Ausbildung ohne Schulabschluss: So geht’s
Ausbildung ohne Schulabschluss: Wie soll das denn gehen? In der Tat können sich deutsche Personaler wohl keinen unattraktiveren Bewerber vorstellen als den verpeilten Hauptschulabbrecher ohne Abschlusszeugnis. Obwohl er oder sie auf die Lehrstelle vielleicht ganz gut passen würde. Aber was mache ich eigentlich als Bewerber in so einer Situation? Wie überzeuge ich die Betriebe, dass ich sehr wohl eine Chance verdient habe? Wie finde ich ohne Abschluss eine Lehrstelle? Karrierebibel zeigt Wege auf.

Ausbildung ohne Schulabschluss: Wie denn?

Grundsätzlich: Ein Schulabschluss ist nicht Voraussetzung für eine Ausbildung. Jeder kann sich bewerben - mit oder ohne Zeugnis. Klar ist aber auch: Je besser der Abschluss, desto besser die Chancen. Und Jugendliche (und auch Ältere) ohne Schulabschluss stehen diesbezüglich in der Nahrungskette ganz unten - und haben oftmals mikroskopisch kleine Chancen auf einen soliden Ausbildungsplatz.

Beispiel Nordrhein-Westfalen: Nach Angaben der Arbeitsagentur NRW hatten 2012 von rund 10.700 Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss in Nordrhein-Westfalen nur gut 3.600 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Und sogar mit Hauptschulabschluss gleicht der Weg zur Lehrstelle bekanntlich nicht unbedingt einem lockeren Spaziergang.

Trotzdem verlassen noch immer viele Schüler ihre Penne ohne jeden Abschluss. Obwohl sie seit Jahren sinkt, lag die lag die Quote 2013 laut DGB-Studie bundesweit bei immerhin 5,7 Prozent aller Schulabgänger. Noch mal das Beispiel NRW: Hier blieben nach Zahlen des Statistischen Landesamts 2014 knapp 5.500 Jugendliche ohne jeglichen Schulabschluss, während an einer Förderschule rund 6.200 Schüler ihren Abschluss machten. Insgesamt verließen damit im Sommer 2014 genau 11.695 Schüler eine allgemeinbildende Schule ohne Hauptschulabschluss - 5,5 Prozent aller Abgänger in NRW.

So weit, so schlecht: Aber welche Möglichkeiten habe ich denn überhaupt ohne Abschluss? Dass Sie auf jeden Fall nicht einfach die Flinte ins Korn werfen, versteht sich (hoffentlich) von selbst. Diese Optionen gibt es ...

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Optionen für Schulabgänger ohne Abschluss

  • Einstiegsqualifizierung

    Das ist die klassische Vorbereitungsmaßnahme für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Ansprechpartner ist die Agentur für Arbeit. Sie vermittelt Plätze in Betrieben, um Kandidaten hier an die Ausbildung heranzuführen - in einem längeren Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten. Wer einen guten Eindruck hinterlässt, dem winken Chancen auf eine reguläre Lehrstelle im Anschluss. Für Teilnehmer besteht (meist) Berufsschulpflicht. Auf Arbeitgeberseite beteiligen sich viele Unternehmen, die länger oder noch nie ausgebildet haben - also ist es gewissermaßen für beide Seiten eine Bewährungsprobe. Teilnehmenden Betrieben winken zudem staatliche Zuschüsse.

  • Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme

    Sie setzt sogar noch ein Stück früher an. Jugendliche ohne Abschluss haben zunächst die Möglichkeit, verschiedene Berufe kennenzulernen, sich zu orientieren und auch praktische Kenntnisse zu verbessern. Dazu zählen etwa die Felder IT- und Medienkompetenz, Sprachförderung und Bewerbungstraining. Auch ein Betriebspraktikum ist vorgesehen, bei dem sich die Betriebe ein eigenes Bild vom Bewerber machen können. Die Vorbereitungsmaßnahme, die sich speziell an Unter-25-Jährige richtet, dauert bis zu zehn Monate, für Jugendliche mit Behinderung elf Monate. Ansprechpartner auch hier: die Bundesagentur für Arbeit.

