bereits heutzutage gehören 38 Prozent aller Deutschen der Altersgruppe zwischen 60 und 79 Jahren an. Für sie spielt das Internet eine große Rolle. Sei es als Informationsmedium oder auch bei der Bestellung von Einkäufen.

Im Alter lassen Reaktionsschnelle und Sehvermögen nach. Auch Aufnahmefähigkeit und Kontrastempfinden machen Senioren Probleme. Fazit: Ältere Menschen haben besondere Anforderungen an Soft- und Hardware. Aber auch blinde Menschen benutzen das Internet.

Suchmaschinen funktionieren so, dass sie kein Layout, sondern einen Code sehen Je weniger verschachtelt und komplex eine Seite aufgebaut ist, desto besser ist der Zugang zu Informationen von Menschen mit Behinderung.

Es gibt allerdings weitere positive Nebeneffekte: So greift barrierefreies Internet verschiedene Aspekte auf. Eine Zugänglichkeit kann gewährleistet sein durch die Programmierung der Seite, Verwendung von einfacher Sprache und Vorlesemöglichkeiten.

Eine derart gestaltete Seite lädt zum einen deutlich schneller durch vereinfachte Codes, aber sie bietet auch Mehrwert für andere Menschen, beispielsweise Migranten. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufig auf deutschsprachige Angebote zurückgreifen. Oftmals sind die Deutschkenntnisse allerdings eingeschränkt, so dass auch sie von vereinfachter Sprache profitieren.

Förderung für den Arbeitgeber

Schwerbehinderte sehen sich mit dem Vorurteil konfrontiert, dass sie weniger leistungsfähig seien als Menschen ohne Behinderung. Das führt dazu, dass sie oftmals ihre Behinderung nicht angeben – den Status als Schwerbehinderter bekommen beispielsweise auch Menschen mit künstlichem Hüftgelenk oder Kniegelenk, Menschen mit chronischen Herzerkrankungen oder Krebspatienten.

Was viele Arbeitgeber vergessen: Die deutsche Gesellschaft ist eine alternde Gesellschaft, die demographischen Entwicklungen werden in Zukunft zu einem eklatanten Fachkräftemangel führen. Mit anderen Worten, indem sie Menschen mit Behinderung einstellen, wirken sie dem entgegen. Maßnahmen zur Barrierefreiheit sind gleichzeitig betriebliches Gesundheitsmanagement.

Ein höhenverstellbarer Schreibtisch und ein ergonomischer Stuhl helfen nicht nur Menschen mit anerkanntem Rückenleiden oder Rollstuhlfahrern, sondern auch anderen Mitarbeitern. Das wiederum ist auch im Sinne der Gesundheitsprävention. Die Vorteile im Überblick:

  • Menschen mit Behinderung sind häufig sehr motiviert. Dieser positive Effekt überträgt sich auch auf andere Mitarbeiter.
  • Die hohe intrisische Motivation zeigt sich auch in deutlich weniger Ausfällen durch Krankheit.
  • Durch Inklusion werden Empathie und soziale Kompetenzen der anderen Kollegen gefördert.
  • Bei schwer- und schwerstbehinderten ist eine Übernahme von Hilfs- und Nischentätigkeiten und somit Entlastung der Fachkräfte möglich.

Hinsichtlich der Kosten für einen Mehraufwand (Nachteilsausgleich) gibt es Unterstützung bei den Integrationsämtern, wie zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Einen Zuschuss von bis zu 70 Prozent können Unternehmen erhalten, die behinderte oder schwerbehinderte Menschen einstellen. Die Förderungen sind auch für befristete Beschäftigungsverhältnisse oder Teilzeitarbeitende bei Menschen mit Behinderung möglich.

Die Agenturen für Arbeit und die Träger der Grundsicherung nach dem SGB II sind bei der finanziellen Förderung die Ansprechpartner. Denkbar ist ebenfalls, dass ein Arbeitgeber eine Probebeschäftigung mit einem Arbeitnehmer ausmacht, der eine Behinderung hat.

Diese Probebeschäftigung soll einer Wiedereingliederung dienen und ist innerhalb eines befristeten oder unbefristeten Arbeitsverhältnisses möglich. Bis zu drei Monate können hier die Personalkosten von der Arbeitsagentur oder dem Integrationsamt übernommen werden.

[Bildnachweis: Phovoir by Shutterstock.com]
9. Dezember 2016 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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