  • Privatwirtschaftliche Projekte

    In Leipzig schreibt seit einiger Zeit das Projekt Joblinge für positive Schlagzeilen. Auch hier ist vorrangiges Prinzip, einen direkten Kontakt zwischen Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz und den Unternehmen herzustellen. Das sechsmonatige Projekt beginnt für den Teilnehmer mit einer Orientierungsphase, in der er möglichst viele Berufsbilder kennenlernt, in verschiedene Betriebe reinschnuppert und merkt, dass es da draußen noch mehr Berufe als nur die Friseurin und den Mechatroniker gibt. Danach folgt ein Qualifizierungspraktikum, dass über das Joblinge-Netzwerk organisiert wird, und ein mögliches Bewerbungspraktikum. Ehrenamtliche Mentoren stehen den Jugendlichen zur Seite. Die Initiative, die 2007 von der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG und der Boston Consulting Group ins Leben gerufen wurde, hat mittlerweile Standorte in ganz Deutschland: neben Leipzig noch in Berlin, Hamburg, Essen, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München. Die Initiatoren werben mit einer Erfolgsquote von angeblich 65 Prozent.

  • Initiativbewerbung

    Nein, riesengroß sind die Erfolgsaussichten nicht, eine Azubi-Bewerbung ohne irgendwelche Meriten auf den Weg zu bringen. Aber auch nicht komplett hoffnungslos, unter anderem aus diesen zwei Gründen ...

    • Azubi-Mangel: Es gibt Betriebe, ganze Regionen, die tatsächlich einen erhöhten Bedarf haben, die teilweise keine Azubis mehr finden. Vor allem in ländlichen Regionen und in Ostdeutschland sind die Chancen höher als in Ballungszentren - auch für Bewerber ohne Abschluss.
    • Verständnis: Sicher, die Ansprüche der meisten Unternehmen steigen und steigen und steigen seit Jahren. Aber: Es gibt durchaus die eine oder andere Firma, die Härtefällen eine Chance gibt. Vielleicht, weil der Gründer selbst den Weg von ganz unten gegangen ist oder weil er einen Migrationshintergrund hat - und aus Loyalität anderen Migrantenkindern auch ohne Schulabschluss eine Chance gibt.

Um die Chance auf eine erfolgreiche Bewerbung zu steigern, sollten Bewerber ohne Schulabschluss folgende Punkte ganz besonders beachten ...

4 Tipps für Lehrstellensucher

  1. Niveau

    In manchen Berufen sind die Chancen für Schulabgänger besser als in anderen. Im Fachsprech spricht man dabei gerne auch von "Ausbildungsplätzen mit niedrigem Ausbildungsprofil". Bedeutet konkret: Bewerben Sie sich lieber nicht um den Ausbildungsplatz als Bankkaufmann, sondern eher als Verkäufer oder im Handwerk, zum Beispiel in der Metallindustrie.

  2. Bewerbung

    Schulabschluss hin oder her: Ihre Bewerbung sollte professionell und absolut fehlerfrei sein. Überlegen Sie sich gute Argumente, warum das Unternehmen Ihnen eine Chance geben soll, ohne dabei die rührselige Mitleidstour abzuziehen. Verweisen Sie doch einfach mal auf den demographischen Wandel, über den sich viele Unternehmen gerne beklagen, ohne entsprechende Gegenleistungen auf den Tisch zu legen. Machen Sie auf die Chancen aufmerksam, die sich dem angesprochenen Unternehmen durch Sie und Ihre Stärken bieten. Aber halten Sie dann bitte auch, was Sie versprechen.

  3. Netzwerk

    Natürlich kann nicht jeder auf einen prall gefüllten Vitamin-B-Speicher zugreifen. Denn leider gilt auch in punkto Networking: Wer hat, dem wird gegeben. Wer also ohnehin schon erfolgreich im Berufsleben steht, hat (zwangsläufig) mehr Kontakte und Verbindungen, auf die er in der Not zurückgreifen kann. Trotzdem: Fragen Sie gezielt im Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis nach. Kennt irgendjemand von ihnen jemanden, der jemanden kennt, der einen Betrieb hat und Azubis sucht?

  4. Recherche

    Die erweiterte Form des Networkings: Holen Sie sich im Netz Insidertipps, suchen Sie, fragen Sie nach. Welche Betriebe sind offen für Azubis ohne Abschluss? Wo trifft meine Bewerbung womöglich nicht auf taube Ohren? Zum Beispiel in Foren wie Karrierefragen (Disclaimer: Das ist unser Schwesterportal). Oder durch eine diskrete (+ höfliche + fehlerfreie) Anfrage über Karriereseiten, Mails oder eine Xing-Nachricht direkt ans Unternehmen. Oder rufen Sie mal in interessanten Betrieben an und erkundigen sich telefonisch, ob Sie Ihre Bewerbung schicken dürfen. In einem persönlichen Gespräch können Sie positiv auf sich aufmerksam machen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen - trotz fehlender Zeugnisse. Aber: Sie müssen sich in die ganze Angelegenheit schon ein wenig reinknien!

[Bildnachweis: Julia Zakharova by Shutterstock.com]